Halberstadt l Es tut sich etwas im verwaisten Wolfsgehege des Halberstädter Tiergartens. „Hier werden bald die Bennett-Kängurus einziehen“, kündigt Zooinspektor Michael Bussenius an. Mit Schülern der Spiegel-Sekundarschule haben die Tiergarten-Mitarbeiter die ersten Vorbereitungen für den Umzug getroffen.

Momentan gibt es jedoch nicht viel zu sehen außer Bäumen und Sträuchern. Das 800 Quadratmeter große Gehege steht seit Januar leer. Die letzte Bewohnerin, eine zehnjährige Wolfs-Dame, litt unter Einsamkeit, nachdem alle Mitglieder ihres Rudels alters- und krankheitsbedingt gestorben sind. Nun hat die Wölfin im Wolf- und Bärenpark Schwarzwald in Worbis ­(Thüringen) eine neue Heimat gefunden, in der sie sich nach Informationen des Parks gut eingelebt hat.

Höchste Zeit also, dass ihr altes Zuhause in Halberstadt eine neue Bestimmung bekommt: Wenn alles fertig ist, können die Besucher den kleinen Kängurus, auch Wallabys genannt, dort ganz nahe sein. „Es wird eine Sitzecke vor dem Gehege geben, das begehbar sein wird“, kündigt Bussenius an. „Eine tolle Sache, auf die wir uns schon freuen.“

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Gefährlich?

Mensch und Känguru, Auge in Auge, ohne Sicherheitszaun – ist das nicht gefährlich? Immer wieder kursieren doch Videos von boxenden Kängurus im Internet. Michael Bussenius lacht. „Nein. Das sind eigentlich ganz friedliche Tiere“, versichert er beschwichtigend.

Eigentlich ist das das Stichwort. Denn dass die australischen Wappentiere derzeit ein eher beengtes Dasein fristen, haben sie einem ausgearteten Nachbarschaftsstreit zu verdanken. „Seit 1982 gibt es im Tiergarten Emus, seit 1984 Känguru. Wir haben sie von Anfang an zusammen gehalten, und es gab nie Probleme“, berichtet Michael Bussenius. Das änderte sich erst vor zwei Jahren. Die Emus, flugunfähige Laufvögel aus Australien, haben Eier gelegt. „Seitdem gab es Zoff, weil die Emus ihre Brut in Gefahr sahen“, sagt der Zooinspektor. Die Konsequenz: Die Tiere mussten getrennt werden, die Kängurus sind nun fast versteckt in ihrem Gehege.

Dabei ist gerade sehr spannend, die drei Beutel-Tiere – ein Männchen und zwei Weibchen – zu beobachten. Die ausgeprägte Wölbung bei einem der Tiere lässt keinen Zweifel zu: Nachwuchs kündigt sich an. Schwanger ist die Känguru-Dame jedoch nicht mehr. „Die Trächtigkeit dauert nur 42 Tage. Das Jungtier wiegt bei seiner Geburt nur ein halbes Gramm. Es krabbelt nach der Geburt in den Beutel der Mutter und hängt sich an eine Zitze, die es so schnell nicht wieder loslässt“, erläutert Bussenius. Ein halbes Jahr dauert es, bis das Jungtier den Beutel verlässt und nur den Kopf hineinsteckt, um zu säugen.

Nachwuchs

Nicht selten kommt es dann vor, so der Tiergarten-Vize, dass dann schon ein kleines Geschwisterchen im Beutel heranreift. Dann trinken das große und das kleine Jungtier an unterschiedlichen Zitzen, die Milch in verschiedener Zusammensetzung geben. Bei den Kängurus gibt es noch eine Besonderheit: Nachwuchs in der „Warteschleife“. Kommt es zur Befruchtung, obwohl ein Jungtier im Beutel ist, entwickelt sich der neue Embryo erst weiter, wenn das größere Jungtier den Beutel verlassen hat, informiert der Zooinspektor.

Kurios geht es auch bei den Vögeln zu: Graupapagei Robby hat Eier gelegt. „Dabei wurde er als Männchen zu uns gebracht“, sagt der Zoo-Inspektor und lacht. Viele Jahre fiel die Verwechslung im Tiergarten nicht auf – da es bei Graupapgeien sehr lange dauert, bis sie eine Partnerschaft eingehen und Eier legen.

Für Treue sind ebenso die Maras, auch als Pampashasen bezeichnet, bekannt. Die südamerikanischen Tiere sind optisch eine Mischung aus Känguru, Hase und Reh. „Aber sie bilden eine Unterfamilie der Meerschweinchen“, sagt Micheal Bussenius. Vier Jungtiere gibt es derzeit im Halberstädter Tiergarten zu bewundern, die Geburt zweier weiterer wird bald erwartet. Auch bei den Ponys, den Eseln, Lamas und Alpakas hat sich Nachwuchs angekündigt. „Wir hegen auch Hoffnung bei den Erdmännchen, aber das ist noch nicht sicher“, sagt Bussenius.

Ein Besuch im Tiergarten lohnt sich also. Zu welchem Eintrittspreis das möglich ist, wird in den Ausschüssen der Stadt Halberstadt diskutiert. Anlass ist ein Antrag der Stadtratsfraktion der Linken im November gewesen. Ihr Vorschlag ist es, Kindern bis zum zwölften Lebensjahr freien Eintritt zu gewähren. Derzeit muss auch für Kleinkinder und Babys bezahlt werden, was immer wieder bei Besuchern für Kritik sorgt. „Wir würden eine Änderung der Eintrittspreis-Regelung für Kinder begrüßen“, so Bussenius. „Aber da sich der Tiergarten in Trägerschaft der Stadt befindet, können wir die Preise nicht selbst festlegen.“