Coronavirus

Hotelier wartet auf bessere Zeiten

So ist die momentane Lage unter Corna-Bindungen im größten Hotel Osterwieck.

Von Mario Heinicke

Osterwieck l Er ist offen, der „Braune Hirsch“. Aber nicht für Restaurantgäste und auch nicht für Touristen. Sie müssen aufgrund der aktuellen Corona-Verordnung draußen bleiben. Zwei Geschäftsleute hatten in dieser Woche Quartier in Osterwiecks größtem Hotel gefunden. Doch zwei von 24 Zimmern waren also belegt – immerhin. Mehr waren es auch in den vergangenen Wochen nicht. „Das sind Gäste, die uns auch sonst bei ihren Geschäftsreisen aufsuchen“, berichtet Inhaber Ralph Haarnagel.

Der „Braune Hirsch“ liegt mitten in der Osterwiecker Altstadt. Ein Fachwerkgebäude, 1729 erbaut. Schon früher eine Gastwirtschaft. Familie Haarnagel fasste Mitte der 1990er Jahre den Mut, diesem völlig heruntergekommenen, wegen Einsturzgefahr bereits abgestützten Haus neues Leben einzuhauchen. 1997 wurde das Hotel eröffnet.

Ralph Haarnagel steht im „Braunen Hirsch“ in der Küche. Er besitzt dafür sogar den Meisterbrief. Doch seiner Berufung konnte er schon wochenlang nicht mehr nachgehen. Zuletzt zu Weihnachten, als für die Daheim-bleiben-Müssenden ein Außer-Haus-Verkauf angeboten wurde. So kam wenigstens etwas Geld in die Kasse seit dem Lockdown Anfang November.

Geschlossen war das Hotel auch schon im vergangenen Frühjahr. Diese Phase hatte das Team relativ gut verkraftet. Finanzhilfen kamen zügig, und mit dem nachfolgenden Sommer war Ralph Haarnagel richtig zufrieden. „Mehr Gäste als sonst hatten hier Kurzurlaub gebucht. Unsere Pauschalangebote waren stark nachgefragt.“

Dann kam der neuerliche Stopp Anfang November. Für Haarnagel nicht aus heiterem Himmel: „Das war ja schon abzusehen.“ Er deutet nur an, wie viele Familienfeiern, Seminarveranstaltungen und andere Reservierungen damit ausgefallen sind. „Bis Ostern ist alles gestrichen.“

Dabei hatte das Hotel den vorigen Sommer über natürlich auch Hygienekonzepte umgesetzt, zusätzliches Geld dafür in die Hand genommen beziehungsweise Restaurantplätze reduziert und somit auf Einnahmen verzichtet.

Momentan hält Ralph Haarnagel die Woche über als einziger des Hotelteams sozusagen die Stellung. Das Personal ist in Kurzarbeit, bei Bedarf wird ein Zimmermädchen tätig. Zwei Zimmer sind aber schnell gereinigt.

Auf dem Hotel lasten auch nach 24 Jahren noch Kredite, die bedient werden müssen. Strom, Gas, Wasser fallen weiter an. Ohne Hilfen vom Staat wäre das nicht zu bezahlen. „Diese Woche habe ich einen ersten Abschlag der November-Hilfe bekommen – gut die Hälfte“, berichtet Haarnagel. Jetzt ist Ende Januar.

Auch die Löhne muss er erstmal vorfinanzieren, bevor die Erstattung fürs Kurzarbeitergeld kommt. Banken und Krankenkassen seien aber kulant, wenn es eng wird, stellt er fest. Bei den öffentlichen Versorgern sei das indes nicht der Fall. Abschläge wegen geringeren Verbrauchs würden nicht reduziert – und auf die Erstattung über die spätere Jahresabrechnung verwiesen.

Ralph Haarnagel möchte dennoch angesichts der aktuellen Situation nicht klagen. Er weiß, dass viele momentan im Dilemma stecken. Auch seine Geschäftskunden. Der Lebensmittelgroßhandel, der Getränkehandel, die Wäscherei, die Touristiker. Alle leben zum beträchtlichen Teil von den Hotels und Gaststätten. Auch im „Braunen Hirsch“ sind die Lebensmittelvorräte heruntergefahren. Nicht einmal für die zugelassenen Geschäftsreisenden darf gekocht werden. Sie müssen sich selbst versorgen. Einzig Frühstück kann angeboten werden.

Am Ende der Kette wird – zeitverzögert – auch die Kommune drunter zu leiden haben, wenn der Hotelbetrieb zu wenig abgeworfen hat und die Gewerbesteuer ausbleibt.

Corona wird auch wieder vorbeigehen. Irgendwann im Frühjahr, davon geht Ralph Haarnagel aus, wird der Betrieb wieder anlaufen. „Ich hoffe, dass meine Kollegen alle wiederkommen“, sagt er mit etwas sorgenvoller Miene. Denn eine Mitarbeiterin habe sich bereits umorientiert und einen Job außerhalb der Hotellerie gefunden.

Derzeit ist Ralph Haarnagel zwar die ganze Woche über im Einsatz, verdient dafür aber kein Geld, lebt von den Reserven. Die staatlichen Hilfen sind bisher nur für den Geschäftsbetrieb und das Personal geflossen. „Manchmal denke ich, mit Hartz IV würde es mir besser gehen, sogar ohne zu arbeiten. Das ist nicht befriedigend. Ich möchte das auch nicht, ich möchte ja etwas tun.“