Wernigerode/Halberstadt l Es ist einer der aufregendsten Momente des Lebens: die Geburt des eigenen Kindes. Zu der Vorfreude mischen sich Aufregung und Sorgen. Gerade jetzt, während der Corona-Krise. Wie bereitet man sich auf die Geburt vor – wenn die entsprechenden Kurse nicht stattfinden können? Ist es ratsam, trotz Pandemie ins Krankenhaus zu gehen? Darf der Partner bei der Geburt dabei sein? Es sind unzählige Fragen, die sich werdende Eltern gerade stellen.

Eine, die diese beantwortet ist Anne Wiecker. Seit zehn Jahren ist die Wernigeröderin als Hebamme tätig. Sie hat eine halbe Stelle als Festangestellte im Wernigeröder Harzklinikum, ist zusätzlich als Beleghebamme tätig. „Die Ängste der Frauen sind eines unserer größten Probleme“, berichtet die 33-Jährige, selbst zweifache Mutter. „Sie lesen viel in den sozialen Medien und pushen sich gegenseitig mit den Meldungen daraus auf.“ Tatsächlich habe sich viel seit der Pandemie verändert – aber eine ihrer größten Sorgen kann sie den werdenden Müttern nehmen. „Der Partner beziehungsweise eine Begleitperson darf unter der Geburt dabei sein, auch bei Kaiserschnitten.“

Allerdings ausschließlich in diesem Moment. Ist es normalerweise üblich, dass der frisch gebackene Vater zum Beispiel beim Wiegen und Waschen des Kindes dabei ist, muss er derzeit darauf verzichten. Besuche auf der Wochenstation entfallen gänzlich. Und auch vor der Geburt darf der Partner der werdenden Mutter aktuell nicht zur Seite stehen. „Das bringt Probleme mit sich, weil die Frauen unsicher sind, wann sie ins Krankenhaus kommen sollen“, berichtet die Hebamme. „Sie wollen verständlicherweise nicht allein auf Station in den Wehen liegen.“ Der Partner sei normalerweise eine wichtige Stütze in der Wehenarbeit. Er gebe Beistand, können beruhigen oder ablenken. „Eine Geburt ist ein emotionaler Ausnahmezustand für die Frau, sie ist verunsichert, labiler als sonst.“ Schon ohne Corona.

Keine pauschalen Tests

Was den Geburtsvorgang selbst angeht, habe sich ihre Arbeit seit der Pandemie nur minimal verändert. „Die Hygienestandarts sind generell sehr hoch, da generell die Gefahr einer Infektion besteht“, erläutert sie. Das berichtet auch Isolde Zilz, seit Dezember 2019 leitende Hebamme im Halberstädter Ameos-Klinikum. „Längst hatten wir es mit anderen Infektionskrankheiten zum Beispiel Hepatitis A,B und C zu tun, das heißt Schutz sowie Selbstschutz müssen immer gewährleistet und eingehalten sein“, betont sie. Nach jedem Gebrauch des Kreissaals werden alle Geräte und Oberflächen desinfiziert, die Mitarbeiter desinfizieren sich nach jedem Patientenkontakt, so Zilz.

Auf Corona, so erläutert die Hebamme, werden die Schwangeren nicht pauschal vor einer Geburt getestet, sondern nur, wenn ein Verdacht vorliege. Falls ein solcher Verdachtsfall eingeliefert wird, arbeiten sie und ihre Kollegen unter vollumfänglichen Schutz – Mund-Nasen-Maske, Schutzanzug und Handschuhe. Zudem muss die werdende Mutter einen Mund-Nasen-Schutz tragen und wird von anderen Patienten isoliert. „Für Verdachtsfälle wird immer ein Kreißsaal vorgehalten“, zwei weitere für andere Geburten stehen bereit, erläutert sie. Nach der Geburt werden Mutter und Kind, bei denen ein Corona-Verdacht besteht, dann auf die Isolierstation A4 verlegt.

Neuland Online-Kurse

Die größten Veränderungen für den Hebammenberuf hat die Pandemie in der Vor- und Nachbetreuung der werdenden Mütter bewirkt. So dürfen in die Kurse in der Hebammenpraxis „Menschenskinder“ mit den Standorten Wernigerode und Blankenburg, zu deren sechsköfigen Team Anne Wiecker gehört, derzeit nicht stattfinden. Zumindest nicht in gewohnter Form. „Wir bieten jetzt Online-Kurse an“, berichtet die Wernigeröderin. Für sie und ihre Mitstreiterinnen absolutes Neuland. „Wir wussten gar nicht, wie man das macht.“

Die mangelnde Erfahrung haben sie aber offensichtlich gut kompensiert. „Es war ungewohnt, aber hat Spaß gemacht“, berichtet Isabel Damsch. Die 30-jährige Apothekerin erwartet ihr zweites Kind. „Ich weiß also, was auf mich zukommt“, sagt die Wernigeröderin. Sie habe dennoch Respekt vor der Geburt angesichts der „komischen Situation“, aber keine Angst. Ihr Mann sei froh, dass er wenigstens unter der Geburt dabei sei kann. „Aber er ist traurig, dass er uns danach nicht besuchen darf.“

Obwohl die derzeitigen Kontaktbeschränkungen Vorteile bergen, findet Vera Schenk wenige Tage vor der Geburt ihres zweiten Kindes. Nicht, weil die medizinische Krankenhausangestellte eine Ansteckung befürchtet. „Es ist gar nicht verkehrt, etwas Ruhe zu haben.“ Dem stimmt Anne Wiecker zu. „Wir haben gemerkt, dass es weniger Probleme beim Stillen gibt, seit dem Besuchsverbot auf der Wochenstation. Die Frauen und Kinder sind entspannter.“ Wobei das mit der Ruhe zu Hause schnell vorbei sein kann. „Meine dreijährige Tochter kann im Moment nicht in die Kita gehen und wir sind alle den ganzen Tag zu Hause“, berichtet Vera Schenk.

Keine gemeinsamen Kurse für Mütter

Schade findet sie es, keine Kurse mit anderen frischgebackenen Müttern besuchen zu können. „In den Kursen schließen Frauen Verbindungen, sie helfen einander, haben jemanden zum Reden“, sagt auch Anne Wiecker. Das könne das Online-Angebot nicht kompensieren. Ebenfalls sei es schwierig, die Frauen in ihren Bewegungen zu korrigieren, wenn man ihnen keine physische Hilfestellung geben kann.

Vorteil der Online-Kurse: Die Frauen müssen sich nicht darum kümmern, das Geschwisterkinder derweil betreut werden und auch keine weiten Fahrwege zur Praxis auf sich nehmen. Denn Anne Wiecker und ihre Kolleginnen betreuen Frauen aus dem gesamten Harzkreis und auch aus Niedersachsen.

Gefahr: häusliche Gewalt

Normalerweise beginnt die Betreuung ab der zwölften Schwangerschaftswoche und endet längst nicht mit der Geburt. Allein in den ersten zehn Tagen folgen normalerweise bis zu zwei Hausbesuche täglich. „Vom Hebammenverband wurden wir nun angehalten, zu schauen, ob tatsächlicher physischer Kontakt notwendig ist, oder eine telefonische Betreuung ausreicht“, berichtet Anne Wiecker. Wie bei den Online-Kursen berge das nicht nur Schwierigkeiten bei der Abrechnung für Hebammen. Aus Rücksicht oder vielleicht auch aus Angst sagen viele Frauen, dass ein Telefonat reicht. „Aber viele Probleme werden erst in einem persönlichem Gespräch deutlich.“ Die Hebamme habe oft erlebt, dass junge Mütter Schwierigkeiten überspielen oder sich nicht eingestehen wollen. Oft werde das erst in Gesprächen mit dem Partner, Angehörigen oder Freunden offenbar. Doch derzeit werde empfohlen, dass Mutter und Kind bei den – ohnehin seltener gewordenen – Hausbesuchen allein sein sollen.

„Das Gefährlichste an der jetzigen Situation ist aus meiner Sicht, dass die Gefahr von häuslicher Gewalt an Frauen und Kindern steigt und gleichzeitig Kontrollmechanismen wegfallen“, so Anne Wiecker. Die erste Zeit mit einem Neugeborenen sei immer eine Umstellung, bedeute Stress. Jetzt, da Familien ungewohnt viel Zeit auf engem Raum verbringen müssen – wegen Kita- und Schulschließungen sowie Kurzarbeit – und vielleicht finanzielle Sorgen dazu kommen, seien Stresslevel und Agressionspotential höher als sonst. „Es ist wichtig, dass Nachbarn und Verwandte trotz gerade geltenden Regeln nicht wegschauen“, betont Wiecker, die eine Weiterbildung zur Familienhebamme absolviert.

Viele Familien aber, so sagt sie, sehen die viele gemeinsame Zeit auch als Geschenk und nutzen sie effektiv. Rechnet sie eigentlich – wie so oft scherzhaft behauptet wird – mit vielen Corona-Babys? „Ja, das wird so kommen“, sagt sie lachend.

Geburtenzahlen kaum niedriger

Wobei die aktuellen Geburtenzahlen auch nicht niedrig sind. So wurden im Halberstädter Ameos-Klinikum bis zum 3. April insgesamt 126 Geburten registriert, 38 davon im März, informiert Kliniksprecherin Katharina Fleischer.

Im Halberstädter Klinikum ist der erlaubte Besucherkreis für die werdenden Mütter ebenfalls stark reduziert worden. „Die Unterstützung eines Partners ist erlaubt, wechselnde Begleitpersonen nicht“, erläutert Fleischer. Die meisten Angehörigen reagieren auf die Einschränkungen verständnisvoll. Und diese seien sei nicht nur von Nachteil. Auch Isolde Zils hat festgestellt , dass so die Mutter-Kind-Bindung verstärkt wirkt. Sie habe eine Fokussierung beobachtet, da es kaum Ablenkung der Mutter durch Besucher gibt.