Halberstadt l Leitungen und Rohre verlaufen sichtbar unter der Decke – manche notdürftig von Schellen gehalten. Unter anderen hängen Eimer, um heraustropfendes Wasser aufzufangen, damit es die Kinder nicht auf die Köpfe trifft. Die Treppen haben den Charme der Wendezeit. Keine Frage: Die Innenausstattung der Kindertagesstätte „Zum Ententeich“ in Halberstadt, deren 30-jähriges Bestehen erst vor wenigen Monaten gefeiert wurde, ist in die Jahre gekommen. Doch das Problem ist mehr als ein optisches: Aufgrund gravierender baulicher Mängel – insbesondere der Brandsicherheit – muss die Kita geschlossen werden.

Stichtag dafür ist der 15. Januar. Das hat die Stadtverwaltung Ende November bekanntgegeben – und damit für heftigen Wirbel unter den Eltern gesorgt. Deren Ängste und Forderungen hat das Kuratorium der Kita in einem Brief zusammengefasst, adressiert an den Oberbürgermeister (Linke) und die Stadträte.

Allem voran dominiert die Sorge um die Sicherheit ihrer Töchter und Söhne sowie die der Mitarbeiter: Wenn die Gefahr denn so groß ist, warum wird die Kita nicht augenblicklich geschlossen? Zudem hegen die Eltern die Befürchtung, dass aus der vorübergehenden Schließung der Einrichtung eine dauerhafte wird – nicht zuletzt aufgrund der schlechten Finanzlage der Stadt. Immerhin habe die Sanierung des „Ententeichs“ in den vergangenen Jahren mehrfach zur Debatte gestanden – wurde jedoch aus genau diesem Grund immer wieder verschoben, gibt das Kuratorium zu bedenken.

Leitungen und Rohre aus den 1980er Jahren

Für die Sorgen und Fragen der Elternschaft habe er volles Verständnis, sagt Peter Kuschel, Fachbereichsleiter Innere Verwaltung. Er und weitere Verwaltungsmitarbeiter haben auf Nachfrage der Volksstimme zu einem Vor-Ort-Termin im „Ententeich“ eingeladen. Erste Etappe ist der Grund, aus dem jetzt zur Eile für die Schließung gedrängt wird: ein Sicherungskasten in der ersten Etage. Ende Oktober, so berichtet Hausmeister Holger Schmidt, habe er darin einen Schmorbrand entdeckt. Das Problem konnte schnell behoben werden, weder Kinder, noch Erzieher hätten etwas davon mitbekommen.

Für die Verwaltung war der Vorfall so etwas wie ein Warnschuss, jetzt schnell handeln zu müssen. „Aber die Kinder sind im Moment sicher“, betont Kuschel. „Sonst würden wir die Einrichtung sofort schließen.“ Dreimal in der Woche kontrollierten Stala-Mitarbeiter mit einer Infrarotkamera die Leitungen in dem Gebäude, damit sich ein solcher Schmorbrand nicht wiederholt.

Dass die Sicherungskästen veraltet sind, sei bei weitem nicht die einzige Schwachstelle des Hauses. „Das Gebäude ist Ende der 1980er Jahre erbaut worden“, informiert Jörg Wolansky, der Baufachmann der Stadtverwaltung. Während das Dach und die Außenfassade bereits saniert wurden, sei innen wenig geschehen. „Die Technik ist veraltet, es sind noch Alu-Leitungen verlegt. Da kann man nichts mehr ausbessern.“ Zudem könne die oberste Etage seit mehr als zehn Jahren nicht genutzt werden – da ein zweiter Fluchtweg fehle.

