Barrierefreiheit

Halberstadt prüft seine Barrierefreiheit - mit Kinderwagen und Rollstuhl

Von Sabine Scholz
Stadtplanerin Siegrun Ruprecht beteiligte sich an der Handicap-Ralleye in Vorbereitung des Fachtages für mehr Barrierefreiheit. Sabine Scholz

Halberstadt

„Nehme ich jetzt noch einen Einkaufswagen?“ Siegrun Ruprecht ist einen Moment ratlos, denn die Coronaregeln sagen: In den Supermarkt darf nur, wer einen Einkaufswagen nimmt. Also schnappt sich die Stadtplanerin das Metallgittergefährt und merkt schnell, dass das keine gute Entscheidung war. „Ich würde wohl eher einen Extrabeutel am Kinderwagen festmachen, mit zwei Wagen funktioniert es nicht“, sagt Siegrun Ruprecht. Was Kerstin Römer bestätigt.

Die Vorsitzende des Halberstädter Rolli-Clubs weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig Alltägliches sein kann, wenn man in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Aus diesem Grund war sie sofort bereit, die Routen für eine Handicap-Rallye zu planen. „Es ist ein Unterschied, ob ich etwas theoretisch weiß oder praktisch erlebt habe“, so Kerstin Römer. Was Siegrun Ruprecht nur bestätigen kann.

Eigenes Erlebnis durch nichts zu ersetzen

Die Stadtplanerin macht bereits zum zweiten Mal bei solch einer Rallye mit, bei der Entscheidungsträger am eigenen Leib erfahren sollen, wie es ist, mit Rollstuhl, Blindenstock, Rollator oder eben auch einem Kinderwagen in der Stadt unterwegs zu sein. „Man hat hinterher wirklich einen anderen Blick auf die Thematik“, bestätigt die langjährige Stadtplanerin. Wenn es zum Beispiel um Bordsteinabsenkungen geht. Beim Neubau von Wegen dürfen bestimmte Höhen nicht überschritten werden, aber bei einer Reparatur gebe man das Geld oft nicht dafür aus, die Borde auf heute geltende Normen abzusenken. „Vielleicht sollten auch Mitarbeiter des Tiefbauamtes so eine Rallye mitmachen“, regt sie an.

Dabei müsse es nicht immer viel Geld kosten, um Menschen mit Handicaps den Alltag zu erleichtern, sagt Isabell Koch. Die Bereichsleiterin Beratung und Soziales hält in diesem Jahr die Organisationsfäden für den Aktionstag Barrierefreiheit in den Händen, in der Aktionsgruppe wechseln sich die mitwirkenden Einrichtungen, Vereine und Organisationen bei der Ausrichtung des Tages ab.

Nun wolle man wieder „zurück zu den Wurzeln“, sagt Koch, weshalb man Entscheidungsträger, die in Kreis und Stadt Barrieren abbauen können, angesprochen habe, ob sie bei einer Handicap-Rallye mitmachen wollen. „Wichtig war uns dabei eine große Bandbreite an Vertretern aus Politik, öffentlicher Verwaltung, Wirtschaft, Kultur und Sport“, erklärt Isabell Koch.

Erstes Bemühen um kurzfristige Verbesserung

In der vergangenen Woche war sie mit Oberbürgermeister Daniel Szarata (CDU) auf Handicap-Rallye. Ein Punkt der Tour waren die Straßenbahnhaltestellen im Zentrum. „Dabei stellte er fest, dass man mit einem Rollator vor sich den Fahrplan kaum lesen kann“, berichtet Isabell Koch. Was ihn dazu veranlasst habe, wenig später den Kontakt zur stadteigenen Verkehrsgesellschaft aufzunehmen.

Gemeinsam wollen Stadtverwaltung und HVG nun prüfen, ob man nicht mit einem per Smartphone auszulesenden QR-Code wichtige Informationen direkt aufs Handy des Fahrgastes bringen kann. „Vielleicht ist auch eine Ansage der Fahrplaninformationen möglich, was sehbehinderten Menschen sehr helfen würde“, sagt Koch.

Vorbereitung auf Aktionstag

„Wir wollen auf alle Barrieren aufmerksam machen und auch jemand, der einen Kinderwagen schiebt, steht oft vor besonderen Herausforderungen.“ Was zeige, dass eine umfassende Barrierefreiheit nicht nur Menschen mit Behinderung nützt, sondern auch Menschen ohne Behinderung zugutekomme.

In diesem Jahr gibt es den Aktionstag Barrierefreiheit zum zehnten Mal. Anlässlich dieses Jubiläums habe man die bisherigen Aktionen auf den Prüfstand gestellt und wolle am 21. September zu einer Fachtagung einladen. Für die dazu geplante Podiumsdiskussion entsteht von der Rallye ein Video, um einen Eindruck zu vermitteln, was die Akteure erlebt haben, bevor diese auf dem Podium ins Gespräch kommen. Man habe sich zudem für ein neues Logo und ein neues Motto entschieden: „Wir sind IN. inklusiv. füreinander. miteinander – Halberstadt l(i)ebenswert anders“. Denn vor allem darum gehe es, das alltägliche Miteinander zu verbessern und barrierefreie Angebote zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen.