Halberstadt l Es ist ein kleines Wunder. Anita hat sich einen Keks in den Mund gesteckt. Ganz allein. Braucht sie doch sonst bei fast allen Bewegungen Hilfe. Beim Vorwärtskommen hilft ihr ein Rollstuhl oder ihr Therapiefahrrad, beim Sitzen ein roter Stuhl mit gepolsterter Kopfstütze, beim Essen ihre Mutter Alexandra Eichner.

Aneinanderreihung von Komplikationen

Anita lebt mit ihrer Zwillingsschwester, ihrer älteren Schwester und ihren Eltern in Derenburg. Sie kam vor zehn Jahren in der 28. Schwangerschaftswoche mit 810 Gramm zu Welt. Im Gegensatz zu ihrer Zwillingsschwester Amelie, kam es bei der erstgeborenen Anita nach der Geburt zu einer Aneinanderreihung von Komplikationen. Anita erlitt eine Hirnschädigung, eine Zerebralparese. Sie konnte sich geistig und körperlich nicht so entwickeln wie gesunde Kinder und leidet an Spastiken.

Alexandra Eichner kämpft darum, ihrer Tochter ein Stück Freiheit zu ermöglichen. Bewegungsfreiheit. Sie soll auf eignen Beinen stehen, ja laufen können.

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Mädchen ist eine Kämpferin

Ärzte schlugen der Derenburgerin eine Hüft- und eine Ulzibatoperation vor. „Das hätte bedeutet, dass Anita fünf bis sechs Stunden operiert werden müsste und danach acht bis zwölf Wochen hätte nur liegen können“, sagt Alexandra Eichner. Die Hoffnung der Ärzte sei es gewesen, dass Anita nach mehreren Wochen Reha eventuell hätte laufen können. Die Operationen, die Schmerzen, die lange Zeit weg von ihrer Familie, all das wollte sie ihrer Tochter nicht antun. Auch die Angst, dass Anita ihre lebensfrohe Art dadurch verlieren könnte, begleitete Alexandra Eichner. „Anita ist eine Kämpferin, die sich trotz ihrer Einschränkungen durch das Leben beißt und dabei viel lacht und Spaß hat“, beschreibt die Derenburgerin ihre Tochter. Wenn Anita, die die Liv-Ullmann-Schule Wernigerode besucht, und ihre Zwillingsschwester nach Hause kommen, fährt die Familie oft mit dem Fahrrad, geht reiten oder schwimmen. Besonders das Reiten gemeinsam mit ihrer Schwester Amelie gefällt Anita. Aber auch das Radeln mit ihrem dreirädrigen Fahrrad liebt sie.

Aber Alexandra Eichner will mehr für ihre Tochter. Sie will, dass sie aufstehen kann, wenn sie Lust dazu hat, will, dass sie weggehen kann, wenn ihr etwas nicht gefällt, will, dass sie sich einen Keks holen kann, wenn sie Appetit darauf hat.

Die Zahnarzthelferin begann, nach Alternativen zu Operationen zu suchen. In einem sozialen Netzwerk lernte sie eine Frau kennen, die von Erfahrungen mit der Adeli-Therapie berichtete. Ihr Sohn habe dadurch das Laufen gelernt.

Spezieller Anzug für Therapie

Mediziner entwickelten Anfang der 1970er Jahre einen Anzug, den Adeli-Anzug, aus Weste, Hose, Schuhen und Kniebandagen, der die negativen Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Nervensystem und den Bewegungsapparat von Kosmonauten eindämmen sollte. Der Anzug sollte die Schwerkraft simulieren. 20 Jahre später begannen Mediziner, den Anzug bei Kindern und Erwachsenen einzusetzen, die wie Anita an Zerebralparese erkrankt sind oder einen Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben. Die Anzugteile sind über Gummizüge verbunden, die eine erhöhte Reizweiterleitung der beanspruchten Muskeln zum Gehirn bewirken. Diese Impulse sollen im Gehirn gespeichert und später wieder abgerufen werden. So kann der Körper neue Bewegungen lernen.

Problem: Die Therapie gibt es in Deutschland nicht. Dafür in der Slowakei. Dort eröffnete im slowakischen Kurort Piestany das Adeli Medical Center. Das Problem: Die Krankenkassen zahlen die Therapie nicht.

Alexandra Eichner entschloss sich, es zu versuchen. Im September vergangenen Jahres fuhr sie mit ihrer Tochter das erste Mal für drei Wochen in die Slowakei. Sechs Tage pro Woche für je zwei Stunden machte Anita Übungen in dem Anzug. Im März flogen Mutter und Tochter erneut in die Slowakei.

Tochter ist offener geworden

Nach den Therapien hat Alexandra Eichner Veränderungen bei ihrer Tochter beobachtet. „Sie konnte auf einmal Zwei- bis Drei-Wort-Sätze bilden und bis 20 zählen.“ Sie war voller Freude, als ihre Tochter sich allein einen Keks in den Mund stecke. „All das war vor der Therapie undenkbar.“ Sie findet, dass ihre Tochter offener geworden ist.

Das große Aber: die Therapie ist teuer für die Familie. 4000 Euro, plus 1000 Euro für Unterkunft und Essen für Mutter und Kind. Die Krankenkasse zahlt Anita einmal im Jahr einen Zuschuss. Das hat Alexandra Eichner mit vielen Telefonaten und Widersprüchen erkämpft.

400 Kilogramm Stifte

Weil der Familie das Geld für zwei bis drei Therapien pro Jahr fehlt, entschloss sich Alexandra Eichner, Spenden zu sammeln. Eine Entscheidung, für die sie lange mit sich gerungen hat. „Ich wollte nicht betteln“, sagt sie und kam auf die Idee mit den Stiften. Für jeden Stift, den sie abliefert, bekommt sie von einer Stuttgarter Recyclingfirma einen Cent. Sie verbreitete den Aufruf, dass sie Stifte sammelt, über „Whats App“ und soziale Netzwerke. „Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. 400 Kilogramm Stifte sind so schon zusammengekommen. Das macht 400 Euro. Alexandra Eichner sammelt weiter, da ihre Tochter dauerhaft therapiert werden soll. Helfer können ihre Stifte in vielen Sammelstellen abgeben.

Mittlerweile haben Familie und Freunde einen Verein gegründet, um auch Geldspenden annehmen und Spendenquittungen ausstellen zu können, „Lachen, Leben, Laufen für Anita“. Sie wollen damit in Zukunft nicht nur Anita, sondern auch andere Kindern mit Behinderungen unterstützen.

 

Spendenkonto „Lachen, Leben, Laufen für Anita“, IBAN: DE07 8105 2000 0901 0594 39.