Halberstadt l Im Stadtforst Halberstadt fanden kurz zuvor im industriemäßigen Stil umfangreiche Baumrodungen statt, berichtet Knut Ballhause. In seinen Augen sei das Resultat eine „blinde Zerstörung von Lebens­raum für die artenreiche Vogelwelt“ in den Halberstädter Bergen.

„Das Ausmaß der Zerstörung ist unfassbar groß. Hecken, die kleinen Vögeln Schutz bieten oder in denen sie Nester bauen, wurden von Forstfahrzeugen einfach platt gemacht. Bäume, die noch topfit waren, wurden gefällt, die Holzreste, massives Astwerk, einfach in ­Hecken geworfen. In den Klusbergen sieht es aus, als ob jemand buchstäblich mit der Axt im Walde unterwegs gewesen wäre“, ist Knut Ballhause entsetzt. Das Areal würde einem Schlachtfeld gleichen.

Rodung vernichtet Lebensraum für Vögel

Das Landschaftsschutzgebiet bietet vielen Tieren Lebensraum. Unter diesen würden sich gefährdete und besonders geschützte Arten befinden. Insgesamt seien in diesem Bereich über 50 Vogelarten nachgewiesen. Darunter befinden sich unter anderem sechs Specht- und sechs Meisenarten wie zum Beispiel Grün-, Grau- und Kleinspecht sowie Tannen- und Haubenmeise. Aber auch andere Vögel wie Kleiber, Hecken­braunelle, Goldammer, Mönchsgras­mücke und Sommergoldhähnchen würden dort Zuhause sein. Die Klusberge sind aber auch das Revier von Greifvögeln wie Rotmilan, Mäusebussard und Turmfalke, die Platz für ihre Horste in den Baumkronen benötigen.

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Knut Ballhause berichtet, dass 2019 30 Nistkästen in den Klusbergen aufgehängt wurden, um es Singvögeln einfacher zu machen, sich dort anzusiedeln. Ein Projekt des Museums Heineanum. „Junge Ornithologen“, eine Gruppe vogelinteressierter Kinder und Jugendlicher, installierten sie mit Unterstützung freiwilliger Helfer und maßen sie per GPS ein. Damit sollte über Jahre hinweg die Besiedlung durch verschiedene Singvögel dokumentiert werden. „Alle Vorarbeiten sind für die Katz, das Projekt ist futsch. Der neuerliche Holzeinschlag könnte spezielle Vogelarten vertreiben. Und damit haben wir noch nicht mal über Pflanzen oder Schmetterlinge gesprochen“, so der 48-Jährige.

Knut Ballhause geht mit offenen Augen durch den Wald und sieht natürlich den Grund für die Rodungen. Unverkennbar ist der Wald von Sturm- und Trockenschäden der letzten beiden Dürrejahre gezeichnet. Man könne zwar Bäume fällen, von denen eine Gefahr für Spaziergänger ausgeht und die in unmittelbarer Nähe von Wegen stehen. Eine großflächige Abholzung ist für den Naturfreund eine „­äußerst übertriebene Handlung“.

Biologische Vielfalt nicht gefährdet

Im Zentrum der Arbeiten steht ein Wald mit einer intakten Lebensgemeinschaft zwischen Pflanzen und Tieren, betont Thomas Roßbach, Leiter des Betreuungsforstamtes Flechtingen, das den 515 Hektar umfassenden Stadtforst Halberstadts seit 2004 betreut. Die biologische Vielfalt des Waldes sei nicht gefährdet. Klimawandel und das damit verbundene Ausbreiten von Parasiten und Krankheiten setzen den Wäldern jedoch stark zu. „Die grüne Lunge muss erhalten werden, sie ist das beste Öko-System der Welt. Um diesen Anspruch zu sichern, müssen abgestorbene und geschädigte Bäume gefällt werden, damit Platz für Aufforstungen geschaffen wird. Das geschieht zurzeit unter anderem im Bereich Klusberge. Natürlich mit dem dafür notwendigen Sachverstand“, so der Fachmann.

Diese Arbeiten müssten effektiv erfolgen, daher könnte man die Bäume nicht per Hand schlagen, sondern mit Maschinen. Die eingesetzten Firmen seien in der Regel zertifiziert und damit Profis, die wüssten, was sie machten. „Die Technik verdichtet den Boden nur gering.“ Natürlich würde Totholz als Lebensraum für Vögel und Insekten stehenbleiben. Das Restholz vom Einschlag verbleibt vor Ort. Es zerfällt zu Humus, sagt ­Thomas Roßbach. Auch die Hecken würden sich wieder erholen.

Allerdings muss der Wald angesichts des Klimawandels umgebaut werden. Das bedeutet, das Erscheinungsbild in den Halberstädter Bergen, das großflächig von Kiefern und Fichten geprägt ist, verändert sich in Zukunft. Bei Neuanpflanzungen, die in den Klusbergen bereits im Frühjahr beginnen sollen, erfolgt der Umbau unter anderem auf Ahorn und Eiche, berichtet der Forstamtschef. Auf einigen Flächen werde man außerdem auf die Naturverjüngung setzen. Wo das nicht funktioniert, wird mit Neuanpflanzungen nachgebessert.