Schule

Geschichtsunterricht zum Anfassen für Osterwiecker Gymnasiasten am Grenzdenkmal Wülperode

Sogar Handschuhe braucht es für diesen Geschichtsunterricht zum Anfassen. Die Zehntklässler des Fallstein-Gymnasiums Osterwieck haben das Grenzdenkmal in Wülperode von Müll und Unkraut befreit. Nebenbei haben sie etwas über die deutsche Teilungsgeschichte gelernt.

Von Vera Heinrich 20.07.2021, 10:08
Mit vereinten Kräften haben es Linnea, Linda und Jenna (v. l. n. r.) geschafft, das Unkraut an der Wurzel  zu entfernen.
Mit vereinten Kräften haben es Linnea, Linda und Jenna (v. l. n. r.) geschafft, das Unkraut an der Wurzel zu entfernen. Vera Heinrich

Wülperode - „Früher hätten wir hier gar nicht stehen dürfen“, stellt Jamie fest beim Betrachten der ehemaligen Grenzanlage. Der 16-Jährige ist einer von acht Schülern der Klasse 10 c, die kurz vor den Sommerferien noch einmal für Ordnung sorgen am Grenzdenkmal in Wülperode. Die Aktion findet im Rahmen der Patenschaft statt, die das Fallstein-Gymnasium Osterwieck für das historische Relikt deutsch-deutscher Teilungsgeschichte innehat.

Der Schüler aus dem nahe gelegenen Hornburg in Niedersachsen ist mit dem Fahrrad von zu Hause zum außerschulischen Unterrichtsort gefahren. Auch das wäre vor 32 Jahren noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Dessen sei er sich bewusst und wisse die Aktion umso mehr zu schätzen.

Länderverbindende Schule

„Das ist gerade das Tolle am Fallstein-Gymnasium“, sagt Dr. Steffen Wendlik, „dass Schüler aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zusammen unterrichtet werden.“ Auf ein klischeebehaftetes Ost-West-Denken treffe er bei der Osterwiecker Schülerschaft sehr selten, unterstreicht der Geschichtslehrer. Gemeinsam mit seinen Fachkollegen Sebastian Knobbe und Axel Thiemann begleitet er den Arbeitseinsatz. „Die Idee einer länderübergreifenden Schule ist großartig“, findet Dr. Steffen Wendlik mit Blick auf die Gymnasiasten, die etwa aus Hornburg oder Vienenburg kommen. Gleichzeitig hat er gemerkt, dass das Thema der innerdeutschen Grenze für viele inzwischen weit weg sei.

Daher sei es wichtig, die Erinnerung daran wach zu halten, pflichtet ihm Kollege Sebastian Knobbe bei. In der Regel veranstalten die Pädagogen dreimal im Jahr eine Aktion mit dem zehnten Jahrgang, die ihnen vor Augen führt, wie nah die ehemalige Grenze vor ihrer Haustür verlaufen ist. Die Jugendlichen sollen bei der Pflege und Erhaltung des Denkmales tatkräftig mit anpacken.

„Es geht darum, dass dieser Platz zugänglich gemacht wird“, erklärt Klassenleiter Axel Thiemann. Deswegen haben die Lehrer die passenden Werkzeuge dafür im Gepäck, um dem Unkraut zu Leibe zu rücken. Den Zaun frei schneiden, mähen, Müll einsammeln und Unkraut entfernen stehen heute auf dem Lehrplan der Klasse 10 c. Für den Grünschnitt stellt die Stadt Osterwieck einen Hänger zur Verfügung. Der städtische Bauhof kümmert sich um die fachgerechte Entsorgung.

Fehlenden Bezug herstellen

„Bei unserem ersten Einsatz haben wir sogar unsere privaten Geräte dabei gehabt“, erinnert sich Sebastian Knobbe. Er ist froh, dass das Fallstein-Gymnasium mittlerweile mit Hilfe von Fördergeldern eigene Arbeitsgeräte anschaffen konnte. „Wir haben die volle Unterstützung der Schulleitung für diese Aktionen“, sagt der Fachleiter für Geschichte und bedankt sich dafür.

Nach verrichteter Arbeit finden sich alle zu einem gemeinsamen Picknick zusammen. Wülperodes Ortsbürgermeister Dirk Heinemann (SPD) hat Kekse und Getränke dafür zur Verfügung gestellt. Als Zeitzeuge kann er den Jugendlichen erzählen, wie es gewesen ist, an der Grenze aufzuwachsen. Die historische Kulisse lädt zum Austausch darüber ein, welche Bedeutung dieser Ort mit sich bringt, sagt Sebastian Knobbe. „Man darf nicht vergessen, dass es eine tödliche Grenze war“, so der Pädagoge, der die Gelegenheit nutzt, um den Schülern die historischen Zusammenhänge vor Ort zu erklären.

Das kommt gut an bei den Jungen und Mädchen. „Ich finde es super interessant und toll, dass die Schule das macht“, meint Luise aus Wasserleben. Alina stimmt ihr zu. Die Stapelburgerin berichtet, dass in ihrer Familie viel darüber gesprochen werde. Dass die innerdeutsche Teilung nun auf dem Lehrplan steht, empfinde die 16-Jährige als Bereicherung. Die gleichaltrige Jenna gibt zu, dass das Thema in ihrer Familie weniger präsent ist. „Ich freue mich aber, helfen zu können“, sagt sie.

Auch Moritz aus Badersleben sagt von sich, dass ihm die Verbindung dazu fehle. Durch den Arbeitseinsatz am Denkmal bekomme er gleich einen anderen Bezug dazu, erklärt er und findet: „Es ist wichtig zu wissen, wie es früher war. Gerade weil es hier so nah gewesen ist.“