Halberstadt l Ist es eine Havarie gewesen, die mit dem dilettantischen Versuch der Eigenreparatur geradewegs in die Katastrophe mündete? Ist ohne die nötige Sachkunde mitten in der Nacht an der bestehenden Gasinstallation hantiert worden? Oder ist – mit welcher Absicht auch immer – die Leitung vorsätzlich geöffnet worden? Fragen, die sich mit Blick auf die verheerende Gasexplosion, die am 23. Februar zwei Häuser in Halberstadt vernichtet hat, und nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen stellen. Fragen, auf die es wahrscheinlich niemals eine abschließende Antwort geben wird. Denn der einzige Zeuge, der sich zum Zeitpunkt der Detonation gegen 4 Uhr in dem Haus in der Sargstedter Siedlung befand, ist tot.

Toter ist der Bewohner

Auch hier gibt es nach Abschluss der rechtsmedizinischen Untersuchungen nun Klarheit. Bei dem im Keller des explodierten Hauses gefundenen Toten handelt es sich definitiv um den 84 Jahre alten Bewohner des Gebäudes. Die bisherigen Vermutungen wurde jetzt mithilfe eines DNA-Abgleichs bestätigt.

Die Leiche des Mannes war Stunden nach der Explosion aus dem Keller des eingestürzten Hauses geborgen worden. Weil die Identität des Toten zunächst nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte, musste im Institut für Rechtsmedizin ein langwieriger, mehrere Tage dauernder DNA-Abgleich erfolgen. Dessen Ergebnis liegt nach Angaben von Polizeisprecher Uwe Becker seit Donnerstag vor.

Polizei schließt Gewalttat aus

Schon zuvor waren mithilfe einer Obduktion des Mannes eine Gewalttat oder die Einwirkung Dritter ausgeschlossen worden. Die Polizei schließt auch aus, dass sich weitere Personen im Gebäude befunden haben.

Schraubverbindung getrennt

Die zeitgleich publik gewordenen Ergebnisse zur Explosionsursache sorgen für große Betroffenheit. Schließlich legen sich die Staatsanwaltschaft in Halberstadt und die Polizei in ihrer gemeinsamen Presseerklärung fest: Die Untersuchungen zur Unglücksursache hätten ergeben, „dass an der Gasleitung im Keller manipuliert wurde“. Nach Angaben von Polizeisprecher Uwe Becker haben die kriminalpolizeiliche Ermittlungen ergeben, dass eine bestehende Schraubverbindung zwischen der Gasuhr und der zuführenden Gasleitung im Keller getrennt wurde. „Dadurch kam es zum Ausströmen des unverbrannten Erdgases im Kellerbereich. Nachfolgend entzündete sich das explosionsfähige Gas-Luft-Gemisch durch eine bislang unbekannte Zündquelle“, so Becker.

Die Detonation hatte in jener Nacht zum Freitag, 23. Februar, nicht nur dafür gesorgt, dass das betreffende Wohnhaus in der Gartenstadt-Straße komplett in Trümmer gelegt wurde. Auch die unmittelbar angrenzende Doppelhaushälfte wurde so stark beschädigt, dass sie inzwischen abgerissen werden musste.

Der in dieser Haushälfte lebende Besitzer – ein 67 Jahre alter Mann – überlebte die Explosion wie durch ein Wunder mit Verletzungen. Er wurde, wie er kürzlich im Gespräch mit der Volksstimme berichtet hat, durch die Detonation aus seinem Bett im Dachgeschoss des Hauses geschleudert. Was für ihn letztlich überlebenswichtiges Glück war – anschließend stürzte eine schwere Hauswand auf sein Bett.

Der 67-Jährige steht nun vor den Trümmern seiner in Jahrzehnten mühsam aufgebauten Existenz. „Ich habe binnen Sekunden alles verloren – angefangen bei allen Papieren bis hin zur digitalen Fotosammlung“, so der passionierte Hobbyfotograf zur Volksstimme.

Opfer schockiert

Auf die Nachricht, dass die verheerende Detonation, die ihn um Haaresbreite getötet hätte, womöglich sogar bewusst herbeigeführt worden sein könnte, reagierte das Opfer am Donnerstagabend schockiert. „Das ist der Hammer, das kann ich kaum glauben.“

Polizeisprecher Becker wollte sich an Spekulationen zur Explosionsursache nicht beteiligen. „Fakt ist, dass wir keinerlei Abschiedsbrief oder Hinweise auf einen Selbstmord gefunden haben“, so der Hauptkommissar auf Anfrage zur Volksstimme.

Über Mann wenig bekannt

Der 84-Jährige wird im Umfeld der Gartenstadt-Straße als Einzelgänger beschrieben, der kaum Kontakt zu Nachbarn hatte. Mehr als freundliche Worte, wenn man sich mal gesehen hat, gab es nicht, so sein 67-jähriger Nachbar. Der 84-Jährige lebte allein im Haus, seine Frau wird in einem Seniorenheim betreut.

Die Explosion hatte auch viele Gebäude im Umfeld beschädigt. Hier dürften nun – ebenso wie im Fall des 67-Jährigen – zunächst die jeweiligen Gebäude- und Hausratversicherungen greifen. Ob diese Gesellschaften anschließend versuchen, eine bestehende Haftpflichtversicherung des 84-Jährigen in Regress zu nehmen, ist unklar. Klar ist nach Angaben eines Versicherungsexperten aber, dass bei einer Vorsatztat – beispielsweise bei einem Selbstmord – die Haftpflichtversicherung des 84-Jährigen von der Leistung frei wäre.