Zwei Jahre für Sanierung benötigt

Die Hoffnung der Eltern, während des laufenden Betriebes zu sanieren, nötigenfalls einzelne Bereiche zeitweise zu sperren, muss Wolansky nehmen. „Das ist bei dem Umfang der geplanten Arbeiten nicht möglich.“ Er gehe von zwei Jahren reiner Bauzeit aus. Strom-, Wasser- und Abwasserleitungen sollen erneuert werden, ebenso sämtliche Heizkörper. Die Toiletten und Fliesen in den Waschräumen werden getauscht, auch die Türen. Decken und Fußböden werden aufgearbeitet. „Außen folgen dann noch ein Fahrstuhl und zwei Fluchttreppen“, berichtet Wolansky. 1,74 Millionen Euro betrage die Bausumme – aus Fördertöpfen erhoffe sich die Stadt 1,16 Millionen Euro. Entsprechende Anträge seien gestellt.

Doch genau da liegt der Knackpunkt. Zwei Fördergeldanträge für die Sanierung des „Ententeichs“ sind in den vergangenen Jahren gescheitert – einmal, weil der Stadt das Eigenkapital fehlte. Ist die Befürchtung der Eltern, dass die Kita nie wieder öffnen wird, also berechtigt? „Zu 100 Prozent nein“, versichert Peter Kuschel. „Der ‚Ententeich‘ ist fester Bestandteil des Kita-Entwicklungsplans der Stadt Halberstadt.“ So wolle die Verwaltung die Kapazitäten der Kita an der Taubenstraße sogar erhöhen. Derzeit ist Platz für etwa 130 Kinder – nach der Sanierung für rund 40 weitere, informiert Thomas Fahldieck, Leiter der Abteilung Bildung, Jugend und Sport.

Bis dahin ist jedoch Geduld gefragt. Sofern der Fördergeldantrag genehmigt wird und die Kapitalgeber einem vorgezogenen Baustart zustimmen, beginnen die Arbeiten frühestens in einem Jahr, teilt Jörg Wolansky mit. So oder so werden einige der aktuell 100 „Ententeich“-Kinder bereits die Schule besuchen, bis die Arbeiten abgeschlossen sind.

Kinder müssen in andere Kita und Krippe

Für sie steht in den kommenden Wochen zunächst ein Umzug an. Der für die 66 Kita-Kinder fällt nicht weit aus – ins „Kinderland“, nur wenige Minuten zu Fuß entfernt. Die 34 Mädchen und Jungen aus der Krippe kommen dagegen in den „Sonnenschein“ an der Großen Ringstraße. „Das ist weit entfernt, das gefällt uns auch nicht“, räumt Peter Kuschel ein.

Aber, so ergänzt Thomas Fahldieck, sei die Einrichtung auf einem sehr guten Stand. Dort wurde und wird saniert, die letzten Arbeiten seien vor Weihnachten beendet. Im Rahmen dieser Sanierung wurden die Kapazitäten der Kita in der jüngsten Zeit nicht ausgereizt – das bedeute, das es genügend Platz für die unverhofften Neulinge gebe. Auch unter Corona-Bedingungen. Die Befürchtungen, die das Eltern-Kuratorium in dieser Hinsicht äußerte, könne er also entkräften, auch in Hinsicht auf das „Kinderland“. Dort werden über den Jahreswechsel Räume für die „Ententeich“-Kinder hergerichtet. „Angesichts von Corona werden wir vor dem Umzug keinen Tag der offenen Tür für die Eltern veranstalten können“, sagt Peter Kuschel. „Aber wir werden vorab die Volksstimme zu einer Besichtigung einladen.“

Sie gehe davon aus, dass die Kinder den Umzug gut verkraften werden, sagt Sabrina Wawerla, die stellvertretende Kita-Leiterin. „Die Gruppen bleiben bestehen und ihre Bezugspersonen ziehen mit um, das ist das Wichtigste für sie“, erläutert die 29-Jährige. Auch werden die Lieblingsspielsachen mitgenommen. Wie sieht es bei den 19 Erziehern aus, freuen sie sich darüber, dass ihre Kita saniert wird? „Das ist noch zu weit weg“, sagt Sabrina Wawerla. Und zu groß sei noch der Schock im Kollegium über die plötzliche Schließung.