Halberstadt l Zweimal 55 Tage. Solange wird es brauchen, um 60 Prozent der Einwohner des Harzkreises – das wären rund 110.000 Personen – geimpft zu haben. Wenn 20 mobile Impfteams ausschwärmen und jedes Team am Tag rund 100 Menschen den von vielen heiß ersehnten Piks mit einem Covid-19-Serum gibt. Was erklärtes Ziel von Landrat Thomas Balcerowski (CDU) ist.

Der stellte am Donnerstag gemeinsam mit Marcus Weise, ebenfalls Christdemokrat und als Bürgermeister Harzgerodes zugleich Vorsitzender des Städte- und Gemeindebundes Harz, die dezentrale Impfstrategie des Harzkreises vor. Mit dieser sollen möglichst rasch möglichst viele Menschen geimpft werden. Noch aber könne er keinen konkreten Termin nennen, wann flächendeckend der Piks gegen Covid-19 gesetzt werden kann, sagte Balcerowski. Vor März oder April rechne er nicht mit ausreichenden Mengen an Impfstoff. Und an den verfügbaren Mengen hänge nun einmal alles. Derzeit werde vorrangig in Alten- und Pflegeheimen immunisiert, hier hoffe man, bis Ende Februar die Impfungen abschließen zu können.

Kommunen stellen geeignete Räume

Alle Oberbürgermeister und Bürgermeister im Kreis seien sich einig – es soll so schnell wie möglich flächendeckend losgehen, um endlich wieder mehr Normalität im Alltag zurückzugewinnen. „Als vor knapp drei Wochen die Idee entstand, dezentral zu impfen, waren alle Kollegen sofort bereit, diese Idee umzusetzen“, so Marcus Weise gestern. Was ein Stresstest werden dürfte für die Verwaltungen, wie Landrat Balcerowski betonte – sowohl für die des Kreises als auch für die der Einheits- und Verbandsgemeinden. „Aber in guten Zeiten kann jeder Verwaltung, mal sehen ob wir den Stresstest bestehen.“

Mit dem Gang in die Fläche wolle man vor allem auch den älteren Einwohnern entgegenkommen, die oft nicht mehr so mobil seien. Deshalb soll es in jeder der 13 Einheitsgemeinden sowie in der einen Verbandsgemeinde des Harzkreises mindestens ein kleines Impfzentrum geben. Das Impfzentrum Harz in Quedlinburg bleibe bestehen, werde die Verteilung des Vakzins organisieren und auch weiterhin Impfungen anbieten – dann aber vermutlich vor allem für Mitarbeiter von Rettungsstellen, Pflegediensten und ähnlichem.

In den Städten und Gemeinden habe man in den vergangenen Tagen nach Gebäuden gesucht, die den Anforderungen gerecht werden: gut erreichbar, barrierefrei und ausreichend groß. In manchen Orten stehen die Impfstellen bereits, zum Beispiel in Blankenburg, berichtete Weise. Einige Kommunen wie Ilsenburg und Nordharz wollen wohl die große Harzlandhalle gemeinsam nutzen. Die Stadt Oberharz am Brocken will an drei Standorten Impfstellen einrichten.

„In jedem Impfzentrum können zudem mehrere Impfstraßen aufgebaut sein“, sagte Balcerowski. Die konkrete Abstimmung über den Ort des Geschehens obliege den Städten und Gemeinden, aber nicht jeden Tag werde geimpft.

Halberstadt will im Bahnhof impfen

In der Kreisstadt Halberstadt sei man derzeit dabei, geeignete Räume vorzubereiten, es laufe vermutlich auf den Bahnhof als zentral gelegenen Ort hinaus, war auf Nachfrage von Timo Günther, der in der Stadtverwaltung für den Aufbau des Impfzentrums zuständig ist, zu erfahren.

Auch in Wernigerode, wo beispielsweise Volksstimme-Leser Gerold Heide Informationen zum städtischen Impfzentrum förmlich herbeisehnt, sind die Vorbereitungen längst angelaufen. „Wir wollen unser Impfzentrum in der Sporthalle der Diesterweg-Grundschule aufbauen“, kündigt Dezernent Rüdiger Dorff an.

