Groß Quenstedt l Bereits am frühen Vormittag schien das ganze Dorf auf den Beinen zu sein. Auf dem Platz, wo einst die St. Petri-Kirche stand, waren viele fleißige Helfer dabei, Tische und Bänke aufzustellen, die Versorgungstände zu bestücken, den Grill anzuheizen. Am verbliebenen romanischen Turm des 1979 abgetragenen Gotteshauses, der als ein Wahrzeichen des Ortes in den Himmel ragt, legten die Fachleute letzte Hand an für den Glockenaufzug.

Auf den gesicherten Grundmauern des ehemaligen Saalbaus blätterten Neugierige in den ausgelegten Fotoalben und Dokumenten, begutachteten geretteten Zierrat von der einstigen Empore und Stücke der 1942 zerschlagenen Glocken, welche Janet Körner als Vorlagen für die neue Glockenzier dienten.

Nur wenige Hundert Meter entfernt war ein weiterer Menschenauflauf auszumachen. Denn auf dem Hof des Landwirts Henrik Robra standen zwei geschmückte Wagen mit den Bronzeglocken. Diese wurden von allen Seiten begutachtet und fotografiert. Bis Pfarrerin Susanne Entschel das Startzeichen für den Start für den Umzug durch das Dorf gab. Gewählt wurde ein längerer Weg, um möglichst vielen Menschen die beiden prächtigen Glocken zu präsentieren. Den von je zwei Kaltblütern gezogenen Fuhrwerken folgten Einwohner und Gäste.

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Vor langer Zeit vestummt

Die Pfarrerin erinnerte zu Beginn der Andacht daran, dass die Glocken vor sehr langer Zeit verstummt waren. Zweimal mussten die Groß Quenstedter erleben, dass die Glocken zweckentfremdet wurden. Zuletzt zerschlug man sie vor 77 Jahren, um sie für Kriegsgerät zu schmelzen.

Das war schon einmal 1917 geschehen. In ihrem Tagebuch habe Elfriede Robra den 10. Juli des Jahres als einen sehr schmerzlichen Tag bezeichnet.

„Wenn wir heute das neue Paar aufziehen, dann soll das ein Zeichen sein“, so Susanne Entschel, „sie sollen künftig von Frieden und Freiheit in unserm Land singen.“ Sie sollen mahnen und erinnern an die Verantwortung, die dafür getragen werden müsse.

Großes Gemeinschaftswerk

Die Pfarrerin sprach von einem großen Gemeinschaftswerk, von vielen Menschen, die es über Jahre vorangetrieben und die Hoffnung nie aufgegeben haben. Henning Blume schwirrte schon seit Jahrzehnten die Idee vom Glockenneuguss im Kopf herum. Viele Zeichnungen und Pläne habe er zu Papier gebracht und alles dafür getan, dass immer wieder Spenden gesammelt wurden, um dem Ziel näher zu kommen. Dass man allerdings schon im Frühjahr 2019 ein solch bedeutsames Ereignis feiern könne, sei einer ungeahnten großen Spende Erika Wohlenbergs zu verdanken. „Ohne Sie wären wir heute nicht soweit. Dafür sind wir alle sehr dankbar“, unterstrich die Rednerin, „dankbar sind wir auch dafür, dass über all die Jahre nie aufgegeben wurde und dass es immer fleißige Helfer gegeben hat, die das Werk unterstützten.“„Doch erst wenn der Klang in unseren Herzen angekommen ist, dann sind die Glocken in Groß Quenstedt angekommen“, betonte Entschel. Das werde geschehen, wenn die „Oster-Glocken“ am Ostersonntag um 14 Uhr beim Kirchspiel-Gottesdienst erstmals läuten.

Dann ergriff Erika Wohlenberg kurz das Wort: „Ich stehe hier stellvertretend für meinen Mann Hellmuth, der die Idee hatte, das Projekt finanziell zu unterstützen. Er wollte seinem Groß Quenstedt etwas zurückgeben.“ Sie dankte allen, die geholfen und damit auch einen Herzenswunsch ihres Mannes mit erfüllt haben. Leider konnte er es selbst nicht mehr mit erleben. „Mögen die Glocken lange Zeit in Frieden in unserer Gemeinde erklingen.“.

Dann übernahm der Architekt Gerd Srocke das Kommando. Er erläuterte den freiwilligen Helfern das genaue Vorgehen. Zunächst mussten die Glocken nur mit Muskelkraft vom Wagen gehoben werden. Das geschah mit einem Flaschenzug und dem 80 Meter langen Hauptseil und einem zweiten Seil, mit welchem die Glocke langsam in die Nähe des Turmes gebracht wurde, um dann mit Hilfe eines Flaschenzuges senkrecht aufgezogen zu werden. Srocke dirigierte die Frauen, Männer und auch Kinder, die Schritt für Schritt seinen Anweisungen folge leisteten. Bevor die schweren Klangkörper langsam in die Höhe „schwebten“, schlugen Erika Wohlenberg und Henning Blume die Glocke an.

Körperlicher Einsatz

Auf dem Gerüst und auf dem Turm hatten die von Architekt Gerd Srocke angeleiteten Bauleute das Tun und Sagen. Sie brachten das doppelte Glockengeläut ebenfalls mit großem körperlichen Einsatz durch die Fensteröffnung in das alte Gemäuer. Wobei der Aufzug der großen Glocke etwas weniger Zeit in Anspruch nahm als die kleine zuvor.

Unter den mehr als 60 Helfenr an den Seilen befand sich auch Ernst Gödecke, mit 91 Jahren der älteste Groß Quenstedter. „Ich muss unbedingt dabei sein. Ich erinnere mich noch an den Klang der alten Glocken und wie diese zerschlagen wurden. So etwas darf nie wieder geschehen.“ Unweit von ihm war Ulla Habermann auszumachen, die ihre fünfjährige Enkelin Nele als jüngste Helferin unterstützte. „Ich habe ihr erzählt, dass die Glocken uns früher abends immer nach Hause gerufen haben. Als Kinder besaßen wär nämlich keine Uhr. Die Glocken sollen auch künftig weit zu vernehmen sein.“ Ganze Arbeit hatten alle geleistet, als am frühen Nachmittag das Werk vollbracht war. Nun gilt es die beiden neuen Glocken im Turm aufzuhängen, damit ihre Stimmen zum Osterfest erklingen können.