Halberstadt l Über 30 Jahre nach Beginn des Projekts Rettung der Altstadt Halberstadts ist das generationsübergreifende Vorhaben auf einem sehr guten Weg. Allerdings ist es noch längst nicht beendet. Es gibt sie immer noch, die scheinbar hoffnungslosen Fälle: Fachwerkhäuser, die seit Jahrzehnten verwaist sind und verfallen.

Für einige Bauwerke gibt es jedoch wieder Hoffnung. Darunter befindet sich das Fachwerkhaus Voigtei 28/30. Dank Visionären wie der Familie Kijan, die das ruinöse Haus vor einigen Jahren erwarb und nun den Startschuss für die aufwendige Sanierung des Hauses geben konnte.

Fachwerkhaus komplett entkernt

Bewegung kommt nach Jahren des Stillstands in die Zukunft des Hauses Voigtei 28/30. Nicht wiederzuerkennen ist derzeit das Fachwerkhaus. Es ist fast völlig entblößt. Außenmauern und Wände sind verschwunden, ebenso wie große Teile der Fachwerkkonstruktion und das komplette Dachgeschoss. „Hier war nichts mehr zu retten. Pilze, Käfer und Co. sowie Nässe haben ganze Arbeit geleistet. Das Gebäude befand sich in einem sehr schlechten baulichen Zustand“, informiert Frank Müller. Der Bauingenieur betreibt in Halberstadt ein Büro und betreut das Sanierungsprojekt.

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Mitarbeiter einer Baufirma reißen dieser Tage ohne große Kraftanstrengungen dicke Holzbalken per Hand aus den Verankerungen. Es staubt. Schwere Technik benötigt man nicht. Der Zahn der Zeit leistete ungehindert ganze Arbeit, so Frank Müller. Im Haus hängt vieles nur noch am sprichwörtlich seidenen Faden.

Sanierungsstau von 200 Jahren

„Wir kämpfen hier mit einem Sanierungsstau von etwa 200 Jahren und wühlen uns vom Obergeschoss bis in den Keller durch“, so der Bauingenieur. Eine Zahl verdeutlicht den großen Schaden am Fachwerkhaus, den man von außen bis zum Beginn der Bauarbeiten überhaupt nicht sehen konnte. 80 Prozent der alten Bausubstanz sei nicht mehr zu retten gewesen. „1000 Kubikmeter Holz sind für die neue Fachwerkkonstruktion bereits verarbeitet worden“, berichtet Frank Müller.

Über der Baustelle ist aufwendig ein Notdach installiert worden, weil man das alte Dach komplett abreißen musste. „Unter freien Himmel kann niemand arbeiten, schon gar nicht im Winter. Und es muss verhindert werden, dass erneut Nässe in die Baustelle eindringt“, betont der Fachmann.

Vielen Halberstädtern ist das Gebäude noch als Sitz der Fleischerei Bicke bekannt. Das Geschäft schloss bereits vor Jahrzehnten. Sanierungspläne des Altbesitzers, von denen über Jahre ein Info-Schild an der Fassade kündete, blieben ein Papiertiger. Seitdem wechselten ­mehrfach die Besitzer.

Neue Eigentümer seit 2016

Seit 2016 hat die Immobilie in attraktiver Altstadt-Lage einen neuen Eigentümer, der etwas bewegen will – die Familie Kijan. Igor Kijan kann sich noch gut an das katastrophale Bild erinnern, dass sich ihm beim Blick hinter die Fassade bot. Im Vorderhaus gab es Nässe-Schäden. Untrügliches Anzeichen waren im Obergeschoss tief herunterhängende Decken. Die Treppe ins Dachgeschoss war mit Vorsicht zu genießen, die Stufen vergammelt, es roch modrig. Beim Betreten der ehemaligen Geschäftsräume stach das Chaos ins Auge. Müll und Gerümpel türmte sich auf, alte Schränke standen herum. Im hinteren Teil des Hauses, in dem sich einst die Fleischerei befand, lagen Tausende Kunstdärme herum: Überbleibsel der einst hauseigenen Wurstproduk­tion der Fleischerei.

Igor Kijan ließ sich davon nicht abschrecken und begann mit dem großen Aufräumen. Schweißtreibende Handarbeit und dreckig zudem. Tonnen von Unrat mussten entrümpelt werden. Fast 20 Jahre Leerstand hatten Spuren hinterlassen.

Drei Wohnungen entstehen in Gebäude

Das Nutzungskonzept steht. „Im Haus entstehen insgesamt drei Wohnungen. In jeder Etage eine. Gewerbe zieht nicht wieder ein. Das lohnt sich finanziell in der Altstadt nicht“, berichtet Igor Kijan.

Unter Denkmalschutz steht die Voigtei 28/30 direkt nicht. Aber es gehört zum unter Denkmalschutz stehen Ensemble Altstadt, informiert Frank Müller. „Der Kern des Vorderhauses stammt etwa aus dem Jahr 1650. Der viel spätere Anbau der Fleischerhalle habe dem Gebäude nicht gut getan, sondern ­geschadet, weil er einst lieblos dran geklatscht wurde“, ­so der Bauingenieur. Die wilde Baugeschichte des ­Gebäudes könne man anhand der verschiedenen Baustile gut verfolgen. Immer wenn die Eigentümer in den zurückliegenden Jahrhunderten mal Geld hatten, wurde gebaut und damit etwas verändert.

Richtig Geld muss der Bauherr in die Hand nehmen, damit das Haus wieder eine Zukunft hat. Igor Kijan spricht von einer hohen sechsstelligen Summe. Flankiert wird die Investition mit Fördermitteln von Bund und Land, so der Halberstädter. Dafür und für die Unterstützung der Stadt Halberstadt sei er sehr dankbar.