Zilly l Man muss nur Visionen haben. Manchmal öffnen sich auf dem Weg Türen, mit denen man nicht gerechnet hätte. Wie in Zilly. Freilich war es kein glatter, hürdenloser Weg, den die evangelische Kirchengemeinde gegangen ist, bis jetzt ihr großes Bauvorhaben beginnen kann.

Schon 2014 hatte sich der Gemeindekirchenrat auf den Weg zu seiner Winterkirche begeben. Die Stephanuskirche ist ein noch relativ junger Bau, erst 1838 errichtet, aber nach den Plänen eines berühmte Architekten: Karl-Friedrich Schinkel. Seine Bauwerke prägen noch heute die Stadtmitte von Berlin.

Von Totensonntag bis etwa April/Mai ist die Stephanuskirche bisher mehr oder weniger verwaist, weil ohne Heizung und damit einfach zu kalt. Anlass, hier etwas zu tun, war der Verkauf des Pfarrhauses, das in der kühlen Jahreszeit Ort der Gottesdienste war, aber auch Treffpunkt für den Frauenkreis und die Kindergruppe. Ihren Gemeinderaum im Pfarrhaus durfte die Kirchengemeinde zunächst noch bis Ende 2017 nutzen, seitdem ist sie Gast im katholischen Pfarrhaus. Was aber keine Dauerlösung sein kann und soll.

Bilder

2017 vorgestellte Planung komplett überarbeit

Im Frühjahr 2017 gab es im Gotteshaus eine öffentliche Veranstaltung, in der Kirchengemeinde und Planer vielen Interessierten ein Konzept für den Einbau der Winterkirche vorstellten. Zu dem Zeitpunkt war die Planung vorabgestimmt mit dem Denkmalschutz.

Doch letztendlich mussten die stark in die Substanz und Schinkels Ideen eingreifenden Umbaupläne aus Gründen des Denkmalschutzes nochmals komplett überarbeitet werden. „Im letzten Jahr wurden neue Bauzeichnungen erstellt. Der Kirchenraum wird nun in seiner jetzigen Ansicht fast nicht verändert“, berichtete Gemeindekirchenratsvorsitzende Petra König.

Der Altar, der ursprünglich versetzt werden sollte, damit dahinter ein größerer Multifunktionsraum zuzüglich Lagerfläche entstehen kann, bleibt an seinem angestammten, auf Schinkels Plan beruhenden Platz. Die Winterkirche wird somit nun quasi drumherum gebaut. Hinter dem Altar und damit an der Stelle der Sakristei der Multifunktions-/Gemeinderaum, an der Nordseite Sanitäranlagen, an der Südseite zum Friedhof der künftige Eingang zur Kirche. Viel Glas wird im Innern für die Abtrennung der Winterkirche verwendet. Für Lagerflächen fand sich in einer anderen Ecke der Kirche eine Lösung.

Buntes Fenster im Ostggiebel bleibt

Durch diese Änderung kann das große, bunte Kirchenfenster an seinem Platz im Ostgiebel bleiben. In dem früheren Konzept sollte es nach innen gerückt und im Giebel ein neues Fenster eingebaut werden.

Um den Gemeinderaum mit Tageslicht aufhellen zu können, werden hinter den beiden Türen des Ostgiebels nun Fenster eingebaut. Der Zugang ins Gotteshaus wird dort also nicht mehr möglich. „Nichts ist mehr so wie 2017 vorgestellt“, schätzte Petra König ein.

Damals bei der öffentlichen Vorstellung konnte noch keine Summe der Kosten genannt werden. Die jetzt kalkulierten Kosten sind nicht weit von einer Million Euro entfernt. Was aber nicht allein dem Einbau der Winterkirche geschuldet ist.

Finanzierung aus vielen Quellen

Petra König sprach von mehreren Bauabschnitten – drei im Kirchenschiff sowie die Sanierung des Kirchendaches. Die Arbeiten starten drinnen und draußen parallel. Vor wenigen Tagen, als die Corona-Einschränkungen noch nicht so massiv waren, hatten Freiwillige aus der Gemeinde Inventar aus der Kirche geräumt, um praktisch Baufreiheit für die Handwerker zu schaffen.

