Halberstadt l Ulrich Eichler und Otfried Wüste­mann sind in Halberstadt im Auftrag des ­Naturschutzes im Einsatz. Die beiden Mitglieder des Vereins Wildfisch- und Gewässerschutz 1885 Wernigerode retten Fische aus dem Goldbach. Der verwandelt sich im Bereich der Alten Blanken­burger Heer­straße demnächst in eine Baustelle. Genauer gesagt an der seit Jahren gesperrten und maroden Goldbachbrücke, die im Auftrag der Stadt Halberstadt abgerissen wird.

Bach führt trotz Dürre Wasser

Ulrich Eichler und Otfried Wüstemann waten vorsichtig durch den glasklaren Goldbach. Trotz der langen Dürre führt der Bach Wasser. Die beiden Naturschützer sind skeptisch, ob sie nach diesem Rekordsommer überhaupt fündig werden. Otfried Wüste­mann führt einen ­Kescher durch das Wasser. Kein normaler, mit dem Angler ihren Fang aus dem Wasser ziehen. Das Gerät steht unter Strom. 300 bis 400 Volt, aber nur mit etwa 0,3 Ampere. Am ­Kescher befindet sich der Pluspol, der Minuspol ist an einer Strippe, die ­Otfried Wüstemann hinter sich herzieht. „Das Gerät arbeitet völlig gefahrlos und hat eine Reichweite von etwa 1,5 Metern. Die Fische bekommen einen leichten Krampf und schwimmen zum Pluspol, also direkt in den ­Kescher“, erklärt der Vereinsvorsitzende. Das sei ein sehr schonendes Verfahren. Ulrich Eichler, Vorstandsmitglied, steht mit einem wassergefüllten Plastik­eimer an seiner Seite.

An einigen Stellen hat sich der Goldbach im direkten Umfeld der Brücke auf bis zu 50 Zentimeter gestaut. Bereits nach den ersten Metern zappeln Fische im ­Kescher. Mit ­sicherer und geübter Hand greift Ulrich Eichler zu und befördert die ersten glitschigen Fische in den ­Eimer – Drei­stachlige Stichlinge, Schmerlen und Gründlinge.

Bilder

Bachforelle als Überraschungsfang

Plötzlich Aufregung bei den Profis. An einer tieferen ­Stelle des Goldbaches ein Über­raschungsfang. Eine fast 30 Zentimeter lange Bach­forelle zappelt im Netz. „Damit haben wir angesichts des niedrigen Wasserstandes überhaupt nicht gerechnet“, stellen beide überrascht fest. Ulrich Eichler holt schnellen Schrittes einen zweiten Eimer für die Forelle. Sie bleibt an diesem Tag allerdings ein Einzelfang.

Große Artenvielfalt

„Wir setzen die gefangenen Fische in einem ungefährdeten Bereich direkt wieder im Goldbach aus“, ergänzt Otfried Wüstemann, Vereinsvorsitzender. Das erfolgt einige ­Kilometer flussaufwärts, damit die geretteten Fische nicht ­direkt zurückschwimmen. Die Gefahr besteht vor allem bei Bach­forellen. Schmerlen, Gründlinge und Stichlinge sind hingegen standortreu und wandern nicht, erläutert Ulrich Eichler. Peinlich genau erfassen die beiden, wie­viele Fische sie dem Goldbach entnehmen und dann wieder aussetzen. Alles wird in einem Protokoll festgehalten. Über 200 Fische sind es an diesem Tag am Goldbach in Halberstadt – nur im unmittelbaren Umfeld der Brücke. „Der Goldbach hat eine größere ­Artenvielfalt als Holt­emme und Zillierbach im Bereich Wernigerode“, informiert Ulrich Eichler.

Über 10.000 Fische gerettet

Otfried Wüstemann und Ulrich Eichler sind im gesamten Harzkreis im Einsatz, wenn es darum geht, ausgewiesene Baustellen an Flüssen und Teichen abzufischen. „Wir haben in den zurückliegenden Jahren weit über 10.000 Fischen das Leben gerettet“, resümiert ­Ulrich Eichler. Zu 100 Prozent sei natürlich auch diese Abfangmethode nicht sicher. Aber den Großteil der Fische könne man damit retten. „Wenn wir unsicher sind, kommen wir zwei Tage später noch einmal zurück, kurz bevor die Bauarbeiten beginnen“, so Otfried Wüstemann. Ihr Einsatz ist ehrenamtlich. Sie bitten nach Ende des Abfischens die Baufirmen um eine Spende für ihren Verein.

Die ortsansässigen Anglervereine kümmern sich normalerweise um das Abfischen von Gewässern, an denen gebaut werden soll. Dafür benötigt man allerdings Spezialtechnik, die nicht jeder Verein besitzt. Auch der Halberstädter Angler­verein nicht. Darum sind die beiden Wernigerö-der auf fremden Terrain im Einsatz. Hinzu kommt, dass auch nicht jeder mit dieser Technik losziehen und Fische fangen darf, betont Otfried Wüstemann. Dafür muss man eine Prüfung ablegen und die Genehmigung der Oberen ­Fischereibehörde in der Tasche haben.