Pflegeeltern sprechen mit einer Stimme

Landesverband der Pflegeeltern will Missstände beseitigen

Schlanstedt Das Treffen der Pflegeelternvereine, zu dem der Landesverband eingeladen hatte, wurde zu einem Vormittag voller Fragen, Wünsche, Forderungen und Emotionen. Denn im Pflegekinderwesen liegt noch einiges im Argen.

Von Ramona Adelsberger
Treffen des Landesverbandes der Pflegeelternvereine im Burgstall Schlanstedt mit Andreas Henke, Kathrin Kube, Caroline Zeigermann und Monika Hohmann.
Treffen des Landesverbandes der Pflegeelternvereine im Burgstall Schlanstedt mit Andreas Henke, Kathrin Kube, Caroline Zeigermann und Monika Hohmann. Fotos (2): Ramona Adelsberger

Schlanstedt - Es gibt Kinder, deren Eltern aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, sich selbst um ihren Nachwuchs zu kümmern. So dass die Jugendämter reagieren und für die Kinder andere Wege suchen, wo sie behütet aufwachsen können. Idealerweise sind das Pflegeeltern, die Kinder bei sich aufnehmen, sich um sie kümmern und ihnen Geborgenheit geben.

Nun sollte man meinen, dass eine solche Win-Win Situation im Sinne aller wäre, und dass die Gesellschaft ein besonders Interesse daran haben sollte. Leider aber sieht die Praxis etwas anders aus, Pflegeeltern fühlen sich oft nicht ernst genommen, allein gelassen und zu wenig von den Jugendämtern unterstützt. 

Daher haben sich Pflegefamilien zu Vereinen zusammengeschlossen. Vorrangig, um sich auszutauschen, aber auch, um gegebenenfalls mit einer Stimme zu sprechen und besser gehört zu werden. Allein im Harz gibt es drei Vereine. Um diesen Stimmen noch mehr Gehör zu verschaffen, wurde vor 24 Jahren in Sachsen-Anhalt der Landesverband der Pflege- und Adoptiveltern gegründet, dessen Vorsitz seit drei Jahren in den Händen von Kathrin Kube aus Schlanstedt liegt, selbst Pflegemutter von drei Kindern.

Und seitdem ist neuer Schwung im Verband spürbar, seit Jahresbeginn gibt es auch eine Geschäftsstelle in Halberstadt als Anlaufpunkt für die Vereine. Denn Ziele des Verbandes sind die bessere Vernetzung, eine stärkere Außenwirkung und der Austausch.

So wie beispielsweise kürzlich im Dorfgemeinschaftshaus „Burgstall“ in Schlanstedt, als der Verband zum Treffen eingeladen hatte und viele Vereine, aber auch interessierte einzelne Pflegeeltern gekommen sind. Eingeladen waren auch die hiesigen Landtagsabgeordneten, von denen Andreas Henke und Monika Hohmann (beide Linke) die Einladung wahrgenommen haben. Monika Hohmann hält seit fünf Jahren engen Kontakt zu den Pflegeeltern des Harzkreises und hat großen Anteil daran, dass die Arbeit des Landesverbandes nun von der Landesregierung unterstützt wird. „Unsere Arbeit ist noch nicht abgeschlossen“, betont sie und verspricht, auch weiterhin nicht locker zu lassen. Ein Thema brenne ihr dabei besonders auf den Nägeln: Der Beihilfekatalog, der sich in jedem Landkreis anders gestaltet ist und vor allem sehr unterschiedliche Summen vorsieht. „Es kann nicht sein, dass ich als Pflegekind Glück oder Pech habe, je nachdem, in welchem Landkreis ich lebe.“

Es kann nicht sein, dass ich als Pflegekind Glück oder Pech habe, je nachdem, in welchem Landkreis ich lebe.

Monika Hohmann, Landtagsabgeordnete (Linke)

Dazu erklärt Kathrin Kube, dass eines der großen Ziele der Verbandsarbeit sei, dass die Beihilfen, auf die Pflegekinder beispielsweise für Urlaub oder Schulbedarf Anspruch haben, endlich als Pauschalen gezahlt werden. „Gegenwärtig müssen die Pflegeeltern alles einzeln beantragen, dazu fehlt viel zu oft die Zeit.“ Die Landkreise sollten endlich dazu übergehen, Pflegeeltern zu entlasten.