350.000 Euro kostet allein die Dachsanierung. Um das zu finanzieren, hatte sich der Gemeindekirchenrat im Herbst 2017 auf ungewöhnliches Terrain begeben. Bei einem Wissens- und Geschicklichkeitswettbewerb der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (Kiba-Stiftung) und des MDR-Fernsehens erspielten die Zillyer mit einem Schlag 70.000 Euro für ihr Vorhaben. Diese fließen nun in die Dachsanierung ein.

Der Großteil der Dachkosten wird über das Amt für Landwirtschaft (ALFF) gefördert, nämlich 162.510 Euro. Unterstützung gab es auch durch die Harzer Volksbank, die über die Volksbank-Stiftung 9000 Euro bereitstellte. Kirchengemeinde und Kirchenkreis bringen selbst über 100.000 Euro an Eigenmitteln ein.

Im ersten Bauabschnitt im Kirchenschiff wird zunächst die nicht mehr genutzte Sakristei entkernt, und es werden statische Sicherungen vorgenommen. „Wir sind froh, dass es nun losgeht“, unterstrich König.

Gebaut wird bis zu vier Jahre in Etappen

Wird dieser erste Bauabschnitt finanziell mit Eigenmitteln und einer Förderung für Barrierefreiheit begonnen, so ergab sich für das Gesamtvorhaben eine Großspende der Hamburger Hermann-Reemtsma-Stiftung. Ein Kirchenratsmitglied, berichtete Petra König, habe sich erinnert, dass die Urgroßeltern Kontakte zur Familie Reemtsma hatten und einfach einen netten Brief nach Hamburg geschrieben. Vertreter der Stiftung seien daraufhin in Zilly gewesen, hätten sich alles angeschaut, seien von Konzept sehr angetan gewesen. Bald darauf habe die Stiftung 100 000 Euro zugesagt. „Wir sind fast vom Hocker gefallen“, sagte Petra König. „Die Spende hat uns ein großen Schritt weitergeholfen.“

Bis zum letzten Euro ist die Gesamtfinanzierung momentan trotzdem noch nicht rund. Aber sie ist auf gutem Weg. Rund wäre die Finanzierung, wenn es mit den beantragten Leader-Fördermitteln klappt. Hier steht das Vorhaben auf Rang sechs der Prioritätenliste der lokalen Leader-Aktionsgruppe „Rund um den Huy“.

Bis auch der dritte und letzte Bauabschnitt fertig ist, werden ohnehin drei bis vier Jahre vergehen, schätzt Petra König. Dass die Bauzeit sich über länger erstrecken wird, war aber auch schon 2017 klar.

Gemeinderaum über die Kirche hinaus

Ideen zur Nutzung des gut 30 Leute fassenden Gemeinderaums gibt es seit langem. Der voriges Jahr altersbedingt „eingeschlafene“ Frauenkreis soll wiederbelebt werden; die Kinderkirche, derzeit in Privaträumen untergekommen, Platz finden. Auch Musikunterricht für Kinder zur Erlernen von Instrumenten soll hier gegeben werden.

Der Gemeinderaum wird aber nicht nur für kirchliche Zusammenkünfte zur Verfügung stehen. Vereine können sich hier treffen und Versammlungen abhalten, schließlich gibt es im Dorf kein Gemeinschaftshaus. Nach Trauerfeiern, wofür die Kirche ohnehin allen zur Verfügung steht, können hier die Teilnehmer nochmal zum Kaffee zusammenkommen. Und das alles dank einer Heizung ganzjährig.

„Es ist für uns eine große Herausforderung“, sagte Petra König über die nun anstehende Wegstrecke. Aber sie ist zuversichtlich. „Nach einigen Schwierigkeiten ist der Gemeindekirchenrat sehr optimistisch, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.“ Die Kirchengemeinde in Zilly ist recht stark, was sich auch beim Arbeitseinsatz vor wenigen Tagen zeigte. Etwa jeder vierte Einwohner ist evangelisches Kirchenmitglied.

„Einen großen Dank müssen wir an unsere Förderer weitergeben“, betonte Petra König. „Dass das Vorhaben so auf den Weg gekommen ist, verdanken wir zugleich unserer Baureferentin Andrea Wenzel und dem Planungsring Wernigerode, die einen supertollen Job machen.“