Halberstadt l Das Besuchsverbot in Krankenhäusern ist aufgehoben – ist damit alles wieder wie vor Corona? Im Interview mit Volksstimme-Redakteurin Sandra Reulecke berichtet Prof. Dr. Klaus Begall, ärztlicher Direktor im Ameos-Klinikum Halberstadt, wie sich Angehörige verhalten müssen, wenn sie Patienten besuchen wollen.

Volksstimme: Herr Prof. Dr. Begall, nun dürfen Patienten wieder Besuch empfangen. Was müssen die Gäste beachten?
Prof. Dr. Begall:
Die sechste Pandemie-Verordnung schreibt das sehr konkret vor: Jeder Patient darf Besuch von einer Person am Tag für eine Stunde erhalten. Die Besucher müssen mindestens 16 Jahre alt, sich zunächst an der Rezeption melden und dort eine Checkliste ausfüllen. Darin werden sie unter anderem befragt, ob sie coronatypische Symptome haben. Erst, wenn sie nach der Kontrolle der Checkliste das Okay erhalten, dürfen sie zu den Patienten. Zudem erhalten sie eine Besucherkarte, um sich im Haus ausweisen zu können, dass sie die Erlaubnis haben, sich hier aufzuhalten. Eine medizinische Mund-Nasen-Maske ist Pflicht, ebenso 1,5 Meter Abstand zu halten – auch zu den Patienten. Händewaschen und -desinfizieren sind ebenfalls Voraussetzung. Jeder Besucher wird zudem dokumentiert.

Gibt es Ausnahmen von diesen noch immer strengen Regeln?
Ja, wenn Kinder als Patienten im Krankenhaus liegen, Schwerstkranke oder wenn es um die Begleitung am Lebensende geht. Dann sind auch längere Besuche gestattet und, wenn auch nicht gleichzeitig, von mehr als einer Person. Wie das dann abläuft, muss im Einzelfall entschieden werden.

Wie haben Patienten und Angehörige auf das bisher geltende Besuchsverbot reagiert?
Mir sind zwar wenige negative Reaktionen oder Äußerungen bekannt, aber die meisten Besucher und auch die Patienten haben Verständnis für diese besondere Situation gezeigt. Man darf dabei auch nicht außer Acht lassen, dass die meisten Patienten eine Verweildauer von nur drei, vier Tagen haben. Trotzdem werden sich jetzt viele freuen, dass wieder Besuche stattfinden dürfen. Es ist auch wichtig für den Heilungsprozess, dass Patienten Besuch haben.

Befürchten Sie eine Ausbreitung des Virus aufgrund der Lockerungen, insbesondere für Krankenhäuser?
Die Lockerungen für Krankenhäuser sind mit Augenmaß gemacht worden. Wir sind in einem lernenden Prozess, man kann nicht in einem Lehrbuch nachschlagen, was zu tun ist. Aber wenn sich alle – Patienten, Angehörige und Mitarbeiter – an die Vorgaben halten, wird das kein Problem sein. Ich bin sehr optimistisch, dass alles eingehalten wird. Man muss auch auf den gesunden Menschenverstand vertrauen.

Wie ist die Stimmung unter den Mitarbeitern hinsichtlich des Coronavirus?
Man muss beachten, dass wir seit über einer Woche keinen Patienten mehr mit Corona im Haus hatten. Es gibt immer die Gefahr, dass wieder ein Fall kommen kann. Dessen sind sich auch die Mitarbeiter bewusst und handeln dementsprechend. Sie gehen mit Respekt, aber ohne Angst an die Arbeit. Sie sind motiviert.

Und wie ist es bei den Patienten? Haben Sie den Eindruck, dass bei denen die Verunsicherung noch sehr hoch ist? Werden also noch viele verschiebbare Untersuchungen, Behandlungen und Operationen abgesagt?
Ja, es ist uns, die wir im Gesundheitswesen arbeiten, ein Bedürfnis an diese Menschen zu appellieren, in Zeiten von Corona andere Erkrankungen nicht zu vergessen. Deutschland verfügt eigentlich über ein sehr gutes Gesundheitssystem. Viele Krankheiten können früh erkannt und behandelt werden. Doch seit Corona verzeichnen insbesondere die niedergelassenen Ärzte einen deutlichen Patientenrückgang. Die Folgen davon sind oftmals schlimmer als die von Corona. Denn wenn die Leute aus Angst nicht zum Arzt gehen, obwohl sie sich nicht gut fühlen, werden Behandlungen verzögert. Wir müssen also mit schwereren Krankheitsverläufen rechnen, die vermeidbar wären. Es bringt uns nichts, wenn wir Corona in den Griff bekommen und die Menschen zum Beispiel an einem Herzinfarkt sterben, weil sie das Stechen in der Brust seit Wochen ignorieren.

Wie viele Stationen werden aktuell noch für Corona-Patienten bereitgehalten?
Wir haben zwei vorbereitet, von denen wir bisher aber nur eine benötigt haben. Auf der Intensivstation werden ebenfalls und weiterhin Bereiche freigehalten für Patienten, die beatmet werden müssen. Die Kapazität reicht aus, sofern nicht 50 Corona-Infizierte auf einmal kommen.

Wie viele Covid-19-Patienten wurden bisher im Halberstädter Ameos-Klinikum behandelt?
Wir haben fünf bis acht Patienten pro Woche, bei denen der Verdacht besteht, der sich jedoch meist nach der Testung als negativ heraus stellte. Bis das Testergebnis feststeht, werden sie isoliert. Insgesamt waren es acht bis zehn Patienten, die tatsächlich infiziert waren.

Rechnen Sie generell mit einer zweiten Corona-Krankheitswelle?
Gute Frage, Wellen gibt es in unterschiedlichen Höhen, es gibt große und kleine. Aber ich denke, wenn die Lockerungen mit Bedacht stattfinden und sich jeder an die Hygieneregeln hält, kommt es vielleicht zu einem Anstieg, aber zu keinem großen. Wir müssen lernen, mit Corona zu leben wie wir es auch mit anderen Viren und Krankheiten tun.