Zu den Beihilfekatalogen gibt es übrigens noch eine ganz andere Forderung, die zum Treffen wiederholt angesprochen wurde. Denn viele Pflegeeltern kennen den Katalog nicht einmal und wissen nicht, was ihnen grundsätzlich zusteht.

Das ist das Stichwort für Henrike Hopp, Unterstützerin, Beraterin und Ehrenvorsitzende des Verbandes. Hopp ist eine engagierte Fachfrau für Pflegekindschaft, Adoption und Integration. Sie hat das Netzwerk Moses-Online gegründet und kämpft unermüdlich gegen Ungerechtigkeit, die ihr immer wieder begegnet und sie „sprachlos“ macht. 

Sie stellt die Änderungen im neue Sozialgesetzbuch vor, die das Pflegekinderwesen betreffen. So endlich die Forderung, dass die Jugendämter sich nicht mehr hinter dem Amtsdeutsch verstecken dürfen, sondern alle Angelegenheiten mit den Pflegeeltern verständlich zu klären haben. Und ausdrücklich wird nun auch die Beteiligung der betroffenen Kinder mit einbezogen und deren Rechte sind insgesamt gestärkt. Neu sei auch die Einführung von Ombudsstellen in den Landkreisen. „Wenn Sie sich ungerecht behandelt fühlen, können sie dorthin gehen.“ Änderungen gebe es auch im Bezug auf den Hilfeplan und die Beratung und Betreuung der Eltern. Auf ihrer Internetseite widmet sich Henrike Hopp ausführlich diesen Neuerungen und kommentiert sie.

Das neue Gesetz räumt Ihnen mehr Rechte ein, diese gilt es nun einzufordern.

Henrike Hopp, Moses-Online

„Das neue Gesetz räumt Ihnen mehr Rechte ein, diese gilt es nun einzufordern“, wendet sie sich an die anwesenden Pflegeeltern. Denn das Gesetz sieht ausdrücklich die Zusammenarbeit der Jugendhilfe und Zusammenschlüsse der Pflegeeltern vor. „Sie sind gewollt“, gibt sie dem Landesverband und den anwesenden Vereinen mit auf den Weg und rät grundsätzlich, selbst ein Gerichtsverfahren nicht zu scheuen, wenn sich Pflegeeltern ungerecht behandelt fühlen.

Dieses Recht sei im BGB geregelt. Beispielsweise, wenn es darum geht, dass ein Pflegekind, das seit Jahren unter ihrem Dach lebt und mit der neuen Familie eine Bindung eingegangen ist, plötzlich zurück zu den Herkunftseltern soll. So einfach sei das nicht. „Sie haben Rechte und Sie müssen sich wehren.“

Gleich mehrfach wird beklagt, dass die Jugendämter generell viel zu oft vom grünen Tisch aus entscheiden, und die zuständigen Mitarbeiter, gerade in der Corona-Phase, monatelang nicht einmal erreichbar waren. Und vieles, wie beispielsweise die vorschriebenen Hilfepläne, nicht bearbeitet worden sind. „Das ist mit dem neuen Gesetz nicht vereinbar“, betont Fachfrau Hopp und ist überzeugt: „Es wird ein Umdenken in den Jugendämtern stattfinden.“

Für die generelle Problematik, dass es zu wenig Pflegeeltern gibt, hat es kürzlich im Harzkreis einen vielversprechenden Lichtblick gegeben. Nach einer Werbeoffensive eines privaten Radiosenders habe es großes Interesse und viele Anfragen gegeben, so Kathrin Kube. Nun läge es an den Mitarbeitern der Jugendämter, diese potenziellen Pflegeeltern zu gewinnen. Dazu aber müsse die Bereitschaft, sich um ein fremdes Kind zu kümmern, endlich mehr wertgeschätzt werden. „Viele unserer Pflegeeltern fühlen sich als Bittsteller.“

Dass es auch anders gehe, zeigten neue Modelle aus Dessau-Roßlau oder Halle. Beispielsweise seien im „Pflegenest“ in Halle die Pflegeeltern richtig angestellt und sozialversichert. „So könnte dem Mangel an Pflegeeltern entgegengewirkt werden, weil dieses Modell attraktiv ist“, betont Kathrin Kube.