Halberstadt l „Es war echt grausam“, sagt Juri Schönau. Der 20-Jährige hatte am Freitag gesehen, wie ein Mann einem anderen, am Boden liegenden Mann, mehrfach ins Gesicht trat. „Ich war geschockt, bin aber auf den Mann zugegangen und habe die ganze Zeit auf ihn eingeredet. Doch er wollte sich nicht beruhigen lassen, ließ aber von seinem Opfer ab“, erinnert sich der Bad-Bram­stedter. Er folgte dem Angreifer, der auch ihn versuchte zu schlagen. Dass es bei einer Prellung im Gesicht blieb, ist Chris Riethmüller zu verdanken. Der 19-jährige Halberstädter dachte nicht lange nach und packte den Schläger von hinten.

Manina Cherubim hatte in der Zwischenzeit den Notarzt gerufen. „Mir war erstmal die Versorgung des älteren Herrn wichtig“, berichtet die 40-Jährige. Sie hatte den Angriff gesehen und sich sofort Sorgen um ihre kleine Tochter und deren Freundin gemacht, die ebenfalls sahen, wie ein 52-Jähriger auf den Rentner einschlug und eintat. „Die beiden haben sich erstmal in Sicherheit gebracht“, so die Mutter. Am Abend konnten sie und ihre zehnjährige Tochter über den Vorfall reden. „,Das war nicht so toll‘, hat meine Tochter gesagt. Ich mache mir immer noch ein bisschen Sorgen, wie die Kinder das verkraften.“

Helfen, wenn andere in Not sind

Zu helfen, das ist für Manina Cherubim selbstverständlich. Sie unterstützt die Arbeit der Kinderfeuerwehr in Dedeleben. Hier werde gerade geübt, was im Notfall zu tun ist. „Die W-Fragen haben wir am Freitagabend auch nochmal durchgesprochen“, sagt sie. Ihr ist wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass man Streit mit Worten lösen kann und dass man sich Hilfe holen muss, wenn es erforderlich ist. „Ich sage immer, was man selbst möchte, das einem geschieht, soll man auch anderen gegenüber tun. Wenn wir in Not geraten, wollen wir doch alle, dass man uns hilft. Also helfe ich auch anderen.“

Sie hatte am Freitag nicht nur Erste Hilfe geleistet und den Notarzt, sondern auch die Polizei gerufen. Der Schläger hatte aufgrund der auf ihn zukommenden zwei Helfer kurz von seinem Opfer abgelassen. „Er stand da und wollte nochmal auf den Rentner zugehen, da habe ich ihm gesagt, er solle überlegen, was er tut und dass ich jetzt die Polizei rufe. ,Mach doch‘, erwiderte er. Als ich das Telefon nahm, schaute er irritiert und wollte fliehen.“

Das wollte Juri Schönau verhindern, der immer noch auf den Angreifer einredete. „Ich dachte erst, dass sich die beiden vielleicht kennen. Aber als ich sah, dass ein alter Mann am Boden lag, das Opfer dem Angreifer so sehr unterlegen war, fand ich das Ganze noch schlimmer, als es ohnehin schon war.“

Dass er in Halberstadt Zeuge einer Gewalttat wird, konnte er nicht ahnen, als sein Vater ihn auf der Heimreise von Sachsen nach Schleswig-Holstein zu einem Abstecher nach Halberstadt einlud, um sich anzuschauen, wo das längste Musikstück der Welt spielt. „Aber da war zu. Wir wollten Reiseproviant holen, bevor wir heimfahren“, berichtet der 20-Jährige, der im August ein Jura-Studium beginnen will. Noch immer fragt er sich, was den Angreifer zu seiner Tat bewogen haben könnte. So ein Gewaltpotenzial bei jemandem, der weder betrunken war noch unter Drogen stand, sei schon erschreckend.

Erschreckend findet Chris Riethmüller noch etwas anderes. Der Halberstädter hat gerade seine Ausbildung als Kinderpfleger beendet und beginnt ab August die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger in einem Heim in Oschersleben. „Da haben mindestens 30 Leute nur zugeguckt, keiner außer uns hat eingegriffen.“ Er hatte die beginnende Auseinandersetzung mitbekommen, als er sich aus dem Dönerladen am Kaufland etwas zu essen holen wollte. Doch keiner konnte etwas dazu sagen. Dann sah er, wie Juri Schönau den Angreifer folgte und selbst angegriffen wurde. „Ich habe nicht nachgedacht, sondern sofort gehandelt und den Mann festgehalten“, sagt der kräftige 19-Jährige. Seine Mutter sei erst geschockt gewesen, dass er sich in Gefahr begeben habe, dann aber habe der Stolz überwogen. „Ich konnte ja nicht wissen, ob der Mann ein Messer oder so dabei hat“, sagt Riethmüller. „Aber ich mach‘ mir keine Gedanken darüber. Im Gegenteil, ich würde es immer wieder tun.“

Untersuchungshaft nur selten beantragt

Die drei mutigen Helfer sind sich gestern Mittag wieder begegnet. Marco Zeuner, Leiter des Polizeireviers Harz, hatte sie eingeladen. Für ihn sind die drei „die Helden des Alltags. Wer Zivilcourage zeigt, lässt Gewalt keine Chance. Wer so überlegt einschreitet, ist Vorbild für die Gesellschaft.“ Zeuner dankte ihnen mit diesen Worten und einem kleinen Präsent. Ein Schreibset und Kinogutscheine für Manina Cherubim und Chris Riethmüller, für Juri Schönau gab es einen Tankgutschein, wie von Nadine Sünnemann zu erfahren war, die bei der Zeugenbelobigung dabei war und dankbar dafür ist, dass diese drei Zivilcourage gezeigt haben. Leider sähen viel zu viele bei Straftaten einfach weg, sagt die amtierende Pressesprecherin im Polizeirevier.

„Alle drei wollten sofort wissen, wie es dem Opfer geht“, so die Polizeirätin. Der 70-Jährige hatte unter anderem Frakturen im Gesicht erlitten und musste operiert werden, er war gestern noch im Krankenhaus.

Dass der Täter, der schon des Öfteren polizeilich in Erscheinung getreten ist, nach der Blutprobenentnahme auf freien Fuß gesetzt wurde, hat viele Menschen empört, wie sie am Lesertelefon der Volksstimme berichteten.

Die Emotionen kann Oberstaatsanwalt Hauke Roggenbuck verstehen. Jemanden vorsorglich in Haft zu nehmen, sei ebenso nicht möglich, wie ohne richterlichen Beschluss jemanden in Untersuchungshaft zu stecken. „Untersuchungshaft ist die ganz große Ausnahme. Dafür müssen nicht nur ein dringender Tatverdacht, sondern auch besondere Haftgründe vorliegen.“ Neben der Verhältnismäßigkeit sei vor allem die Unschuldsvermutung ausschlaggebend. Die gelte solange, bis jemand rechtskräftig verurteilt sei. Eine Haft hebe diese Unschuldsvermutung auf, deshalb werde nur selten eine Untersuchungshaft beim Haftrichter beantragt.