Halberstadt l Verhalten ist der Einzelhandel nach der ersten Lockerung der Corona-Beschränkungen am Montag in den Rathauspassagen Halberstadt gestartet.

Das Einhalten des Sicherheitsabstandes von mindestens 1,50 Metern zwischen Personen ist weder in den Gängen der Passage noch in den Geschäften ein Problem. Der große Kundenansturm bleibt vorerst trotzdem aus. Mitarbeiter der Läden, die öffnen dürfen, weil sie bis zu 800 Quadratmeter groß sind, haben bereits in der vergangenen Woche alles dafür getan, dass Kunden in ihren Geschäften sicher sind. Dennoch endet der Neustart für einige bereits kurz nach der Öffnung abrupt.

Die Mitarbeiter des Modehauses Mein Fischer sind nach dem optimistischen Neustart am Morgen gefrustet. Gegen 10.30 Uhr stehen plötzlich Mitarbeiter der Ordnungsämter der Stadt Halberstadt und des Landkreises Harz im Geschäft. Sie fordern rigoros, dass das Modegeschäft wieder geschlossen wird. Begründung gegenüber der Filialleitung: Laut Anweisung des Landes-Sozialministeriums sei der Laden wieder zu schließen. Etagen zu trennen, um die Gesamtfläche auf unter 800 Quadratmeter zu reduzieren, reiche nicht aus. Der Ärger ist groß.

Geschäftsmann ist sauer über Schließung

„Wir haben in den zurückliegenden Tagen alles dafür getan, dass die Hygieneanforderungen erfüllt werden und freuten uns, für die Gäste wieder da zu sein“, sagt Filialleiterin Marion Rieger. Das auf zwei Etagen angesiedelte Unternehmen trennte die obere (Herrenmode) von der unteren Etage (Damenmode), setzte die verbindende Rolltreppe außer Betrieb, sodass jeder einen separaten Eingang besitzt, um damit nach Angaben von Marion Rieger die 800-Quadratmeter-Regelung zu erfüllen. „Wir bleiben in beiden Geschäften darunter.“ Desinfektionsmittel stünden für die Gäste an den Eingängen der jetzt zwei Läden bereit, große Hinweisschilder weisen auf die Verhaltensregeln hin. Mitarbeiter seien mit Masken ausgestattet. „Wir wollen noch kostenlos Masken anbieten. Die sind aber noch unterwegs“, so Marion Rieger. Das alles aber hilft nicht – das Modehaus muss schließen.

In direkter Nachbarschaft sind AWG-Moden ebenso betroffen. Das Ordnungsamt greift durch, die Rollläden schließen wieder. Enttäuschung gibt es auch dort. Allerdings hält sich die Filialleitung mit einer Stellungnahme zurück.

Noch keine Soforthilfe

Einen „dicken Hals“ hat Klaus-Peter Barz von Sport Barz. Auch ihm wurde das Geschäft vom Ordnungsamt kurzerhand wieder geschlossen, obwohl sein Unternehmen nach eigener Messung weniger als 800 Quadratmeter groß ist. „Da stehen plötzlich sage und schreibe sechs Behörden-Mitarbeiter im Laden und erklären mir, dass der Laden größer sei und schließen ihn. Auf der anderen Seite habe ich vor drei Wochen Soforthilfe für das Geschäft beantragt. Bis heute habe ich nichts erhalten. Da kann einem doch die Hutschnur hochgehen“, schimpft Klaus-Peter Barz. Hier stünden überall Existenzen auf dem Spiel. „Gravierend ist, dass sich in dieser schweren Zeit die Kandidaten für die OB-Wahl im Juli überhaupt nicht für uns engagieren.“

C & A versucht an diesem Montagmorgen erst gar nicht zu öffnen – die Eingänge sind verbarrikadiert, die Beleuchtung aus. Geschlossen ist ebenfalls der Medimax. Enrico Burau, Centermanager der Rathauspassagen, appelliert, ruhig zu bleiben. „Ich befinde mich im Gespräch mit dem Ordnungsamt und ich bin mir sicher, dass man eine vernünftige und demokratische Lösung findet.“ Wichtig sei, dass Rechtssicherheit geschaffen werde.

