Halberstadt l Chemie spielt bei der aufwendigen Sanierung des über 300 Jahre alten Fachwerkhauses Grudenberg 8 überhaupt keine Rolle – nicht mal ansatzweise. Oliver Raupach, Restaurator des Deutschen Fachwerkzentrums Quedlinburg, setzt zu 100 Prozent auf Naturressourcen. Die Zutaten, aus denen die Farbe für den Fassadenanstrich des denkmalgeschützten Gebäudes gemixt wird, sind allerdings sehr speziell.

Farb-Rohstoffe gibt's beim Bauern

Andere besuchen einen Baumarkt, um Farbe zu ­kaufen. Oliver Raupachs Weg führt zum Bauern und zum Lebens­mittelmarkt. „Dafür bin ich Res­taurator geworden“, betont der 55-Jährige, der 20 Jahre lang freiberuflich gearbeitet hat, bevor er zum Deutschen Fachwerkzentrum Quedlinburg kam. Beim Bauern und im Markt bekommt er die wichtigen Bestandteile für seine Öko-Farbe – Kuhdung, Quark, Leinöl und Farbpigmente. In einem Eimer mischt der erfahrene Handwerker alles. Dann wird das Gebräu, das einen Hauch von Landluft verströmt, durch ein Sieb gegossen, um die Pflanzenfasern des Dungs herauszu­filtern – fertig ist die Farbe.

„Beim Farbton ver­suchen wir, den historischen zu treffen. Also den, den das Haus vor 300 Jahren trug“, sagt ­Oliver Raupach. Das trifft auch für die Wände im Innern des Fachwerkhauses zu. Dafür ist Detektivarbeit notwendig. „Im Laufe der Jahrhunderte wurden 20 oder mehr Farbschichten aufgebracht. Wir versuchen an die unterste, also die älteste Farbschicht, heranzukommen.“ Im Fall des Grudenbergs 8 habe man sich letztendlich für ein Hellgrau/Grün entschieden.

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Spezielle Rezeptur beugt Fleckenbildung vor

Die spezielle Rezeptur der handgemachten Öko-Farbe verhindere, dass die Fassade später Flecken bekommt. Leider sei das beim sanierten Nachbarhaus, der Hühner­brücke 4, passiert. Dabei handelt es sich um Schadstoffe, die über die Jahrhunderte in die historische Bausubstanz eingedrungen sind und dann nach erfolgter Sanierung wieder austreten, informiert Oliver Raupach. Das Dung-Quark-Leinöl-Gemisch verhindert das sehr erfolgreich.

Afrikanische Jugendliche lernen

Oliver Raupach vermittelt sein Wissen derzeit an Jugendliche aus Afrika. Der gemeinnützige Verein Deutsches Fachwerkzentrum Quedlinburg arbeitet seit über 15 Jahren an der energetischen und Ressourcen schonenden Sanierung von historischen Kulturbauten. „Das verstehen wir als Bildungsauftrag für Menschen unterschiedlicher Nationen und Herkunftsländer“, betont Claudia Hennrich, Geschäftsführerin des Deutschen Fachwerkzentrums Quedlinburg. Seit mehr als zwei Jahren helfen Flüchtlinge und Migranten sowie internationale Studenten im Rahmen des Restaurationsprojekts „Integra­tiver Ort BauDENKMAL!“ dabei, historische Baudenkmäler in Sachsen-Anhalt vor ihrem unwiederbringlichen Verfall zu retten. Damit beteiligt sich das Fachwerkzentrum übrigens auch am europäischen Kulturerbejahr 2018 auf dem Wasserschloss Erxleben (Sachsen-Anhalt), wo am Sonntag, 27. Mai, ab 11 Uhr alle Interessierten zu einem Tag der offenen Tür mit Vorführungen alter Handwerkstechniken eingeladen sind.

Barock-Denkmal aus dem Jahr 1697

In Halberstadt gehören zum Projekt „Integrativer Ort BauDENKMAL!“ die Sanierung der Hühnerbrücke 4 (beendet) und die Rettung des stark verfallenen Fachwerkhauses Grudenbergs 8. 30 Jahre Leerstand waren nicht spurlos an dem Gebäude vorbeigegangen. Das Haus gehört zu einem wichtigen Ensemble in der Altstadt Halberstadts, zu dem auch die benachbarte Hühnerbrücke 4 zählt. Ein Verlust wäre katastrophal gewesen, sind sich die Fachleute einig.

Die zweigeschossigen Gebäude mit Krüppelwalm­dächern entstanden zeitgleich 1697 im typischen Barockstil. Bis 1820 beherbergten sie mit der Städtischen Lateinschule den ältesten erhaltenen Schulkomplex in Halberstadt. Anschließend wurden sie zu Wohnzwecken genutzt. Die Hühnerbrücke 4 ist bereits aufwendig saniert worden, mit dem Grudenberg 8 wurde 2015 begonnen. In beiden Fällen hat das Deutsche Fachwerkzentrum Quedlinburg die Regie über die Rettung der kostbaren, im städtischen Besitz befind­lichen, Bauwerke übernommen.

Fördermittel von Land und Bund

Etwa 888.000 Euro kostet die Sanierung des Grudenbergs 8. Das Land Sachsen-Anhalt und der Bund haben Fördermittel für das Vorhaben bewilligt. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die bereits das Projekt Hühnerbrücke 4 finanziell unterstützt hat, fördert das Vorhaben ebenfalls. Der Eigenanteil der Stadt liegt bei null Euro.