Halberstadt l Jedes Jahr sind sie dabei, wenn an die furchtbaren Folgen des Bombenangriffs auf Halberstadt am 8. April 1945 erinnert wird. Auch dieses Jahr machten sich Helga Bert (87) und Peter Jentsch (86) auf den Weg. Sie hatten beide, so berichten sie, den Angriff miterlebt.

„Jede Sirene regt mich auf, immer noch“, sagt Helga Bert. Sie hat damals in der Harsleber Straße gewohnt, dicht am Holzmarkt. Von ihrem Wohnhaus und dem kleinen Garten blieb nichts übrig. „Wir hatten nichts mehr außer einem kleinen Rucksack.“ Ihm sei es ebenso ergangen, sagt Peter Jentsch, „meine Mutter hatte einen Brotbeutel dabei mit unseren Ausweisen und Sparbüchern, sonst nichts.“

Aus Mitleid aufgenommen

Untergekommen seien sie damals in Langenstein, berichtet Helga Bert, die Freunde, die man anfragte, meinten allerdings keinen Platz zu haben. „Aber deren Nachbarn, die in einem klitzekleinen Haus wohnten, hatten Mitleid mit uns und nahmen uns auf.“ Wer keinen Unterschlupf bei Familien, Freunden oder Bekannten auf den Dörfern fand, schlief in Gartenlauben, Höhlen oder was sich sonst fand.

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25 000 Obdachlose

„In Langenstein hatte man Strohsäcke in die Turnhalle geräumt, da fanden auch viele Menschen aus Halberstadt einen Schlafplatz“, erinnert sich Helga Bert. Immerhin waren mehr als 25 000 Menschen innerhalb kürzester Zeit obdachlos geworden.

In Erinnerung an das Leid, die Verzweiflung, die vielen Toten, den Hunger und die Trümmer fügt sie an: „Was unsere Mütter damals geleistet haben, ist unglaublich. Die Väter waren ja nicht da, sie waren im Krieg oder in der Kaserne“.

Jedes Jahr zu Gedenken

Ihre Erlebnisse sind es, die die beiden Halberstädter dazu bewegen, jedes Jahr an die Ruine der im 18. Jahrhundert errichteten Franzosenkirche zu kommen, die mit ihren Mauerresten an das Geschehen 1945 erinnert.

70 Menschen fanden damals den Tod, als eine Bombe das von Hugenotten erbaute Gotteshaus zerstörte. Viele Menschen, die in Halberstadt damals ihr Leben verloren, habe er gekannt, sagt Werner Hartmann. Der 97-Jährige war damals nicht in der Stadt, er war Soldat. Sein Zuhause in der Richard-Wagner-Straße fiel ebenfalls den Bomben zum Opfer, 25 Bewohner fanden den Tod. „Es ist wichtig, an sie zu erinnern“, sagt Hartmann.

Stilles Gedenken

Eine Ansicht, die auch Helga Bert und Peter Jentsch teilen. Weshalb sie auch ohne öffentliche Gedenkveranstaltung pünktlich kurz vor 11.30 Uhr in der Antoniusstraße sind, dem Geläut der Kirchenglocken der Stadt lauschen und die stille Verbeugung von Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke) und Stadtratspräsident Volker Bürger (CDU) verfolgen.

Bereits zuvor hatten Vertreter der Stadtratsfraktionen Kränze und Blumen an den Mauern niedergelegt, einzelne Bürger kurz innegehalten. „Die Ruine der Franzosenkirche ist ein Zeugnis einst gelebter Toleranz und Offenheit“, sagt Oberbürgermeister Henke in seiner Rede, die er nicht an dem Gedenkort hielt, aber eingesprochen hat. Sie ist auf der Internetseite der Stadt zu finden, ebenso wie ein Video des Gedenkens mit kurzen Aussagen Henkes und Bürgers.

Beide Stadtvertreter nennen Gründe, warum das Erinnern an den 8. April 1945 so wichtig ist, auch, oder gerade heutzutage. Während Henke auf die vielen Kriege in der Welt verweist, die Millionen Menschen zur Flucht zwingen und darauf, dass der Frieden auch in Europa fragiler geworden ist, die nationalistischen Töne lauter, erinnert Ratspräsident Bürger daran, dass die Menschen damals eine wesentlich schwierigere Situation zu meistern hatten als wir heute. „Sie haben unter ungleich schwierigeren Bedingungen gelebt und ihr Leben gemeistert“, sagt er.

Auch wenn die Corona-Pandemie Einschnitte für jeden bedeute, sei es wichtig, an die Opfer von Krieg und Vertreibung zu erinnern. In der Hoffnung, das die nachfolgenden Generationen daraus lernen und um sich selbst zu verdeutlichen, wie leicht dagegen die Auflage einzuhalten sei, Abstand zu halten, Hygienestandards zu beachten oder nicht zu reisen.

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