Halberstadt l Die Sonne scheint, es weht ein zartes Lüftchen: Es ist das perfekte Wetter zum Pflanzen. Unter diesen günstigen Umständen waren fleißige Bürger wie Birgit Lücke mit Gummihandschuhen „bewaffnet“ in der Erde zugange, andere wie Vorstandsmitglied des Schlanstedter Kräutervereins, Josefina Rückewoldt, huben mit der Schaufel Pflanzgruben aus. Am Ort des Geschehens, den Hochbeeten am Breiten Weg, waren vor allem, aber nicht nur, Mitglieder des Schlanstedter Kräutervereins aktiv. Erneuert wurden die einjährigen Gewächse, die im Frühling vergangenen Jahres von dem Verein gepflanzt worden waren.

Wilde Tomaten und Heilsalbei

Unter den insgesamt 300 Pflanzen sind nicht nur, wie der Name des Vereines vermuten ließe, Kräuter, sondern auch Früchte, wie zum Beispiel wilde Tomaten und Physalis. Letztere ist auch unter dem deutschen Namen Ananaskirsche bekannt und stammt aus Nordamerika. Sie ist recht ­unempfindlich gegen ­Krankheiten und Schädlinge. Auch die wilden Tomaten können unkompliziert angebaut werden, erklärt Josefina Rückewoldt. Alle Pflanzen, die in den drei Beeten in der Mitte des Breiten Weges wieder grün wuchern, sind essbar. „Das war das Hauptkriterium bei der Auswahl“, so Rückewohlt. Sogar die wilden ­Stiefmütterchen, die gestern ebenfalls gepflanzt wurden, dienen nicht etwa der Dekoration, sondern sind im Salat zu genießen. Auch naturmedizinische Pflanzen wie der Heilsalbei wachsen im öffentlichen Garten.

Öffentlicher Garten deshalb, weil nach der Bepflanzung sich die Bürger um die Beete kümmern sollen. Zu den Markttagen beispielsweise, also immer dienstags und freitags, können Anwohner und Bürger Unkraut zupfen und die Pflanzen gießen. Die Belohnung: Alle Pflanzen können, wenn sie Früchte tragen oder genügend gediehen sind, zum eigenen Verzehr geerntet werden.

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Im vergangenen Jahr hat das gut funktioniert: „Nichts ist eingegangen“, so Ute Huch, Sprecherin der Stadt Halberstadt. Für die Grundpflege war der Stadt- und Landschaftspflegebetrieb (Stala) verantwortlich, für den Rest Anwohner und Ehrenamtliche. „Das dürfen aber gerne noch mehr werden“, ruft sie die Halberstädter zur Beteiligung an dem Stadtgarten auf.

Doch die Beet-Aktion wurde nicht von allen positiv aufgenommen. Einige Halberstädter beschwerten sich im Frühling, dass die Beete nach dem Winter nicht rechtzeitig gepflegt wurden. Andere bemängelten, dass die Bepflanzung allein den Breiten Weg nicht von seinem Schattendasein erlösen könne. Hinter Holzmarkt, Fischmarkt und Martiniplan gelegen, tritt die ehemalige Einkaufsmeile, in dem die Beete Ende der 1970er Jahre angelegt wurden, für die meisten Passanten beim Stadtbummel in den Hintergrund. Die Bepflanzung durch Bürger und Verein war ein Schritt auf dem Weg, ihn wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Finanzierung aus dem Fonds zur Stadtsanierung

Finanziert wird die Aktion mit dem noch vorhandenen Restgeld für die Stadtsanierung, so Ute Huch. Dadurch, dass die Bürger der Altstadt einen Beitrag für die Sanierung der Infrastruktur dort zahlen mussten, verfügte die Stadt über eine für die Stadtsanierung zweckgebundene Einnahmequelle. Die Beete am Breiten Weg sind ein spezieller Posten davon. 25 000 Euro sind insgesamt für diese Beete vorgesehen, 5000 Euro sind bereits im Einsatz.

Für die Mithilfe an den Beeten ist keine Anmeldung erforderlich. Gießkannen stehen an den Markttagen direkt neben den Beeten bereit. Auch die Ernte ist jederzeit möglich, „natürlich in Maßen, sodass für alle etwas bleibt“, sagt Josefina Rückewohlt. Auf Karten und Schildern ist zu lesen, um welche Pflanzen es sich jeweils handelt. Nebenbei lernt man noch etwas über den Einsatz so ungewöhnlicher Pflanzen wie dem „gewöhnlichen Natternkopf“. Das Auge erfreuen auch bekannte Schönheiten wie Sonnenblumen und Königskerzen.