Wernigerode/Halberstadt/Goslar l Passend zur Walpurgisnacht wird „Die kleine Hexe“ mit Karoline Herfurth gezeigt. Mit diesem Film feiert das Autokino Goslar am Donnerstag, 30. April, seine Premiere. Die Vorbereitungen laufen: Der Platz wird für die ankommenden Autos hergerichtet, Absperrungen errichtet und die Leinwand aufgebaut. Karten können bereits gebucht werden. Zumindest von Bürgern aus Niedersachsen. Harzer gehen dagegen aufgrund der geltenden Corona-Bestimmungen leer aus – in doppelter Hinsicht.

„Aufgrund der vorübergehenden Kontaktbeschränkungen im Öffentlichen Raum darf ein Verlassen der eigenen Häuslichkeit nur aus triftigem Grund erfolgen“, erläutert Andreas Pinkert, Presse-Referent des Sozial-Ministeriums Sachsen-Anhalt. „Das gilt auch für das Fahren in andere Bundesländer.“ Obwohl keine 25 Kilometer Luftlinie von Wernigerode entfernt, rückt das Goslaraner Autokino für Harzer so in weite Ferne.

Kein Grund, das Haus zu verlassen

Nicht nur das: Nach Auffassung der Landesverwaltung Sachsen-Anhalts zählen Besuche eines Autokinos auch im eigenen Bundesland nicht als ausreichender Grund dafür, das Haus zu verlassen, wie Pinkert mitteilt. Trotz der Bestrebungen von Kinobetreibern, Veranstaltern und Politikern aus mehreren Städten in den vergangenen Wochen hat sich daran – noch – nichts geändert.

„Dem müssen wir uns beugen, aber verstehen können wir es nicht“, sagt Christian Legler. Der Wernigeröder ist der Inhaber der Veranstaltungsagentur Studio D4 und gehört zu den Organisatoren des Goslaraner Autokinos auf dem Fliegerhorst-Gelände. Gern, so betont er, würde er auch in seiner Heimatstadt eines veranstalten, gemeinsam mit Andreas Adelsberger, dem Pächter der Volkslichtspiele in Wernigerode. „Wir könnten sofort loslegen“, so Legler. Das Hygienekonzept stehe, Lizenzen seien genehmigt.

Thales Bürgermeister fordert mehr Mut

Was fehlt, ist das Okay vom Kreis. Doch das könne angesichts der aktuellen Corona-Verordnungen nicht gegeben werden, sagt Franziska Banse, Sprecherin des Landkreises, auf Volksstimme-Nachfrage.

Ein Fakt, den Thomas Balcerowski ganz anders auslegt. Der Christdemokrat ist amtierender Bürgermeister Thales und Kandidat für das Landratsamt. „Autokinos sind in der Verordnung nicht explizit verboten und was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt“, sagt Balcerowski. „Die Verwaltung hat das zu unterstützen, wenn Bürger kreativ werden und aus der Not eine Tugend machen“, betont er. Es sei sinnvoller, gemeinsam Konzepte mit Veranstaltern zu erarbeiten anstatt alles von vornherein abzuwiegeln. „Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen, die Verhältnismäßigkeit ist nicht gewahrt.“

Hitzige Diskussionen

Aus seiner Sicht könnte der Landkreis selbst darüber entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen Autokinos im Harz eröffnet werden. „Aber der Landkreis ist entscheidungsunfreudig“, kritisiert der Bürgermeister. „Ich würde mir mehr Mut wünschen.“ Das strikte Auslegen der Verordnung schüre nur Missmut in der Bevölkerung. „95 Prozent der Bürger haben sich bisher an die Auflagen gehalten und gezeigt, dass sie diszipliniert sind.“ Der Kreis müsse ihnen mehr Eigenverantwortung einräumen.

