Stadt Osterwieck l Rüdiger Hampe ist leidenschaftlicher Radfahrer. Wenn der Dardesheimer nach Wernigerode radeln will, kann er noch im Ort in den Radweg neben der Bundesstraße 244 einsteigen. Doch bis in die Bunte Stadt am Harz kommt er darauf nicht. Denn es fehlt der 3,7 Kilometer lange Lückenschluss zwischen Zilly und Langeln.

Jüngst haben die Radwege entlang dieser Bundesstraße neue Oberflächen erhalten. Das freut den Dardesheimer einerseits, er nennt es andererseits aber auch einen „Schildbürgerstreich hoch drei“. Denn: „Was nutzt ein Radweg, der irgendwo endet?“

Sich die fehlenden Kilometer auf der Bundesstraße mit seinem Drahtesel fortzubewegen, ist ihm zu gefährlich. „Überall gibt es Radwege“, stellte der Volksstimme-Leser vor allem mit Blick nach Niedersachsen fest.

Besseres Radwegenetz in Niedersachsen

An der Bundesstraße 79 kann man von der Landesgrenze bis Wolfenbüttel auf separater Trasse durchradeln. Zum Beispiel der Radweg von der Landesgrenze nach Roklum wurde schon 2003 gebaut.

„Warum geht das hier nicht?“, fragte der Leser. Es gebe von Dardesheim aus auch kaum gut befahrbare Feldwege, die man alternativ benutzen könnte. Dabei, erinnert Rüdiger Hampe, werde doch oft propagiert, man solle das Auto stehen lassen.

Kaum Radwege im Raum Osterwieck

Die Radwege-Statistik im ganzen Land Sachsen-Anhalt, die das Verkehrsministerium veröffentlicht hat, sah Anfang 2016 25,8 Prozent der Bundesstraßenkilometer mit einem Radweg ausgestattet. Bei den Landesstraßen betrug die Quote 13,9 Prozent. Zum Vergleich: In Niedersachsen hat mehr als die Hälfte der Landesstraßen einen Radweg.

Westlich von Halberstadt und ganz besonders im Gebiet der Stadt Osterwieck würde man sich indes schon über Werte im Landesdurchschnitt freuen. Denn entlang der Bundesstraße 79 existieren nur wenige Meter Radweg bei Hessendamm und Dardesheim. 2007 wurde der Radweg an der B 244 zwischen Dardesheim und Zilly gebaut. Das war’s an Bundesstraßen.

An einer Landesstraße existiert seit 2009 nur der Weg zwischen Osterwieck und Schauen. Mehr nicht. Dabei war um 2000 bei der Ursprungsplanung für den Landesstraßenausbau Osterwieck-Deersheim auch mal ein Radweg vorgesehen, doch dann fehlte das Geld.

Straßenbau hatte bisher Vorrang

Stefan Hörold, der Halberstädter Regionalbereichsleiter der Landesstraßenbaubehörde, erklärt die Unterschiede zu Niedersachsen damit, dass in Sachsen-Anhalt in den Jahren seit der Wende zunächst die Sanierung der Straßen Priorität hatte.

Es gab riesigen Nachholbedarf. Die DDR hatte bekanntlich überwiegend marode Straßen hinterlassen, für den nun starken Pendler- und Güterverkehr kaum geeignet.

In Sachsen-Anhalt trat ein Umdenken so richtig erst 2016 ein. Damals aktualisierte die Landesregierung die Radwegebedarfspläne an Bundes- und Landesstraßen. Während die Mittel für Bundesstraßen in der Regel nach dem angemeldeten Bedarf bereitgestellt werden, sind die Investitionsgelder für Wege an Landesstraßen erheblich aufgestockt worden. Von rund einer Million auf knapp sieben Million Euro pro Jahr.

3,35 Millionen Euro für Harzer Radwege

Für den Regionalbereich der Straßenbaubehörde, der den Harz- und Salzlandkreis umfasst, sprach Stefan Hörold sogar von einer Verzehnfachung der Landesmittel. Dieses Jahr würden hier 2,25 Millionen Euro für Landesradwege (Anderbeck-Dingelstedt und Gernrode-Ballenstedt) sowie 1,1 Millionen Euro für Radwege an Bundesstraßen (entlang der B 79 von der A 36 bis Harsleben) zur Verfügung stehen.

