Landtagswahl

Neun Harzer schaffen es in den Landtag

Neun Abgeordnete werden den Harzkreis im nächsten Landtag vertreten. Neben vier Direktkandidaten rutschen fünf weitere über die Landeslisten ins Parlament.

Von Sabine Scholz, Dennis Lotzman und Jens Müller 07.06.2021, 20:36
Sven Scherbaum (links) und Christoph Böttcher leeren die Wahlurne mit den Stimmzetteln der Briefwähler aus Blankenburg. Damit begann  im Briefwahlbezirk 996 das Auszählen der Stimmen.
Sven Scherbaum (links) und Christoph Böttcher leeren die Wahlurne mit den Stimmzetteln der Briefwähler aus Blankenburg. Damit begann im Briefwahlbezirk 996 das Auszählen der Stimmen. Foto: S. Scholz

Harzkreis - Es sind mehr als die am Montag in der Volksstimme zunächst vermeldeten sieben Kandidaten: Über Nacht – also mit der Auszählung weiterer Wahlbezirke im Land und nach dem Redaktionsschluss in der Nacht zum Montag – haben sich die Zahlen noch einmal dahingehend verändert, dass insgesamt neun Harzer Politikern der Sprung in den Landtag gelungen ist. Neben den vier CDU-Leuten Angela Gorr, Thomas Krüger, Alexander Räuscher und Ulrich Thomas, die die vier Wahlkreise im Harzkreis direkt gewonnen haben, ist über die Listenplätze nicht nur Armin Willingmann (SPD), Andreas Henke (Die Linke) und Susan Sziborra-Seidlitz (Grüne) noch der Sprung in Landtag gelungen, sondern auch dem Halberstädter Christian Hecht (AfD) sowie die Hedersleberin Monika Hohmann (Die Linke).

Wahlkreis 14 (Halberstadt, Huy, nördlicher Vorharz

Zeit zum Ausruhen bleibt den Gewählten nicht. So trifft sich zum Beispiel heute die Landtagsfraktion der Linkspartei, um die nächsten Schritte abzustimmen. Andreas Henke wird dabei sein. Der langjährige Oberbürgermeister Halberstadts erkennt „neidlos den grandiosen Wahlsieg“ der Christdemokraten an. Dass die Linkspartei deutlich an Zustimmung verloren habe, sei ein Trend, den auch andere Parteien verkraften müssten. Fast alle hätten deutlich an die CDU verloren.

Andreas Henke freut sich auf Zusammenarbeit mit CDU-Kollegen Thomas Krüger

Henke, der landesweit das beste Ergebnis als Linken-Kandidat eingefahren hat, freut sich darauf, mit Monika Hohmann eine erfahrene Landtagspolitikerin an der Seite zu haben, um die Aufgaben aus der heimatlichen Region zu stemmen. Er selbst werde innerhalb der Fraktion wohl vor allem den Blick auf die Förderung der Kommunalpolitik und Unterstützung der Kommunen legen. „Ich bin seit 31 Jahren in der Kommunalpolitik tätig“, sagt Henke, der ankündigt, dass die Linke „die Oppositionsrolle klar und deutlich ausfüllen“ werde.

Auch auf die Zusammenarbeit mit CDU-Landtagskollegen Thomas Krüger freue er sich, so Henke. Zugunsten der Region werde man sicher einiges bewegen können.

Krüger hat klare inhaltliche Vorstellungen

Krüger nimmt heute ebenfalls an seiner ersten Landtagsfraktionssitzung teil. Nach leitenden Aufgaben strebe er erstmal nicht, sagt der Huy-Neinstedter. Er hoffe aber, in Ausschüssen mitarbeiten zu können, in die er persönlich gern will. Da wäre zum einen Landesentwicklung und Verkehr, zum anderen Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Finanzen.

Gerade in der Landesentwicklung gebe es viel zu tun, um den ländlichen Raum zu stärken. Vom Baurecht bis zum Radwegebau, bei dem es großen Nachholebedarf gebe, spannt Krüger den Bogen. Auch in Europa- und Bundesangelegenheiten sehe er Chancen, mehr für den ländlichen Raum zu tun, zum Beispiel über die Nutzung oder Initiierung von Förderprogrammen. Bei den Finanzen seien es vor allen Kommunalfinanzen, die ihm als jetzigen Bürgermeister der Gemeinde Huy besonders am Herzen liegen.

Wer folgt scheidendem Huy-Bürgermeister?

Dass er diese Funktion nun aufgeben muss, bedauere er bei aller Freude über den Wahlsieg im Wahlkreis 14 durchaus, zumal ihm nur noch gut vier Wochen bleiben, um noch Ausstehendes zu regeln. „Am 6. Juli ist die konstituierende Sitzung des Landtags“, so Krüger.