Das Thema Autokino habe in einer der jüngsten Telefonkonferenzen zwischen dem Landrat und den Bürgermeistern für hitzige Diskussionen gesorgt. Dass sich Thomas Balcerowski vehement für die Lockerung der Regelungen zugunsten von Autokinos einsetzt, hat Gründe. So unterstützt er Daniel Szarata (CDU) – Landtagsmitglied und Kandidat um das Oberbürgermeisteramt in Halberstadt - der gemeinsam mit der Zuckerfabrik und dem Wehrstedter Hof ein Autokino in der Domstadt auf die Beine stellen will. Grundsätzlich steht die Stadtverwaltung diesen Plänen positiv gegenüber, sagt Rathaussprecherin Ute Huch. „Wenn rechtlich nichts dagegen spricht.“

Termin nicht zu halten

Da dies aber noch der Fall ist, kann die geplante Eröffnung am 1. Mai nicht stattfinden. „Diesen Termin können wir natürlich nicht halten“, so Szarata. Er habe die Hoffnung, dass sich bei der nächsten Beratung der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin Lockerungen ergeben. „Mein Gefühl sagt mir, dass Autokinos erlaubt werden.“ Und dann, so verspricht er, bekommt Halberstadt am zweiten Mai-Wochenende ein Freilichtkino auf dem Anger.

Ebenfalls im Mai soll Thale ein Autokino bekommen, wenn es nach Thomas Balcerowski geht. „Als Ersatz für die Bergtheater-Saison, die ja nicht starten kann.“ Der Hexentanzplatz biete ideale Voraussetzungen. Noch gelte es, technische Details und Lizenzen zu klären. Und die Genehmigung vom Landkreis zu erhalten.

Verwaltung hofft auf Umdenken

Die liegt Andreas Adelsberger und Christian Legler bereits vor – allerdings für Apolda in Thüringen. Am 8. Mai soll das Autokino dort an den Start gehen. „Da war das überhaupt nicht kompliziert“, so Adelsberger. Wie unterschiedlich die Auffassung von Bundesland zu Bundesland ist, sei für ihn unverständlich, sagt Christian Legler. Zumal auch in Sachsen-Anhalt andere Freizeiteinrichtungen wieder öffnen dürfen. „Ich gönne jedem Zoo, jedem Museum und dem Bürgerpark die Besucher – aber warum dürfen sie öffnen und wir nicht?“ Zudem die Corona-Fallzahlen hierzulande vergleichsweise niedrig seien. „Kann es sich Sachsen-Anhalt tatsächlich erlauben, die Wirtschaft weiter so auszubremsen? Wir würden doch alle viel lieber arbeiten als Staatshilfen zu beantragen“, kritisiert der Wernigeröder. Er habe für seine Angestellten Kurzarbeit beantragen müssen. Dabei könnte es für sein Team durchaus mehr zu tun geben: Auch mit Stendalern und Ascherslebern war er für Autokinos im Gespräch. „Die planen wir auch weiter“, versichert er. Zumal er die Erfahrung gemacht habe, dass viele Stadtverwaltungen und Gesundheitsämter die Pläne unterstützen.

So ist es auch in Wernigerode: „Wir als Stadt standen dem Ansinnen von Anfang an sehr positiv gegenüber“, betont Tobias Kascha, Leiter des Büros des Wernigeröder Oberbürgermeisters. „Wir haben uns auch positiv gegenüber den Genehmigungsbehörden geäußert und unsere Hilfe angeboten.“ Aus Sicht der Stadt bestehe kein Gefährdungspotential, wenn die Regeln und Auflagen – Desinfektion, Auto nicht verlassen, keine weiteren Ansammlungen – eingehalten werden. Zudem sei die Verwaltung bereit, das Autokino mit städtischen Ordnungskräften „im Rahmen unserer personellen Möglichkeiten“ mit abzusichern, zum Beispiel mit Kontrollen.

„Es ist schade, gerade mit Blick auf andere Kommunen wie Goslar, wo es geht, dass wir hier in Sachsen-Anhalt scheinbar kein Möglichkeit für ein Autokino finden“, sagt Kascha. „In dieser Zeit wäre das eine dringende und sicher gern genommene Ablenkung vom ‚Corona-Alltag‘ für die Menschen. Man kann nur hoffen, dass es vielleicht noch ein schnelles Umdenken gibt.“ Darauf hofft auch Kino-Pächter Andreas Adelsberger weiter. „Schade ist nur, dass wir unseren immensen Zeitvorteil verloren haben.“ Schon zu Ostern wäre das Wernigeröder Autokino startklar gewesen. „Mittlerweile schießen sie in allen Bundesländern wie Pilze aus dem Boden und wir warten immer noch auf eine Lockerung.“