Schladen l Unweit von Osterwieck wurde vor einem Jahrtausend deutsche Geschichte geschrieben. Die Pfalz Werla lag mitten in einer sogenannten Königslandschaft. Zwischen 924 und 1013 hielten sich hier auf einer Anhöhe an der Oker bei Schladen wohl 16 Mal deutsche Könige und Kaiser auf. Die Herrscher zogen seinerzeit von Burg zu Burg.

„Die Könige brauchten Orte, an denen sie ihre Herrschaft repräsentieren konnten“, erklärte der Archäologe Dr. Markus Blaich. Werla war nicht nur einer dieser Orte, sondern in der Besuchsrangliste von Königen recht weit oben.

Angefangen hat die Bedeutung der Werla mit Heinrich I., der vor genau 1100 Jahren in Quedlinburg zum König gekrönt wurde. Dieses Jubiläum war auch der Anlass für einen Vortrag in Schladen, bei dem Markus Blaich aus dem Landesamt für Denkmalpflege in Hannover die neuesten Forschungsergebnisse der archäologischer Grabungen vorstellte. Diese hatte er ab 2007 selbst geleitet.

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Rekonstruktion

Die Pfalz Werla ist seit 2012 ein Landschafts- und Archäologiepark. Zum Abschluss fünfjähriger Grabungen wurde das Westtor der Kernburg rekonstruiert. Ansonsten sind im Wesentlichen nur Grundmauern erhalten. Dabei war die Pfalz über Jahrhunderte wohl gar vergessen gewesen, denn Mitte vorigen Jahrtausends wurde sie abgetragen. Erst 1926 gab es eine erste Ausgrabung, der große vor dem Zweiten Weltkrieg und um 1960 folgten.

„Die Grabungen der 1930er Jahre waren hochinnovativ“, erklärte Blaich. Viele Methoden, die heute bei mittelalterlichen Grabungen verwendet werden, seien damals entwickelt worden. Die Verwendung von Luftbildern zum Beispiel. Zeitweise 120 Arbeiter seien tätig gewesen. In Werla sei zum ersten Mal solch eine große Grabung in Norddeutschland vorgenommen worden.

Strahlend weiße Wände in der Kernburg

Die Pfalz Werla war dreigeteilt in Kernburg, innere und äußere Vorburg. Die Kernburg selbst wurde aus Stein gebaut. Untersuchungen hätten ergeben, dass das Gestein dafür aus einem Umkreis bis Fallstein, Harly und Salzgitter-Höhenzug gewonnen wurde. Blaich bezeichnete es als erstaunlich, dass ein Umland von 30 Kilometern Durchmesser erforderlich gewesen sei für den Bau und Unterhalt der Anlage.

Die Kernburg, sagte Blaich, könne man sich als eine sehr mächtige, repräsentative Anlage vorstellen. Die Menschen im Umland hätten bis zum Bau von Werla keine Steinhäuser gekannt, sondern in einstöckigen Fachwerkhäusern gelebt. Es gebe aber auch Pfalzgebäude, die seien in einer besonderen Bauweise errichtet worden, der Kletterschalentechnik, bei der weißer Kalk verwendet wurde. Ein großer Teil der Gebäude und auch der Innenwände in der Kernburg waren demnach strahlend weiß. „Für Leute des zehnten Jahrhunderts muss die Burg sehr beeindruckend gewesen sein.“

Keine eigene Wirtschaft

Weiterhin berichtete der Archäologe, dass es unter den Hunderten von Einzelfunden bei den Grabungen keine landwirtschaftliche Geräte gab, sondern nur Gerätschaften zur Versorgung von aufgestalltem Vieh. Es habe also nichts auf eine landwirtschaftliche Nutzung der weiträumigen Burgflächen hingewiesen. Man habe den Ort demnach von außerhalb mit landwirtschaftlichen Gütern versorgt.

Die Buntmetall- und Silberfunde lassen darauf schließen, dass dieses Material ebenfalls angeliefert wurde. Es sei nur in sehr geringer Anzahl, aber dafür in hoher Qualität auf der Werla verarbeitet worden. „Der Ort brauchte Versorgung von außen, und er war Produzent von hochwertigen Gütern“, fasste Blaich zusammen. Damit seien wichtige Kriterien für die Definition als zentraler Ort erfüllt.

Durch die Digitalisierung auch von Funden der früheren Grabungen ist es nun möglich geworden, aus dem Keramikfunden neue Schlüsse zu ziehen. Die Funde stammen demnach vor allen aus zwei Zeithorizonten, im zehnten und frühen elften Jahrhundert sowie im späten zwölften und 13. Jahrhundert. Die ersteren Funde lassen nach Blaichs Worten auf die Blütezeit der Pfalz schließen, die zweite auf das Abbrechen und Planieren der Anlage.

Tausend Menschen für fünf Tage zu Besuch

„Seit zwei Jahren wissen wir auch über die Metallfunde besser Bescheid“, berichtete er weiter. Dabei fielen die hochwertigen Funde wie Fiebeln aus dem 10./11. Jahrhundert auf, während die späteren Funde auf eine landwirtschaftliche Nutzung hindeuten (bis in die Zeit des 14. Jahrhunderts).

Die Könige zogen damals von Burg zu Burg. Der Aufenthalt habe dabei in der Regel nur fünf Tage gedauert. „Fünf Tage lang waren etwa tausend Leute auf der Werla. Und die mussten aus einem Umland von etwa 30 Kilometern Durchmesser versorgt werden“, sagte der Archäologe. „Das war eine beeindruckende logistische Leistung.“

Eine alte Quelle berichtet von 30 großen Schweinen, drei Kühen, fünf Ferkeln, 50 Hühnern, 90 Käselaiben, zehn Gänsen, fünf Fuder Bier und anderen Gütern, die für solch einen Königsbesuch benötigt wurden. „Wir sehen einen superguten Einblick in die Leistungsfähigkeit eines Wirtschaftshofes der Ottonenzeit“, sagte Blaich.

Keine geschlossene Bebauung

Allerdings hatte Werla nur knapp hundert Jahre seine große Bedeutung. Diese wechselte dann nach Goslar in die heute noch erhaltene Kaiserpfalz.

Zum Abschluss seines Vortrages präsentierte Marcus Blaich eine Visualisierung der etwa 20 Hektar großen Gesamtfläche der Pfalz, in ein heutiges Luftbild hineinprojiziert. „Wir haben keine geschlossene Bebauung“, stellte der Archäologe fest. Es gebe Grubenhäuser, die in Gruppen stehen. Man könne sich vorstellen, dass einzelne Dörfer für einzelne Grubenhäuser zuständig waren. Die anschließenden Einwürfe des Publikums machten deutlich, dass immer noch Fragen in der Forschung offen sind. Etwa wie das mit der Wasserversorgung war, da kein Brunnen gefunden wurde und die Oker 18 Meter tiefer liegt.