Die landesweit 155 in den vordringlichen Bedarf aufgenommenen Landesradwege sollen bis 2030 gebaut sein, sie haben eine Gesamtlänge von 395 Kilometer. Werden diese Vorhaben wie geplant umgesetzt, so hätten in elf Jahren 36 Prozent der Bundesstraßen und 18 Prozent der Landesstraßen Radwege.

Radwege-Priorität nach Kriterienkatalog

Doch was hat der Dardesheimer Rüdiger Hampe davon? Nach Wernigerode wird er entlang der Bundesstraße 244 erst nach 2030 radeln können, höchstwahrscheinlich sogar erst weit nach 2030. Das Vorhaben Zilly-Langeln steht an Platz 222 der Bedarfsliste für Bundesstraßen und damit an fünftletzter Stelle im Land sowie letzter Stelle innerhalb des Harzkreises.

Jedes Vorhaben ist nach einem Kriterienkatalog bepunktet worden. Bewertet wurden dabei das Maß der Gefährdung von Radlern sowie die Stärke des vorhandenen und potenziellen Radverkehrs. Von maximal zehn Punkten erreichte dieser B 244-Lückenschluss nur 1,4 Punkte. Für eine vordringliche Realisierung bis 2030 sind bei den Bundesstraßen 4,2 Punkte nötig, bei den Landesstraßen 4,0 Punkte.

Noch vor Zilly-Langeln sind da die (Bundes-)Radwege Dardesheim-Badersleben (Rang 141), Hessen-Hessendamm (159), Dardesheim-Athenstedt (174) und Dardesheim-Hessen (175) zu finden. Auf Rang 76 beginnen jene Vorhaben, die erst nach 2030 anstehen.

In den vordringlichen Bedarf hat es an der B 79 lediglich der Radweg Halberstadt-Aspenstedt geschafft, entsprechend der Punktzahl 4,7 auf Rang 59. „Die Planung für den Radweg ist bis 2030 zu realisieren“, erläuterte Stefan Hörold. „Aufgrund der Anzahl der zurzeit in Planung befindlichen Radwege ist für diesen Abschnitt noch kein Planungsbeginn erfolgt.“

Hoffnung auf Vorziehen für ein Vorhaben

Und welche Landesstraße ist in der Osterwiecker Region als vordringlicher Bedarf bis 2030 eingestuft worden? Überhaupt kein Vorhaben! Auf Platz 81 der Liste beginnen die Radwege, die nach 2030 geplant sind. Dazu gehören dann Lüttgenrode-Landesgrenze (Rang 187), Osterwieck-Lüttgenrode (226), Deersheim-Osterwieck (299) und Zilly-Berßel (418). Insgesamt 526 Vorhaben gibt es.

Allerdings sind diese Platzierungen nicht in Stein gemeißelt. Gerade das letztgenannte Vorhaben Berßel-Zilly könnte vielleicht schon früher Realität werden. Stefan Hörold berichtete von regelmäßigen Gesprächen mit der Stadt Osterwieck. Dabei sei dieses Projekt an die Straßenbaubehörde herangetragen worden. Wenn ein Vorhaben von der Region gewollt sei und es die Vorgaben erfüllt, sei es auch denkbar, zeitnah zu bauen, sagte er. So wie der Radweg Anderbeck-Dingelstedt, der ursprünglich nicht im Bedarfsplan stand, aber nun zusammen mit der Gemeinde Huy in diesem Jahr gebaut wird.

Die Hoffnung ist also nicht verloren. Auch für Rüdiger Hampe nicht. Denn mit dem Radweg Berßel-Zilly möchten die Stadtväter gerade eine „Brücke“ zwischen Osterwieck und Dardesheim sowie dann auch dem Huy bauen. Für den Dardesheimer Leser entstünde damit eine Möglichkeit, auch zum Harz zu radeln. Nach dem Schlenker über Berßel könnte er auf den Ilseradweg abbiegen und ab Wasserleben seine Fahrt auf straßenbegleitenden Radwegen bis Wernigerode fortsetzen.