Halberstadt l Auf Kameras ­reagieren Mitarbeiter der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt immer noch sehr sensibel. Einige lassen sich selbst mit Mundschutz nicht bei ihrer Arbeit fotografieren. In den zurückliegenden Wochen reagierten Bürger teils feindselig angesichts der Tatsache, dass sie in der Zast arbeiten.

Die Angst, trotz der Vermummung als Zast-Mitarbeiter erkannt zu werden, ist groß. Eckhardt Stein, Standortleiter der Zast in Halberstadt, bestätigt, dass das Verhalten nicht grundlos sei und das man dafür Verständnis aufbringen sollte.

„Es gab viele Anfeindungen gegen meine Mitarbeiter“, sagt Stein Der einzige Grund: Sie ließen trotz Corona die Menschen in der Zast nicht im Stich und gehen bis heute engagiert ihrer Arbeit nach.

Für Bewohner und Mitarbeiter sei die Quarantäne eine Zeit höchster psychischer Belastung gewesen. Dazu kam für die Mitarbeiter, dass ihre Arbeit in der Zast in der Öffentlichkeit mit Unverständnis quittiert worden sei. „Nachbarn fragten besorgt, warum sie sich angesichts ihres Jobs noch frei bewegen dürfen. In einigen Fällen gab es sogar Schwierigkeiten, dass Mitarbeiter ihre Kinder in der Kita-Notbetreuung unterbringen konnten. Obwohl sie in einem systemrelevanten Job arbeiten“, berichtet Eckhardt Stein. Es sei schade, dass in der Außenwahrnehmung die tolle Arbeit, die in der Zast geleistet wird, von vielen nicht anerkannt werde. Obwohl Grund zur Angst angesichts der strengen Quarantäne­auflagen und der intensiven Tests von Flüchtlingen und Mitarbeitern unbegründet gewesen sei.

„Ich habe in der Zast mehr soziale Kontakte als in meinem Privatleben und erfreue mich bester Gesundheit“, sagt Eckhardt Stein. Vom Ausbruch der Corona-Pandemie bis zum 21. Mai seien bei den regelmäßigen Tests nur ein ­Sozialarbeiter und zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes positiv getestet worden. „Ob sie sich mit dem Virus während ihrer Arbeit infiziert haben, kann niemand sagen. Es kann auch außerhalb der Zast passiert sein“, so Eckhardt Stein.

Dirk Westendorf arbeitet seit fünf Jahren als Sozialarbeiter in der Zast Halberstadt. Er betreut Erwachsene und Kinder im Familienhaus. „Das Virus hat unseren Arbeitsalltag von jetzt auf gleich völlig auf den Kopf gestellt. Wir mussten alles so organisieren, dass das Leben für die Menschen halbwegs erträglich ist.“

Die Aufgaben seien plötzlich ganz andere gewesen. Den Alltag galt es unter Pandemiebedingungen neu zu organisieren. Kontakte mussten eingeschränkt werden, die Menschen durften sich nicht mehr frei bewegen. Sie konnten nicht mehr selbst Lebensmittel einkaufen, um damit Essen zu kochen, berichtet der Sozialarbeiter. Die Bewohner mussten mit Dingen des täglichen Lebens versorgt werden. Spenden hätten den Menschen über diese Zeit geholfen. Außerdem musste die Kinderbetreuung eingestellt werden. Sie ist bis heute geschlossen. „Trotz all der Probleme sind wir in unserem Familienhaus ganz gut durch diese schwierigen Wochen gekommen“, sagt Dirk Westendorf erfreut.

Jetzt stehe der Alltag zwar nicht mehr unter Ausnahmezustand, aber er sei nicht mehr so wie vorher, berichtet Dirk Westendorf. Zwar seien zwischen den Häusern die Quarantäne-Zäune verschwunden, die Bewohner können sich draußen frei aufhalten, dürfen aber nur das Gebäude betreten, in dem sie untergebracht sind, die anderen nicht.

