Höhlenwohnungen

Trotz Corona 15.000 Touristen in Langenstein

Die Höhlenwohnungen in Langenstein (Harz) erfreuen sich großer Beliebtheit. Trotz Corona sind die Gästezahlen nicht eingebrochen.

Von Jörg Endries

Langenstein/Halberstadt l Ein Leuchtturm des Tourismus in der Region Halberstadt verlor selbst mit Ausbruch der Corona-Pandemie nicht an Leuchtkraft – die einmaligen Höhlenwohnungen in Langenstein. Ihr ganz besonderer Charme zieht Groß und Klein, ohne groß die Werbetrommel rühren zu müssen, zu Tausenden in ihren Bann. Zwar gab es einen virusbedingten merkbaren Einbruch bei Gästen aus dem Ausland, dafür blieb das Interesse bei Touristen aus ganz Deutschland ungebrochen groß, sagt Siegfried Schwalbe, Vorsitzender des Vereins Langensteiner Höhlenwohnungen.

„Wir haben uns rechtzeitig auf die neuen Bedingungen eingestellt und nicht einfach unsere beliebten Höhlenwohnungen für die Öffentlichkeit abgeschlossen“, sagt Siegfried Schwalbe. Im Verein habe man sich die Köpfe darüber zerbrochen, wie man am besten mit der Pandemie und den Hygieneregeln umgeht und die Wohnungen trotzdem für Besucher offenhalten kann.

Bereits mit Ausbruch der ersten Corona-Welle und den damit verbundenen Einschränkungen stellte sich der Langensteiner Verein frühzeitig auf die neuen Bedingungen ein. „Auf unsere bei Gästen aus dem In- und Ausland beliebten Führungen mussten wir verzichten. Für uns allerdings kein Grund, um die Köpfe in den Sand zu stecken“, berichtet Siegfried Schwalbe. Die Langensteiner öffneten vier von fünf Höhlenwohnungen, die die Mitglieder des Vereins erst dem Vergessen entrissen haben und seit vielen Jahren ehrenamtlich betreuen. Seit April 2020 können Touristen diese Wohnungen ohne Führungen besichtigen. Nur eine Musterhöhle, die der Verein nach 1990 als erste instandgesetzt und möbliert wieder begehbar gemacht hatte, blieb seitdem für Gäste verschlossen. Sie kann aber durch ein Gitter von außen betrachtet werden.

„Um den Überblick über die Gästezahlen nicht zu verlieren, legten wir in den zugänglichen Wohnungen Listen aus. Wir baten alle Gäste, sich in die Liste einzutragen, mit Datum, Wohnort und Anzahl. Das klappte bis Jahresende 2020 sehr gut“, berichtet Siegfried Schwalbe. In der Zeit von April bis Ende Dezember 2020 trugen sich immerhin 14.687 Besucher in die Listen ein, die mittlerweile einen dicken Aktenordner füllen. Der besucherstärkste Monat war mit 3559 Touristen der Juli, der April mit 278 der schwächste. „Damit sorgte die Pandemie nicht für einen Einbruch der Gästezahlen. Im Vergleich zu den Vorjahren blieb sie in etwa gleich“, informiert der Vorsitzende.

Geht man davon aus, dass sich nicht alle Gäste in die ausliegenden Listen eintrugen, dürfte die Dunkelziffer der tatsächlichen Ausflügler noch höher sein. Zumal die Listen nur in den Wohnungen am Schäferberg auslagen. In der Höhlenwohnung direkt am Zugang zum beliebten Ausflugsziel Altenburg lag keine aus.

„Vielleicht waren es insgesamt noch einige Tausend Touristen mehr. Das ist jetzt allerdings reine Spekulation“, so der Vereinschef. Im Januar 2021 hätten sich bislang 273 Besucher in die Listen eingetragen.

Interessant sei jedoch, dass neben Besuchern aus der Harzregion viele aus ganz Deutschland kämen, um die Höhlenwohnungen in Augenschein zu nehmen – von Eckernförde im Norden über Berlin, Potsdam, Hildesheim, Braunschweig, Hannover, Halberstadt, Quedlinburg, Wernigerode, Kassel, Dresden und München im Süden.

„Dabei haben wir die Listen noch gar nicht richtig ausgewertet. Das ist ein erster Eindruck. Aber selbst über diesen freuen wir uns sehr“, betont Siegfried Schwalbe. Vor allem wenn man bedenkt, dass der Besucherandrang nicht das Resultat einer groß angelegten Werbekampagne ist, sondern im Grunde genommen nur Mund-zu-Mund-Propaganda über die außergewöhnlichen Höhlenwohnungen zu verdanken ist.

Neandertaler und andere Steinzeitmenschen haben in den Höhlenwohnungen in Langenstein keine Spuren hinterlassen. Trotzdem steckt eine spannende Geschichte hinter der einmaligen Anlage, die an Hobbitwohnungen aus dem bekannten Hollywoodstreifen erinnert. Sie waren aber nie nur Kulisse, die Höhlen boten Menschen ein Zuhause. Langensteiner haben sie in schweißtreibender Arbeit von 1855 bis 1858 aus dem Fels geschlagen. Bis um die Jahrhundertwende waren die zehn Wohnungen bewohnt. Die letzte bis 1916.

Die pure Not trieb einst zwölf junge Landarbeiterfamilien zum Wohnungsbau der besonderen Art. Sie hatten zwar auf dem Langensteiner Gut Arbeit, im Ort aber kein Dach über dem Kopf. „In Langenstein gab es keine bezahlbaren Wohnungen für sie. Dafür aber im Bereich des Schäferbergs reichlich Felsen“, weiß Siegfried Schwalbe zu berichten. Für acht Groschen Baugeld gabs vom Bürgermeister einen Bauplatz, lebenslanges Wohnrecht aber kein Eigentum. Mit Hammer und Meißel trieben die Höhlenbauer einst ihre Wohnungen in den Stein. Sechs bis zwölf Monate benötigte man für den Bau einer Höhlenwohnung. Geschuftet wurde erst nach Arbeitsschluss. Urlaub gab es nicht“, so Schwalbe. Keine Höhle gleicht der anderen, jede habe einen anderen Zuschnitt.

Als die letzten Bewohner um die Jahrhundertwende verstorben waren, wurden die Wohnungen an Bürger als Keller verpachtet. Anfang der 1990er Jahre besann man sich im Dorf wieder auf den einmaligen Schatz im Ort. Mithilfe von ABM-Projekten begann die mühevolle Rettung der Höhlenwohnungen.