Halberstadt l Olle Knochen. Kleine und große. Eine Kralle. Ein Zahn. Riesige Skelette. Ein schmaler Kopf, ein bisschen vogelartig. Nein, begegnen will man diesem Typen in natura nicht. Und doch, Plateosaurus engelhardti ist faszinierend. So, wie er seinen Schädel dem Besucher zuwendet, fordert er Aufmerksamkeit in dem Ausstellungssaal. Und die soll er haben. Denn nur wegen ihm gibt es die aktuelle Sonderausstellung im Museum Heineanum in Halberstadt.

Der Ur-Halberstädter ist etwas ganz Besonderes. Als er lebte, hingen noch alle Kontinente zusammen als Pangäa, es war subtropisch heiß im Sommer, kalt und trocken im Winter. Ausgeprägtes Kontinentalklima. Völlig verschieden von dem, was wir heute kennen. Und nur dort, wo heute Mitteleuropa liegt, lebte vor 220 Millionen Jahren Plateosaurus.

Fachliche Expertise

Seine Spur zieht sich von der Nordschweiz bis ins südliche Niedersachsen und westliche Sachsen-Anhalt. Hedeper ist der nördlichste bekannte Fundort von Plateosaurus-Fossilien, Halberstadt einer der drei bedeutendsten. Neben Trossingen in Baden-Württemberg und Frick in der Schweiz.

Dort arbeitet Dr. Ben Pabst. Der Paläontologe aus Zürich hat für die Sonderausstellung in Halberstadt die zahlreichen Fundstücke begutachtet, wie Rüdiger Becker berichtet. Der Chef des Heineanums ist Biologe, bewandert in vielen Bereichen, aber eben kein ausgewiesener Fachmann für die Wissenschaft von den Lebewesen und Lebenswelten der geologischen Vergangenheit, also der Paläontologie. Deshalb hat er sich fachliche Expertise ins Haus geholt.

Solche Besuche sind wichtig, nicht nur, weil sie helfen, eigene Bestände genauer einzuordnen. Solche Besuche sind es auch, die Anteil daran haben, in der Wissenschaftswelt den Namen Halberstadt wieder etwas präsenter werden zu lassen. Dazu hatte schon die Leihgabe ans Braunschweiger Naturhistorische Museum beigetragen, als dort die Sonderschau „Jurassic Harz“ gezeigt worden war.

Alles authentische Funde

Was aber ist so besonders an diesem Halberstädter Dino, dass ihm das Heineanum eine Sonderausstellung widmet? Wobei der Skelettabguss, der in der Sonderschau gezeigt wird, eine Leihgabe der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim ist. Doch darum geht es nicht, wie Becker erläutert.

Keine Dinoschau

Zum einen ist der Plateosaurus einer der ersten Prosuropoden, der Vorläufer der späteren, riesigen Langhalssaurier, sehr viel älter als zum Beispiel der berühmte Tyrannosaurus rex. Zum anderen ist er eben ein Halberstädter. „Wir zeigen hier keine Dinoschau, die die Bandbreite der Saurier abdeckt. Hier sind nur authentische Stücke zu sehen, alles Funde, die in Halberstadt gemacht wurden“, erklärt Becker.

„Ice Age“ vor der Haustür

Die Ausstellung bietet sozusagen „Ice Age“ im Harz, denn die Fundstücke sind zugleich eine Zeitreise vom Trias bis zur letzten, der Weichsel-Eiszeit. Mit dem Plateosaurus, mit dem Plesiosaurus (Rudersaurier) bis hin zum Skelett des Wollhaarmammuts wird eine riesige Zeitspanne abgedeckt. 220 Millionen Jahre vor unserer Zeit bis rund 10 000 Jahre vor unserer Zeit. In dieser Zeit, vor rund 180 Millionen Jahren, trennte sich Pangäa, der Urkontinent, in den Nordkontinent (Nordamerika und Eurasien) und den Südkontinent Gondwana (Afrika mit Madagaskar, Südamerika, Indien, Australien, Antarktis). Dazwischen lag ein weltumspannendes Meer.

Die Verschiebung der Kontinente brachte Klimaveränderungen mit sich, Arten entwickelten sich unabhängig voneinander. Dort, wo Plateosaurus vor 220 Millionen Jahren auf Suche nach Nahrung war, wo sich Trockenzeiten mit heftigen Regenzeiten abwechselten, lebte 20 Millionen Jahre später der Rudersaurier in einem flachen Schelfmeer. Und sehr viele Millionen Jahre später, wehrten sich Mammuts mit dichtem Fell gegen die eisigen Winde, die über die schneebedeckten Ebenen stürmten.

Viele interessante Details

Die Ausstellung ist zum einen für Fans urzeitlicher Lebenswelten interessant, erzählt aber auch Wissenschaftsgeschichte. Denn der Skelettabguss von Plateosaurus ist so aufgebaut, als wäre der Dino auf vier Füßen gelaufen. Lange Zeit stritten die Forscher, ob der acht bis zehn Meter lange Saurier auf vier Füßen lief oder auf zweien. Inzwischen tendiere man mehr dazu, dass die Tiere, die wohl in größeren Herden zusammenlebten, als Zweibeiner unterwegs waren. Denn die Vorderbeine sind deutlich kürzer und schwächer als die kräftigen Hinterläufe.

Beide Theorien werden in der Ausstellung augenfällig – in dem vierfüßig aufgebauten Skelett und in einem raumhohen Poster, dass mehrere Plateosaurier zeigt, wie sie durch eine trockene Landschaft streifen – allein auf ihren Hinterbeinen.

Die Stellung der Fingerknochen legt zudem laut Dr. Ben Pabst nahe, dass Plateosaurus engelhardti mit seinen Händen greifen konnte.

Bissspuren und Abdruck eines Farns

Solche Details erschließen sich dem Besucher nicht auf den ersten Blick. Gleichwohl bieten die versteinerten Knochenfragmente viele interessante Details. Bissspuren etwa oder den Abdruck eines Farns. Der war vielleicht Nahrung für den Saurier, der zu den ersten pflanzenfressenden Dinos zählt. Wobei seine kleinen, spatelförmigen und relativ gleichförmigen Zähne mit ihren deutlichen seitlichen Kerbungen, kleinen Sägezähnen gleich, durchaus auch die Ernährung durch Aas ermöglichen würde, wie Ben Pabst schreibt. Seine Braunschweiger Kollegin Dr. Cathrin Hühne hingegen geht von rein vegetarischer Ernährung aus.

Katalog und Angebote

Nachzulesen sind diese unterschiedlichen Bewertungen in dem umfangreich bebilderten Katalog, der zu der Ausstellung erschienen ist und wie die begleitenden Angebote vom Förderkreis für Vogelkunde und Naturschutz am Museum Heineanum finanziert wurde. Für Kinder sind Ausstellungsbesuch und Angebote der Museumswerkstatt kostenlos.

„Ohne solche Unterstützung wären Sonderausstellungen kaum möglich. Allein die Versicherungssumme für die Skelett-Replik aus Mannheim übersteigt unseren Etat“, sagt Becker, der zugleich betont, dass die Stadt Halberstadt auch zusätzlich Geld bewilligt hat, um die Ausstellung ansprechend gestalten zu können.

 

Die Sonderausstellung „Urzeitliche Schätze – Plateosaurus, Mammut & Co.“ ist noch bis zum 26. August in den Räumen des Heineanums und des Städtischen Museums Halberstadt, Domplatz 36, zu sehen.