Halberstadt l Wahlplakate vom Oberbürgermeisterkandidaten Andreas Gottschalt sucht man in Halberstadt und auch in den sieben Ortsteilen der Kreisstadt vergebens. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Jüngste in der Runde der sechs Kandidaten um das Amt des Halberstädter Oberbürgermeisters öffentlichkeitsscheu ist. Würde ja schließlich nicht zum angestrebten Amt passen. Hinter der Enthaltsamkeit an den Laternenmasten der Stadt und der Dörfer verbirgt sich etwas völlig anderes.

Keine Plakate

„Plakate verschwenden Holz und Pappe, das brauche ich nicht. Wer mich kennt, weiß, dass ich ressourcen­schonend und ­minimalistisch lebe“, erläutert Andreas Gottschalt. Er hat stattdessen für sich Alternativen gefunden, um seinen Wahlkampf öffentlichkeitswirksam zu führen. Unter anderem in den ­sozialen Netzwerkes des Inte­rnets. „Dort bin ich sehr aktiv.“

„Sie finden in meinem Büro und bei mir zuhause fast nur Gebrauchtmöbel. Das ist ein Anspruch, der mich auszeichnet.“

Wirtschaftsstandort sichern

Einige seiner Ziele, die Andreas Gottschalt umsetzen will, falls ihm die Mehrheit der Wähler ihre Stimmen geben, steckte er ab. Der Kandidat möchte sich für Halberstadt als sicheren Wirtschaftsstandort, für Jobs der Zukunft, die Wiederbelebung der Altstadt durch Ansiedlung von Gastronomien und Schankwirtschaften einsetzen. Außerdem steht er für den Erhalt und aktive Nutzung der Grünanlagen, den Ausbau und Förderung sozialpädagogischer Angebote vor allem im ländlichen Raum und er will die aktive Bürgerschaft in Vereinen und Initiativen stärken.

Die Lebenseinstellung, ­ressourcenschonend durch die Welt zu gehen, spiegelt sich auch in seinen Geschäfts­räumen am ­Martiniplan wider. „Sie finden in meinem Büro und bei mir zuhause fast nur Gebraucht­möbel. Das ist ein Anspruch, der mich auszeichnet“, so der Kandidat, der erst vor wenigen Monaten den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. Seit vielen Jahren engagiert er sich ehrenamtlich im sozialen Bereich. Unter anderem als gesetzlich bestellter Betreuer im Ehrenamt.

Dann traf Andreas Gottschalt für sich die Entscheidung, die Liebe zur Arbeit mit und für Menschen soll ein Beruf werden. Der 35-Jährige möchte als beruflicher Betreuer arbeiten und Hilfe zur Selbsthilfe anbieten. „Allerdings entschloss ich mich dafür zur denkbar ungünstigsten Zeit, wie sich kurze Zeit später herausstellte.“ Andreas Gottschalt hatte kaum sein Büro geöffnet, da brach die Coronapandemie aus und er musste sein Büro wieder schließen.

Gründer in Wartestellung

„Ich verliere seitdem viel Geld und lege privat etwas drauf.“ Er ist froh, dass ihm sein Vermieter entgegenkommt. „Ich möchte aber nicht herumjammern“, betont der Jungunternehmer. Der Gründer will die Zeit bis zur Wiedereröffnung seines Büros mit einem Kurs überbrücken, den er für seinen Job noch absolvieren muss. „Dann hoffe ich, im September endlich so richtig durchstarten zu können.“

„Gastronomen kochen täglich für Obdachlose. Die ehrenamtlichen Mitstreiter sammeln außerdem in Märkten Lebensmittel für hilfsbedürftige Menschen.“

Das geschlossene Büro bedeutet jedoch nicht, dass Andreas Gottschalt Däumchen dreht. In der Coronakrise stellte er sich neuen Herausforderungen und gründete die Initiative „GastroHilft“ in seiner Heimatstadt. Was verbirgt sich dahinter? „Gastronomen kochen für Obdachlose. Die ehrenamtlichen Mitstreiter sammeln außerdem in Märkten Lebensmittel für hilfsbedürftige Menschen, sie kochen und backen aber auch selbst, transportieren Essen“, erklärt der Ehrenamtler. Das sei für ihn ein Herzenprojekt geworden, dass sehr gut angelaufen ist. Anfangs bestand das Team aus vier bis fünf Mitstreitern. Mittlerweile seien es bis zu 25 Aktive, die sich für die gute Sache engagieren.

Dreimal in der Woche besteht die Möglichkeit für Bedürftige, sich an der Food Sharing Station im Soziokulturellen Zentrum „Zora“ in Halberstadt mit Essen zu versorgen. 25 bis 30 Menschen nehmen das Angebot an, so Andreas Gottschalt. „Das Besondere ist, dass die Menschen ihre Bedürftigkeit nicht nachweisen müssen.“ Der Halberstädter ist sich sicher, dass die Initiative „GastroHilft“ auch nach dem Ende der Coronapandemie Bestand haben wird.

„Ich bin politisch aktiv, lasse mich aber nicht gern in eine Ecke drängen. Wenn mir etwas nicht passt, dann sage ich das auch.“

Der noch 35 Jahre junge Mann ist durch einen Scherz in die Position gekommen für das Amt des Oberbürgermeisters zu kandidieren.

„Zumindest war das anfangs so. Ich wusste, dass viele in der Stadt den Amtsinhaber kritisch betrachten. Da dachte ich mir, hauste mal einen Post auf ­Facebook raus. Dann war die Resonanz plötzlich größer als erwartet“, erinnert sich ­Andreas Gottschalt. Das weckte bei ihm den Ehrgeiz, die Kandidatur nun ernsthaft anzugehen. Eine Hürde galt es, aber noch zu nehmen. Er musste wenigstens 100 Unterstützer-Unterschriften sammeln, um das Projekt OB-Wahl starten zu können. Dabei halfen ihm Freunde.

„Am letzten Abend vor Ablauf der Abgabefrist bin ich selbst noch mal los.“ Sieben Unterschriften kamen zusammen. Es sollte sich herausstellen, dass es die entscheidenden Unterschriften waren, denn einige auf der Liste wurden für ungültig erklärt. „Mit den sieben kam ich insgesamt auf 106 gültige Unterschriften. Sonst wäre ich unter 100 geblieben und hätte nicht kandidieren können.“ Er sei froh, dass das geklappt hat. Allerdings sei er sich bewusst, im Kampf um den Chefsessel im Rathaus in einer Außenseiterrolle zu sein. „Ich bin Realist und lasse die Kirche im Dorf.“

Einer Partei, die ihn bei der Kandidatur um den Job des Oberbürgermeisters unterstützt, gehört Andreas Gottschalt nicht an. Er tritt als Einzelbewerber an. „Ich bin politisch aktiv, lasse mich aber nicht gern in eine Ecke drängen. Wenn mir etwas nicht passt, dann sage ich das auch.“ Daher steht der Halberstädter lieber außerhalb von festen Strukturen, so sei manches viel leichter zu verordnen, ist er sich sicher.