Benzingerode l Fassungslos gehe ich über den Parkplatz eines großen Einkaufscenters. Menschen stehe in Gruppen dicht beieinander. Kommt wer hinzu und kennt man sich, erfolgt eine herzliche Begrüßung mit Umarmung. Als ich wenig später an der Kasse stehe, rückt die Kundin hinter mir mit Fortlaufen des Kassenbandes immer dichter an mich ran, die anderen folgen. Diskret versuche ich, den Abstand zu vergrößern, doch man folgt mir auf dem Fuße. An der Kasse bedauere ich die Kassiererin, weil sich die Familie vor mir galant übers Kassenband gebeugt hat und ihre Kinder auf den Warenablagen rumtoben lässt. Glatte Kuschelentfernung, statt der von Virologen immer wieder gepredigten mindestens anderthalb Meter Distanz. Und am Ausgang wettern zwei ältere Herren, man solle sich doch wegen dieser Erkältungskrankheit nicht so anstellen und es werde überhaupt zu viel Panik deswegen gemacht. Schockiert denke ich mir: absolut nichts verstanden.

Ich appelliere eindringlich an den gesunden Menschenverstand und an die Solidarität. Besorgt nehme ich zur Kenntnis, welchen Risiken sich viele Menschen in unserem Land und im Harzkreis weiterhin aussetzen – bewusst oder unbewusst. Scheinbar reicht die 24-stündige Medienpräsenz zur aktuellen Pandemie immer noch nicht aus, allen Menschen den Ernst der Lage zu verdeutlichen.

In der aktuellen Situation ist Panikmache nicht angebracht, dennoch stelle ich in den vergangenen vier Wochen fest, dass die aktuelle Situation noch von zu vielen Menschen nicht ernst genug genommen wird. Wir stehen vielleicht vor der größten Herausforderung seit der spanischen Grippe. Deren Ausbruch jährt sich in diesem Frühjahr übrigens zum 100. Mal. Das Influenza-Virus tötete damals weltweit schätzungsweise zwischen 27 und 50 Millionen Menschen, heißt es auf aerzteblatt.de.

Heute kommen trotz dringender Corona-Warnungen Patienten ohne telefonische Anmeldung in die Arztpraxen oder Notaufnahmen. Auch Menschen, die aufgrund von Alter und Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehören, nehmen die Situation nicht ausreichend ernst und setzen sich mit unnötigen Sozialkontakten einer Gefahr aus. Die Hausarztpraxen weisen darauf hin, nicht unangekündigt vorbei zu kommen, um die Gefahren einzudämmen. Bitte handeln Sie entsprechend.

Vieles lässt sich erstmal telefonisch regeln und der Hausarzt entscheidet, welche Patienten dann in die Praxen einbestellt werden oder an die richtige Anlaufstelle weitergeleitet werden. Doch leider müssen viele Patienten eindringlich und deutlich darauf hingewiesen werden, sich und andere zu schützen, indem sie möglichst zu Hause bleiben!

Nur so können wir – abgesehen von den eindringlichen Hinweisen zur persönlichen Hände-, Husten- und Nieshygiene – eine weitere Eskalation zumindest versuchen zu vermeiden. Mittlerweile machen erste Hausärzte bereits ihre Praxis zu, weil es keine Schutzausrüstung mehr gibt und die Ärzte sich nicht nur ihren Patienten gegenüber, sondern auch ihren Mitarbeitern und deren Familien in der Verantwortung sehen.

Vielerorts sind die persönlichen Schutzausrüstungen, die in jeder Praxis sonst vorgehalten werden, längst aufgebraucht. Es sind keine Schutzanzüge und Schutzmasken mehr zu bekommen, weil sich Privatleute in Hamsterkäufen damit eingedeckt haben. Das bedeutet, dass alle, die in unserem Gesundheitswesen jetzt und künftig an vorderster Front kämpfen, zum Teil keine Möglichkeiten mehr haben, sich während ihrer Arbeit am Patienten zu schützen. Auch dies schränkt die Versorgungsmöglichkeiten Erkrankter erheblich ein. Das kann nicht im Sinne einer solidarischen Gesellschaft sein.

Ich sorge mich auch darum, dass beispielsweise beim Einkaufen der immer wieder empfohlene Hygieneabstand zueinander nicht eingehalten wird. Weiterhin stehen die Menschen in der Warteschlange leichtfertig dicht beieinander. Der Kontakt zu Mitmenschen, die man zufällig trifft, findet viel zu nah statt. Oft werden Husten- und Niesetikette nicht konsequent eingehalten.

Denken Sie hierbei doch auch mal an die Menschen, die im Einzelhandel unsere Versorgung sicherstellen oder an die Schwester am Tresen beim Hausarzt – sie alle werden dadurch einer hohen Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Enkelkinder landen – trotz glasklarer Hinweise – nach wie vor bei ihren Großeltern. Oder toben immer noch auf dem Spielplatz um die Ecke, wo wir doch genau wissen, dass Kinder unter Umständen gar nicht erkranken, die Infektion aber unbemerkt weitergeben.

Abstandsstreifen, in Zwei-Meter-Abständen im Kassenbereich der Supermärkte auf den Boden geklebt, könnten das Bewusstsein für die Gefahr verbessern. Bitte achten Sie weiterhin auf die Hinweise, die Sie rund um die Uhr aus den Medien erhalten und – bittebitte – handeln Sie auch danach.

Oma und Opa zu besuchen, ist im Moment keine gute Idee, weil gerade unsere älteren Mitbürger und chronisch Kranke zu einer Hochrisikogruppe gehören. Und ja: Genau diese Menschen drohen zu sterben.

Bieten Sie stattdessen den gefährdeten Nachbarn, Bekannten, Freunden doch einfach an, die Einkäufe mit zu erledigen.

Ihre Mitmenschen werden es Ihnen danken. Außerhalb der Praxis-Sprechzeiten wenden Sie sich bitte an die zentrale Rufnummer 116 117 und suchen bitte nicht direkt die Notaufnahmen der Kliniken auf, denn die Kapazitäten müssen dort ebenso wie in den Praxen geordnet gebündelt werden.

Wir sind momentan erst am Anfang der Krise und die Patientenzahlen, die wir heute sehen, spiegeln den Infektionsstand von vor zehn Tagen wider.

Wir müssen in der jetzigen Situation aufeinander Acht geben und endlich anfangen, die dringend gebotene Verantwortung füreinander wahrzunehmen. Nur dann ist es möglich, die Situation einzudämmen.

Fangen wir endlich alle an , solidarisch im Sinne aller Bürger zu handeln.

Und vor allem: Meiden Sie für die nächste Zeit soziale Kontakte und bleiben Sie, wenn es irgendwie geht, einfach zu Hause.