Halberstadt l Brechend voll war im Herbst 1989 die ­Martinikirche in Halberstadt. Die Menschen hatten die politische Bevormundung und das Eingesperrtsein satt. Erst beteiligte sich nur eine Handvoll Mutiger an den Friedensgebeten in der Bürger­kirche und forderte Freiheit ein. Dann reichte der Platz im Gotteshaus für den Protest nicht mehr aus, eindrucksvolle Demos mit Tausenden Teilnehmern zogen ab dem 4. Oktober wöchentlich durch die Straßen Halberstadts. Der Herbst 2019 ist daher ein besonderer. Vor 30 Jahren begann die fried­liche Revolution, die 40 Jahre SED-Diktatur in der damaligen DDR und das damit verbundene ­politische System innerhalb von nur wenigen Wochen wegfegte und in der Folge Deutschland friedlich veränderte.

Das besondere Jubiläum füllt 30 Jahre später die Martinikirche nicht mehr. Nur etwa 80 Frauen und Männer kamen jetzt zur Festveranstaltung. Darunter viele, die im Herbst 1989 mutig auf die Straße gegangen sind. Unter ihnen Matthias Gabriel. Der heute 66-Jährige wurde nach den ersten freien Kommunalwahlen 1990 Halberstadts Bürgermeister, später bis 1996 Oberbürgermeister (SPD), dann Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Europaangelegenheiten Sachsen-Anhalts und von 1999 bis zu seinem Rücktritt 2001 Minister.

Braunkohle und Intershop

„Die DDR war grau, es roch nach Braunkohle. Den Westen verbanden viele mit den angenehmen Gerüchen aus dem Intershop“, mit diesen Worten beginnt Matthias Gabriel nun seinen Vortrag in der Kirche, die ein Symbol der friedlichen Revolution ist. Die 1980er Jahre seien durch die vielfältigen Aktivitäten unter dem Dach der Kirche zu einer Friedensdekade gemacht worden. Das Engagement dafür habe damals zu einer Einbestellung beim Rat des Kreises geführt. „Dort wurde uns gesagt, dass ihnen unsere Aktivitäten nicht gefallen. Wir antworteten, uns gefällt es.“

Bilder

Anfangs habe er bei den Friedensgebeten in der Martini­kirche in der zweiten Reihe gestanden. „Vorn standen ­Persönlichkeiten wie ­Peter Hinz oder Andreas Karger“, sagt Matthias Gabriel. Als es dann auf die Straße ging, sei er nach vorn gerückt. „Es hieß, du hast breite Schultern, geh‘ mal in die erste Reihe. Dann habe er plötzlich hinter dem ersten Demo-Banner des ­Protestzuges gestanden. Einem weißen ­Bettlaken, auf dem „Keine Gewalt stand“. „In den Seitenstraßen standen damals die aufmunitionierten Kampfgruppen. 100 Meter vor dem Demonstrationszug gingen Mädchen mit Rosen zu den Leuten und schenkten ihnen die Blumen. Es passierte nichts. Das war für mich ein großes Ereignis“, betont Matthias Gabriel und formuliert eine rhetorische Frage: „War es eine friedliche Revolution oder Kapitulation?“ Der ehemalige SPD-Politiker beantwortet die Frage selbst. Es sei eine Kapitulation der bewaffneten Organe gewesen, der Staatssicherheit (Stasi), der Nationalen Volksarmee, der Grenztruppen und der sowjetischen Streitkräfte.

Handschlag galt noch etwas

Matthias Gabriel erinnert sich gern an den Aufbruch nach der friedlichen Revolu­tion, an „die Zeit ohne Apparate, in der es nur ‚Überzeugungstäter‘ gab“. Per Handschlag habe man sich geeinigt. „Damals galt der noch etwas. Fünf Jahre später ging das verloren. Es kamen die Apparate der Parteien, die alten Schemen aus dem Westen“, bedauert Gabriel. Nach seinen Worten ist in der DDR nicht alles schlecht gewesen. Was nicht bedeute, dass er sie zurückhaben wolle.

„Ich will aber auch nicht die alte BRD. Ich wünsche mir heute mehr von der Zivilcourage von damals, damit ­Deutschland ein gerechteres Land wird. Das ist leider in vielen Bereichen nicht so.“ Man müsse das Gute aus beiden zusammenführen. Einen Anfang hätte man mit der Nationalhymne machen können. „Den Text der ostdeutschen Hymne und die Melodie der westdeutschen zusammenlegen, das wäre eine kulturelle Wiedervereingung gewesen“, so Matthias Gabriel.