Denkmalschutz

Experten erörtern, wie das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge für kommende Generationen erhalten werden kann

Von Sabine Scholz
Die Expertengruppe von Restauratoren und Denkmalschützern an einem baulichen Überrest der Küche des einstigen KZ Langenstein-Zwieberge.
Die Expertengruppe von Restauratoren und Denkmalschützern an einem baulichen Überrest der Küche des einstigen KZ Langenstein-Zwieberge. Foto: Sabine Scholz

Langenstein

Vor jedem steinernen Objekt bleibt die Gruppe stehen. Waschkauen, Mauerreste, Betonböden finden sich zwischen den Bäumen und Sträuchern des weitläufigen Areals. Zeugnisse des einst hier existierenden Konzentrationslagers.

An manchen der stillen Zeitzeugen fallen helle, sauber verputze Flächen ins Auge, ausgebesserte Fehlstellen. Kleine Reparaturen an sonst noch recht demoliert wirkenden Mauern. Die Unterschiede sind gut zu erkennen zwischen bauzeitlichen Resten, Reparaturen nach 1949 und den Testflächen. Mit Fingerspitzengefühl, viel Kenntnis um Material und dessen besondere Eigenschaften, begleitet von Materialforschern, hat der Restaurator Olaf Lindner im vergangenen Jahr an verschiedenen Stellen Musterflächen geschaffen.

Geballtes Fachwissen unterschiedlicher Disziplinen

Jetzt, gut zwölf Monate später, geht er mit Dr. Elisabeth Rüber-Schütte, Landeskonservatorin und Leiterin der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, über das Gelände des einstigen Konzentrationslagers in Langenstein-Zwieberge.

Es ist eine interdisziplinäre Runde, die hier gemeinsam unterwegs ist. Denn neben der Landeskonservatorin sind auch die Landesdenkmalamtsmitarbeiter Torsten Arnold (Restaurator), Bauforscher Andreas Stahl sowie Olaf Kürbis, Gebietsreferent Archäologie, mit von der Partie. Dass auch Professor Dr. Thomas Danzl von der Technischen Universität München wieder mit dabei ist, freut Gedenkstättenleiter Nicolas Bertrand besonders. Leitet Thomas Danzl an der Technischen Universität München doch den Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft.

Das geballte Fachwissen ist wichtig, soll doch bis Ende Juni ein Gesamtkonzept fertiggestellt werden, dass sich der Frage widmet, wie die baulichen Überreste des Lagers konserviert werden sollen. Finanziert wird die Erarbeitung dieses Konzeptes vom Land Sachsen-Anhalt.

Dabei sind viele Aspekte zu beachten, wie im Gespräch der Experten deutlich wird. Kann man den Ablauf an dieser Küchenspüle nutzen, um sich im Becken sammelndes Wasser abzuleiten? Ist das Rohr original aus der Zeit des Lagerbaus oder Zeugnis von Restaurierungsbestrebungen zu DDR-Zeiten?

Erklärungen für Gedenkstätten-Besucher

Von denen hat Olaf Lindner einige gefunden. Sollen sie ebenfalls erhalten werden oder ersetzt man diese Reparaturflächen durch heutiges Material? Will man überhaupt alle Fehlstellen schließen? Immerhin sind die Ausbrüche, Risse und Löcher in den Mauern und Bodenflächen Zeugnis dafür, wie die Zeit den nicht von Erdboden geschützten Bauresten zusetzt.

„Vieles“, sagt Thomas Danzl, „was man hier sieht, ist nicht selbsterklärend.“ Also muss für das Konzept auch eine Rolle spielen, wie man den Gedenkstättenbesuchern nahebringt, was sich hinter dem Mauerrest, dem steinernen Becken, dem Ablauf verbirgt, auf den er gerade blickt.

Nachbauten wird es nicht geben

Immer wieder klingt durch, wie wichtig die Bewahrung der vorhandenen Baureste ist. Aber wie weit will man gehen? Alles komplett ausbessern, auffüllen, verputzen und so gewissermaßen einen Nachbau des alten Trogs der Lagerküche schaffen?

In dieser Frage sind sich die Experten einig: Nachbauten soll es nicht geben. Aber man braucht dennoch Reparaturen und „Opferschichten“, die verwittern können, und so das darunter liegende originale Material erhalten helfen. „Überall, wo Wasser eindringen kann, müssen wir genau schauen, was wir machen.“ Schließlich führen Nässe und Frost zu großen Schäden.

Die Experten nehmen sich viel Zeit, um über Materialien und deren Einsatz zu reden. Mit dem Konzept, da sind sich alle einig, ist die Arbeit in Zwieberge noch lange nicht getan. Gemeint ist nicht nur der für 2022 geplante Start der umfassenden Konservierungsarbeiten. Mitgedacht wird immer auch der Wunsch der Angehörigen der einst hier Inhaftierten: vorsichtig umzugehen mit diesen baulichen Zeugnissen des barbarischen Geschehens in diesem idyllischen Tal.