Das geplante Prozedere: Zunächst würden die über 90-Jährigen, dann die über 80-Jährigen, alphabetisch sortiert angeschrieben und bekämen eine Telefonnummer. Telefonisch werde dann der Termin abgestimmt – möglichst zusammen als Ehepaar. Geimpft werde immer samstags die erste Dosis und drei Wochen und einen Tag später die zweite. Aber: „Wir starten erst, wenn wir Impfstoff haben.“ Auch Dorff rechnet frühestens im März damit.

Turnhallen im Huy und in Ballenstedt

Im Huy will Bürgermeister Thomas Krüger (CDU) sehr wahrscheinlich die Hälfte der Huylandhalle in Badersleben zum Impfzentrum umfunktionieren. Gebe es genug Serum, sei ein zweites Zentrum in der Schlanstedter Sporthalle denkbar. Analog die Verfahrensweise in Ballenstedt. Hier soll die Wolterstorff-Halle genutzt werden, auch hier würden die Bürger angeschrieben, kündigt Bürgermeister Michael Knoppik (CDU) an.

Die Räume sind nur eine Seite der Medaille. „Wir haben eine klare Aufgabentrennung“, sagt Landrat Balcerowski. Neben den Räumen stellen die Kommunen das Personal zum Betrieb der Zentren, also jene, die sich um die Impfwilligen kümmern.

Der Kreis stelle die mobilen Impfteams, die dann vor Ort die Spritzen setzen. Die Impfteams würden personell von Hilfsorganisationen unterstützt, die Kassenärztliche Vereinigung stellt die Ärzte. Wobei sich viele Mediziner, Hausärzte und Ruheständler gemeldet hätten. Dafür sei man sehr dankbar, betonte der Landrat. Manchmal bringen die Mediziner eigenes Personal für die mobilen Teams mit. „Und wir haben immer einen Mediziner, der in Rufbereitschaft ist, falls doch mal ein Arzt ausfallen sollte“, so Balcerowski.

Terminvergabe erst nach Anschreiben

Zu den Aufgaben, die bei den Städten und Gemeinden liegen, gehört die Terminvergabe. Im Harzkreis soll alles über die Rathäuser geregelt werden und nicht über die völlig überlaufene bundesweite Hotline oder Online-Plattformen. Wobei klare Regeln festgelegt sind, betonen Weise und Balcerowski unisono. So werde man strikt nach Lebensalter gestaffelt vorgehen – von den ältesten zu den jüngeren.

Jeder Einwohner, der potenziell geimpft werden kann, bekomme zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Brief aus seinem Rathaus. In dem steht dann eine Telefonnummer, unter der Impftermine vergeben werden. „Es gibt gleich beide Termine, also den für die Erst- und den für die Zweitimpfung“, erklärte Weise. Wobei er um Geduld wirbt. „Wenn am Donnerstag die Briefe rausgehen, können die Angeschriebenen nicht erwarten, Montagfrüh gleich einen Termin zu haben.“ Allein in Halberstadt sind zum Beispiel über 3500 Menschen älter als 80 Jahre, in Wernigerode rund 3400.

„Es hat auch keinen Zweck, vorher anzurufen. Wir entscheiden nach Lebensalter und bestehenden Vorerkrankungen, nicht danach, wer zuerst angerufen hat“, betonte Weise. Nach den über 85-Jährigen seien die über 80 Jahre alten Mitbürger dran, dann die über 75-Jährigen und so weiter.

Absprachen zu Transport möglich

Die Verwaltungen bereiteten sich derzeit auf diese Aufgaben vor, so Weise. Der Vorteil sei, dass man zumeist die Menschen im Ort kenne, so seien Absprachen möglich, wenn der Impfwillige zum Beispiel Transporthilfe brauche.

In der Kreisverwaltung werde derweil Personal umgesetzt, von der Corona-Nachverfolgung und dem Team, das die Vor- und Nachbereitung der Impfungen übernimmt. Eine Herausforderung, da vor allem die Technik Probleme bereite.

Laptops und Software stellt das Land zur Verfügung, doch vor allem letzte sei der Herausforderung nicht angemessen, kritisierte Balcerowski. Es sei ja verständlich, dass eine einheitliche Software wichtig sei, damit im Robert-Koch-Institut die eingehenden Daten adäquat verarbeitet werden könnten. „Aber was uns hier vom Land angeboten wird, wird den Anforderungen in einer Pandemie nicht gerecht.“