Erleichterung bei kleineren Anbietern

Viele kleinere Modegeschäfte in der Rathauspassage , die weniger als 800 Quadratmeter groß sind, können indes problemlos öffnen. Daniela Bollmann, Filialleiterin von Camp David & Soxxc, ist erleichtert, wieder für ihre Kunden da zu sein. „Ich habe mich auf den Neustart gefreut und darauf, endlich wieder etwas zu tun zu haben. Wir tragen Handschuhe, Masken und achten auf den Mindestabstand“, berichtet sie.

„Gott sei Dank geht es wieder los“, zeigt sich Franziska Schwarz, Filialleitung vom Jeansdealer, froh über den Neustart. Sicherheit werde auch in ihrem Geschäft groß geschrieben. Von der 800-Quadratmeter-Regelung hält sie nichts. Viele Supermärkte seien größer und dürften öffnen. „Wenn der Sicherheitsabstand und die Hygiene eingehalten werden, können auch größere Läden öffnen“, sagt sie.

Ordnungsamt setzt Richtlinie durch

Mandy Winkelmann von Tamaris sagt: „Hygieneregeln, die kleine Geschäfte einhalten müssen, können auch in größeren umgesetzt werden. Von den 800 Quadratmetern halte ich überhaupt nichts.“ In ihrem Geschäft dürften sich maximal fünf Kunden aufhalten, darauf werde geachtet. Wobei es nicht immer leicht sei, die Regeln peinlich genau zu befolgen.

Ralf Fleischhauer, Chef des städtischen Ordnungsamtes, bestätigt den Einsatz der Kontrollen in der Passage, die unter Federführung des Landkreises gelaufen seien. „Ich kenne keine Absprachen zur Öffnung von Geschäften, die sich so verkleinern, dass sie unter die 800-Quadratmeter-Regelung fallen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Richtlinien des Landes umgesetzt werden.“

Das bestätigt Manuel Slawig, Sprecher der Kreisverwaltung Harz. „Nach Kontrollen des Ordnungsamtes wurden drei Geschäfte in der Rathauspassage geschlossen, weil die Geschäfte eine Verkaufsfläche von über 800 Quadratmetern besitzen. Es gab weder Absprachen noch Zusagen zur Öffnung von Geschäften. In einem Gespräch mit dem Center-Management sind die Regelungen der vierten SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung für Sachsen-Anhalt erörtert wurden, speziell die Punkte Hygieneregelungen und Zugangsbegrenzungen sowie auch der Punkt, dass Verkaufsflächen nicht verkleinert werden dürfen, so Manuel Slawig.

Keine Abstriche

In der Halberstädter Innenstadt liegt die Mehrzahl der Geschäfte in puncto Verkaufsfläche unter den 800 Quadratmetern, die vom Bund und den Ländern als Höchstgrenze festgelegt wurden. Während andere Bundesländer wie das benachbarte Niedersachsen zulassen, dass Geschäfte ihre Verkaufsfläche durch Absperrung von Teilbereichen verkleinern, gibt es in Sachsen-Anhalt keinerlei Abweichungen von den Buchstaben des Beschlusses. „Wir haben 1:1 umgesetzt, was in dem Kompromiss stand“, sagt Ute Albersmann, Sprecherin des Sozialministeriums, auf Volksstimme-Nachfrage.

Grundlage dafür ist die Baunutzungsverordnung, die Geschäfte und Märkte mit mehr als 800 Quadratmetern Fläche als großflächig bezeichnet. „Es besteht die Gefahr, dass große Märkte und Möbelhäuser auch große Menschenmengen anziehen, die es aufgrund der Pandemie zu verhindern gilt“, erinnert Ute Albersmann.

Bisher hätten die Oberverwaltungsgerichte anderer Bundesländer diese Einschätzung geteilt und Eilanträge gegen Verordnungen, die der in Sachsen-Anhalt ähneln, zurückgewiesen. Ob es dabei bleibe, würde die kommenden zwei Wochen zeigen – so lange ist die aktuelle Regelung gültig.