Eckhardt Stein arbeitet seit sechs Jahren in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber als Standortleiter. „Ich gehe sehr gern zur Arbeit. Daran hat auch die Corona-Krise nichts geändert. Die Menschen verhalten sich friedlich.“

An den Tag, als alles begann, kann sich der Standortleiter noch sehr gut erinnern. „Fünf Wochen und drei Tage stand die Zast unter Quarantäne“, muss Eckhardt Stein nicht lang überlegen. Eine Zeit, die sowohl die Bewohner als auch die Mitarbeiter vor noch nie gekannte Probleme stellte. Urplötzlich schossen die Infektions­zahlen in der Einrichtung in die Höhe. Insgesamt waren es bislang 136, die sofort in Magdeburg und Quedlinburg isoliert wurden. Seit langer Zeit habe es keine neuen Fälle gegeben.

„Am ersten Tag fingen wir in den frühen Morgenstunden die Reinigungskräfte schon mehrere hundert Meter vor der Zentralen Anlaufstelle auf Höhe des THW-Standortes ab, damit sie nicht unvorbereitet und ungeschützt die Einrichtung betreten.“ Der Mitarbeitereinsatz erfolgte unter größter Vorsicht, um die ­Sicherheit zu gewährleisten. Im Zentrum des Handelns stand der Schutz der Bewohner und der Mitarbeiten. Das Coronavirus durfte die Zast nicht verlassen.

Das Virus änderte schlagartig das Leben und die Arbeit in der Flüchtlingsunterkunft, erinnert sich der Standortleiter. Die Menschen, die in der Unterkunft ein Zuhause auf Zeit haben, durften von heute auf morgen nicht mehr einkaufen, zwischen den Unterkünften wurden wegen der Quarantäne Zäune aufgebaut, sie durften die Zast nicht mehr verlassen, die Kinderbetreuung und der Sprachunterricht wurden eingestellt. Der Bewegungsradius beschränkte sich praktisch nur noch auf das eigene wenige Quadratmeter große Zimmer. Eine Familie, also zwei Erwachsene und drei Kinder, waren auf 36 Quadratmetern praktisch eingesperrt.„Dass das für die Menschen beängstigend ist, ich denke, das dürfte für jeden, der sich in diese Situation versetzen kann, verständlich sein“, so Eckhardt Stein.

Dennoch sei das Corona-Geschehen nicht der Grund für die Unruhen gewesen, mit der die Zast in die Schlagzeilen kam. „Es wurden viele Gerüchte und Stimmungsmache in die Einrichtung hereingetragen und Unruhe gestiftet. In einem Fall gab es ­Rivalitäten zwischen Georgiern und Afrikanern, die nichts mit Corona zu tun hatten“, betont der Halberstädter. 95 Prozent der Bewohner seien während der schwierigen Zeit der Quarantäne friedlich geblieben und hätten die Einschränkungen des täglichen Lebens mitgetragen. Viele lassen sich jetzt noch freiwillig wöchentlich zweimal auf das Coronavirus testen, um neue Infektionen zu vermeiden.

„Für die Pandemie gab es keine Erfahrungswerte. Wir mussten in der Zast einen Lernprozess durchlaufen“, stellt Eckhardt Stein fest. Jetzt könne man auf praktische Werte zurückgreifen, auf die er unter normalen Bedingungen gern verzichtet hätte. Aber die würden ihn und sein Team jetzt in die Lage versetzen, in Zukunft besser und schneller auf erneute Gesundheitskrisen reagieren zu können.

Eine Erfahrung sei, die Belegungszahl zu verringern. Anfangs waren bis zu 850 Flüchtlinge in der Zast untergebracht. Mittlerweile sind es 480, Tendenz sinkend. Neuzugänge gebe es nicht, die würden in Magdeburg aufgenommen. Die Mahlzeiten werden nicht mehr zentral in der Mensa eingenommen, sondern nach der Ausgabe in den Zimmern. Vier-Bett-Zimmer belegt man nur noch mit zwei oder einer Person.