Halberstadt l Die heiseren Rufe, viele Menschen ersehnen sie. Wenn die Kraniche ziehen, jetzt im Frühjahr, ist die Macht des Winters gebrochen. Wohl auch deshalb sind sie Glücksboten, diese großen Zugvögel. Die ersten Formationen sind schon über uns hinweggezogen, der große Schwung kommt demnächst, wie Prof. Dr. Hartwig Prange am Samstag während seines Vortrags über die Kraniche der Welt verriet.

Inzwischen gibt es fast überall in Europa Menschen, die den Zug der Kraniche beobachten und dokumentieren, die die Rast- und Schlafplätze der Stelzvögel nutzen, um zu zählen, um Ringfarben zu notieren. Und dadurch Aussagen wie die ermöglichen, dass am Helme­stausee bei Kelbra fast ausschließlich Kraniche aus Nordosteuropa und Polen rasten.

400.000 Vögel ziehen

Der Helmestausee ist einer der größten Rastplätze in Deutschland, bis zu 40.000 Vögel stehen hier gleichzeitig, insgesamt sind es zwischen 50.000 bis 60.000 Tiere, die bei ihrem Flug in die Überwinterungsquartiere in Spanien und Südfrankreich hier Station machen. Auch dass es rund 400.000 Kraniche sind, die jährlich über Deutschland ziehen, weiß man dank der fleißigen und akribischen Beobachter. Zurzeit gibt es rund 900 Kranichpaare, die in Deutschland brüten. Im Jahr 1990 waren es nur etwa 250 Paare. „Und im Jahr 1900 waren nur 25 Brutpaare bekannt“, sagt Hartwig Prange, der ein 900 Seiten starkes Buch über die Kraniche der Welt verfasst hat.

Bilder

Schlafen im Wasser

In Sachsen-Anhalt gibt es rund 100 Rast- und Schlafplätze, der Halberstadt am nächsten gelegene ist vermutlich der Stausee bei Kelbra, auch bei Straußfurt in Thüringen sind ab und zu Kraniche zu beobachten. Wenn es denn trockene Flächen gibt, auf denen die Vögel landen können, die dann zum Schlafen im Wasser stehen. Brutplätze sind bislang in Sachsen-Anhalt nicht nachgewiesen, in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen gibt es brütende Paare. Die Graukraniche, die in unseren Breiten leben, brauchen wie fast alle Kranicharten Feuchtgebiete zur Brut, also nasse bis sumpfige Areale. Nur zwei Arten sind Steppenvögel – der in Südafrika beheimatete Jungfernkranich und der in Asien vorkommende Paradieskranich. Und bis auf den Kronenkranich im mittleren Afrika können Kraniche nicht auf Zweigen sitzen.

Die rund 150 Gäste, die am Sonnabendnachmittag den Ausführungen von Hartwig Prange lauschten, erlebten den Ruf der Kraniche zweimal. Zur Begrüßung im großen Hörsaal der Hochschule Harz, in dem Heineanum-Chef Rüdiger Becker die Gäste begrüßte und dann noch einmal, als sie nach einer sehr poetischen und kurzen Einführung durch Carsten Linde, der sich mit der jahrelangen Begleitung der Kraniche einen Traum erfüllt hat, die Sonderausstellung „Kraniche – Vögel des Glücks“ selbst in Augenschein nahmen.

Den Vögeln ganz nah

Das Städtische Museum stellte dem Heineanum wieder die Ausstellungsfläche zur Verfügung. Im ehemaligen Innungssaal und den angrenzenden Räumen sind die großformatigen Bilder Carsten Lindes zu sehen. Er gewährt beeindruckende Einblicke in den Alltag der Kraniche. Sei es bei der Balz, bei der Aufzucht der Jungen, bei der Verteidigung des Geleges oder auch ein handfester Streit an einer Reviergrenze. Man ist den Vögeln ganz nah.

Wie groß die Kraniche sind, verdeutlichen Präparate, die ein bisschen gedrängt in einem kleinen Raum stehen. Der Blick in die großen Vitrinen erlaubt die Begegnung mit allen 15 Kranicharten, die es auf der Welt gibt. Das gab es in Deutschland noch nie, dass man alle Arten gemeinsam ausstellte. Es kostete viel Ausdauer und Überzeugungskraft, um alle Arten zeigen zu können. So „landete“ der Schreikranich, die seltenste Art, erst am Dienstag vor der Ausstellungseröffnung in Halberstadt. Er war von einem auf Kunsttransporte spezialisierten Unternehmen aus Wien gebracht worden.

Eine Frage mit Folgen

In seiner Begrüßung hatte Rüdiger Becker nicht nur den Leihgebern gedankt, seinem kleinen Team sowie allen, die die Schau ermöglicht haben. Er berichtete, wie es zu dieser Deutschlandpremiere kam: Im vergangenen August hatte Frauke Weiß im Kulturausschuss gefragt: „Und Herr Becker, was machen Sie als nächstes?“ Weil sich dank der Urzeitschau die Besucherzahlen verdreifacht hatten. Beckers Ehrgeiz war geweckt, nicht nur die Kranich-Fotos zu zeigen. „Wenn ich gewusst hätte, wie schwierig es ist, alle Kranicharten zu bekommen – ich hätte es trotzdem getan“, sagte Becker. Wie gut.