Enttäuschung bei SPD-Mann Peter Köpke

Keine Chance auf ein Landtagsmandat über seinen Listenplatz 34 hat Peter Köpke. Der Fotografenmeister findet deutliche Worte für das Abschneiden der Sozialdemokraten: „Das ist Mist.“ Man engagiere sich neben voller Berufstätigkeit sehr bewusst, um sich nicht nur in die Landesthemen einzuarbeiten. „Es geht ja darum, die Region voranzubringen.“ Leider sei es ihm nicht gelungen, die Wähler davon zu überzeugen, dass es wichtig ist, wirtschaftlichen Sachverstand, wirkliche Praktiker in den Landtag einzubringen. Nach seinem Geschmack säßen zu viele Juristen und Funktionäre auf den Fraktionsbänken, dagegen habe er versucht, innerparteilich anzugehen. Bei aller Enttäuschung – den Kopf in den Sand zu stecken, sei seins nicht. Die Wähler haben ihm das Vertrauen für Kreistag und Stadtrat ausgesprochen, hier werde er sich weiterhin engagieren. „An Ideen mangelt es mir nicht“, sagte Köpke.

Freier Wähler Dieter Kühn zeigt sich zufrieden

Ebenfalls weiter aktiv sein für seine Region will Dieter Kühn (Freie Wähler). Dass es gelungen ist, die noch junge Partei weiter voranzubringen, freue ihn, auch wenn man den Einzug ins Landesparlament verpasst habe. „Aber wer weiß, was in vier, fünf Jahren ist.“ Mit anderen Rahmenbedingen in Sachen Wahlkampf hätte man vielleicht noch mehr Menschen davon überzeugen können, dass die Freien Wähler eine gute Alternative seien, so der Halberstädter, der im Stadtrat sitzt und überzeugt ist, dass auch hier bei der nächsten Kommunalwahl mehr Mandate möglich seien.

AfD-Mann Christian Hecht jubelt über Mandat

Während Dieter Kühn und Peter Köpke der Sprung in den Landtag nicht gelungen ist, kann AfD-Mann Christian Hecht am Tag nach dem Urnengang jubeln. Der 50-Jährige ist über die Landesliste ins Parlament gekommen. Die AfD hat in Zeitz ein Direktmandat errungen und darüber hinaus 23 Listenplätze über die Zweitstimmen – Hecht hat Listenplatz 15.

Hecht für Koalition mit der CDU

„Das ist ein Erfolg für die Partei und für mich persönlich“, so der Halberstädter. Seine Partei sei mit landesweit fast 22 Prozent in der Mitte der Gesellschaft angekommen, so Hecht, dem eine Koalition mit der CDU am liebsten wäre. Eigentlich sei der Wählerwille klar: CDU und AfD kämen zusammen auf rund zwei Drittel der Wählerstimmen – „das verstehe ich als klaren Auftrag zur Regierungsbildung“.

Wobei Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) als Wahlgewinner diese Konstellation ausschließt. Stattdessen, moniert Hecht, sei damit zu rechnen, dass die Sieben-Prozent-Partei FDP an der Regierung beteiligt werde und einen Minister stelle. Er selbst würde sich im Landtag gern um die Bereiche Recht und Inneres kümmern, als Rechtsanwalt sei er dafür qualifiziert.

FDP-Kandidatin Yvonne von Löbbecke, Jan Christopher Noack von den Grünen und Jens Körner von der Basispartei waren am Montag nicht erreichbar.

WK 15 (Blankenburg, Ilsenburg, Nordharz, Osterwieck)

Auch wenn die Erwartungshaltung seiner Partei höher war, zeigte sich AfD-Kandidat Christian Brandt persönlich mit seinem Ergebnis sehr zufrieden. Der Cattenstedter erreichte im Wahlkreis 15 das zweitbeste Resultat der sieben Bewerber. „Als Unbekannter ist das für mich ein Riesenerfolg“, so Brandt, der nun seine berufliche Karriere bei der Bundeswehr weiter verfolgen will. Politisch werde er sich weiter engagieren: „Ich hoffe, es wird ein nächstes Mal geben. Ich werde auf alle Fälle darauf hinarbeiten, 2026 wieder mit von der Partie zu sein“, so Brandt.

Alexander Räuscher (CDU) und Stefanie Riedel (Freie Wähler) zufrieden

Nicht viel Zeit zum Feiern blieb CDU-Wahlsieger Alexander Räuscher. Für ihn ging es am Montagmorgen zur ersten von zwei Fraktionssitzungen nach Magdeburg. Persönlich habe er sich sehr über das Ergebnis gefreut, das für ihn in der Höhe überraschend war: „Als ich die erste Prognose gesehen habe, hab ich zuerst gedacht: ,Wer hat sich denn die ausgedacht’?“, bekannte der Osterwiecker Unternehmer. Insgesamt habe sich ausgezahlt, im Wahlkampf nicht zu polarisieren, sondern auf Sachthemen zu setzen.

Mit ihrem Erststimmen-Ergebnis zeigte sich auch Stefanie Riedel zufrieden. „Als Partei hätten wir uns natürlich mehr erhofft“, so die Kandidatin der Freien Wähler. Als größtes Handicap wertete sie, dass sie aufgrund der Corona-Lage nur schwer mit Wählern in persönliche Gespräche kommen konnte und sich der Wahlkampf letztlich auf den Konkurrenzkampf zwischen CDU und AfD zugespitzt habe.

Florian Fahrtmann (SPD) kann in Ilsenburg gut punkten

Überrascht, dass es landesweit nur acht Prozent waren, zeigte sich Florian Fahrtmann. „Das hat die SPD nicht verdient. Wir haben inhaltlich einen sachlichen Wahlkampf gemacht - ohne Stimmungsmache“, so der Ilsenburger, der für die SPD in seinem Wahlkreis beachtliche zwölf Prozent erzielte und mit 18 Prozent der Erststimmen das drittbeste Ergebnis aller SPD-Kandidaten in Sachsen-Anhalt. Nach einem kurzen Abstecher am Wahlabend nach Magdeburg kam er mit seinem Team in Ilsenburg zusammen, wo er sogar CDU-Kandidat Alexander Räuscher auf Platz zwei verwiesen hatte.

„Für uns war es ein Riesenerfolg. Wir haben eine tolle Wahl hingelegt, sind positiv aufgetreten und haben mit eigenen Themen gepunktet“, so Fahrtmann, der seinem Team mit Melanie Böttcher, Christina Lüdtke-Dittmar und Christian Werner ein Riesenkompliment machte.

Linkspolitiker Michael Körtge enttäuscht

„Enttäuscht und traurig“, dass die gerade während der Corona-Pandemie offen zutage getretenen Probleme wie fehlende Lehrer und schlechte digitale Infrastruktur an Schulen zur Wahl kaum eine Rolle gespielt hätten, zeigte sich Michael Körtge. Dass er und seine Partei Die Linke solch ein schlechtes Ergebnis einfahren, hätte er nicht vermutet. „Ich bin grundsätzlich enttäuscht, dass unsere Vorschläge und Vorstellungen für mehr soziale Gerechtigkeit so wenig Gehör gefunden haben“, bekannte er. Zwar habe die Linke im Harzkreis „einen sehr guten Wahlkampf geführt“, doch seien viele Wähler durch ein von einigen CDU-Bürgermeistern und dem Landrat gezeichnetes Untergangsszenario verunsichert worden.

Grünen-Politiker: Ich denke, wir sind raus aus der Regierung

Die von guten Umfrageergebnissen in anderen Teilen Deutschlands getragenen Bündnis-Grünen sind im Wahlkreis 15 wieder auf den Boden der Realität geholt worden. Kandidat Jens Kiebjieß aus Osterwieck wertete das Ergebnis als „durchwachsen“, wobei er selbst schlechter abschnitt als noch vor fünf Jahren. Als einen möglichen Grund dafür nannte er das zwischenzeitliche Umfragehoch der AfD: „Das hat vielleicht viele Wähler wach gerüttelt, die dann doch der CDU ihre Stimme gegeben haben, weil sie damit auf Nummer sicher gehen wollten.“

Nun schaue er nach Magdeburg. „Ich gehe davon aus, dass die CDU mit der SPD eine Koalition eingeht - eventuell auch noch mit der FDP“, so Kiebjieß. Ob die Grünen bei einer Regierungsbildung noch eine Rolle spielen, werde sich zeigen. „Mein Gefühl sagt mir aber: Wir sind raus.“

Grund zur Freude hat dagegen Robert Möbius aus Blankenburg. „Ich bin mit meinem Ergebnis zufrieden“, sagte der FDP-Kandidat. „Es war wichtig, dass wir wieder in den Landtag gekommen sind“, so Möbius, sichtlich froh darüber, als „Neuling“ im Landesschnitt geblieben zu sein. „Beim nächsten Mal können wir vielleicht noch etwas drauflegen.“

In der Printausgabe der Halberstädter Volksstimme vom 8. Juni finden sich umfangreiche grafische und tabellarische Auswertungen der Landtagswahlergebnisse.