Kultur im Harz

Warum Halberstadts neuer Chefdramaturg mehr will als „Guckkastenmentalität“

Ein Neuer, der sich bestens auskennt im Nordharzer Städtebundtheater. Marco Misgaiski , geboren in Halberstadt, ist neuer Chefdramaturg und Hausregisseur.

Von Sabine Scholz
Marco Misgaiski ist neuer Chefdramaturg am Nordharzer Städtebundtheater.
Marco Misgaiski ist neuer Chefdramaturg am Nordharzer Städtebundtheater. Foto: Sabine Scholz

Halberstadt - Theater muss sich verändern, um seine Relevanz nicht zu verlieren. Sagt Marco Misgaiski. Seit Februar ist er als Chefdramaturg am Nordharzer Städtebundtheater tätig und als Hausregisseur. Er will, sagt der 46-Jährige, mindestens ein Stück pro Spielzeit selbst inszenieren.

An Ideen mangelt es ihm nicht, einmal in Fahrt, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Misgaiski hat viel Erfahrungen gesammelt an großen Häusern. Um so mehr liebt er es, nun wieder an einem kleineren Stadttheater zu wirken, in dem dank flacher Hierarchien schnelle Abstimmungen möglich sind.

Reflektieren über das, was Theater soll und kann

Er kennt das Haus, nicht nur, weil seine Mutter hier viele Jahre Chefsekretärin war, oder er als Jugendlicher in der Statisterie mitwirkte. Er hat hier auch Regie geführt, unter Kay Metzger als Intendant oder jetzt, nach 15 Jahren Abstinenz, im vergangenen Jahr „Wiener Blut“.

Unter Coronabedingungen, wie alle seine Kollegen mit kreativen Lösungen für Abstandsregeln und Co. sich solchen Herausforderungen zu stellen, ist kein Problem für den umtriebigen Familienvater. An den Nerven zerrte dagegen die lange Phase der Ungewissheit, wann es endlich wieder losgeht mit dem Spielbetrieb. Proben bis zur Premierenreife ohne Premiere, das hinterlässt Spuren.

Misgaiski ist einer, der viel reflektiert über Sinn und Sein des Theaters. Als 22-Jähriger hat er begonnen zu inszenieren, eine eigene Fassung von „Hänsel und Gretel“. Und ist mitten in seinem Thema: Theater muss sich verändern. Nicht um der Veränderung willen, sondern um dranzubleiben am Puls der Menschen, an ihren Problemen, Sorgen Debatten, aber auch als Gegenpart dazu mit Unterhaltung, die berührt, aufregt, anregt, erheitert.

Ort ästhetischer Bildung

Wobei es ihm nicht um Anbiederung geht, wie er betont. „Theater“, sagt der neue Chefdramaturg, „ist für mich nicht die moralische Anstalt, als die es viele sehen. Unverzichtbar ist es dennoch, nicht nur, wenn es um ästhetische Bildung geht. Theater ist wichtig, was die eigene Haltung, die Entwicklung der eigenen Streitkultur anbelangt.“ Hier werde man konfrontiert mit anderen Sichten, Ansätzen, die nicht immer den eigenen Erwartungen entsprechen. Für ihn ist Theater ein Ort, an dem man üben kann, seinen Horizont zu erweitern, sich eine Meinung zu bilden, ohne sie gleich seinem Gegenüber ins Gesicht schleudern zu müssen.

Eine Geschichte anders erzählt zu bekommen, bereichere, davon ist Misgaiski zutiefst überzeugt. Wobei er Profi genug ist, um zu wissen, dass ein Stadttheater davon lebt, eine gute Mischung hinzubekommen an Neuem, Ungewohntem und geliebten Traditionen. Er hat es selbst erfahren, bis heute wirkt in ihm eine frühe Regiearbeit nach, die er in Halberstadt auf die Bühne brachte. Der „Kaiser von Atlantis“, eine Oper, geschrieben von Viktor Ullmann 1943 im Ghetto von Theresienstadt. „Auch das muss erzählt werden, auch wenn es nicht ,unterhaltsam’ im heiteren Sinne ist.“

Theater muss zu den Leuten

Gerade in der Musikliteratur gebe es so viele Dinge, die gehört werden sollten, die es lohnten, inszeniert zu werden. Alle böten sinnliche, emotionale Erfahrungen, die im Theater anders seien als bei Filmvorführungen. Gerade im direkten Spiel liege die Stärke von Theater.

Für ihn ist die im Nordharzer Städtebundtheater gelebte Idee, Aufführungen an anderen Orten zu machen als nur im Theatergebäude, reizvoll. „So kommen wir stärker hinein in die Stadtgesellschaft.“ Mit „Guckkastenmentalität“ allein komme man nicht weiter. Theater hat sich immer verändert, und wird es weiterhin.

Herausforderungen als Landesbühne

Misgaiski hat viel Oper gemacht, nun ist er an einem Haus, das drei Sparten hat und somit viel mehr anbieten kann als ein noch so renommiertes Opernhaus. Mit dieser Mischung von Schauspiel, Ballett und Musiktheater mit allen seinen Facetten ist das Theater auch touristisch wichtig für Region, davon ist er überzeugt.

„Es ist ein Strauß an Aufträgen, die wir annehmen und erfüllen müssen“, sagt der Chefdramaturg, der bis Sommer 2023 unter Vertrag steht. Zu diesem Strauß gehören auch Gastspielverpflichtungen, die gerade jetzt nach den sieben Monaten Zwangspause neue Spielplan-Vorhaben durcheinanderbringen. Verträge sind zu erfüllen, keine Frage. Was für ihn aber auch heißt, so manche seiner Idee wird ein bisschen auf ihren Widerhall im Spielplan warten müssen.

Zur Person:

Geboren 1974 in Halberstadt, hier aufgewachsen, Abitur am Martineum. Schon als Jugendlicher arbeitete er als Statist am Theater, später folgte ein Studium der Theaterwissenschaften und Pädagogik an der Universität Leipzig, sowie ein Studium der Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Universität Bielefeld. Dort lebt er mit seiner Familie.

Misgaiski arbeitete am Landestheater Coburg, am Opernhaus Halle und bei den Wiener Festwochen. Mehr als 40 Inszenierungen hat er als Regisseur verantwortet, unter anderem am Nordharzer Städtebundtheater, an den Landestheatern Coburg und Detmold, am Goethe-Theater Bad Lauchstädt, an der Oper Halle, bei den Händelfestspielen Halle und am Nationaltheater Mannheim. Dort wirkte er zudem als Dozent für szenische Grundausbildung an der Opernschule der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und war 2019/2020 Professur-Vertretung.

Von 2010 bis 2016 war er Referent des Opernintendanten am Nationaltheater Mannheim und Produktionsleiter des Festivals Mannheimer Mozartsommer. Von 2016 bis 2019 übernahm er die Leitung des Internationalen Opernstudios am Nationaltheater Mannheim. Seit 2017 ist der verheiratete Vater eines Sohnes Manager und Produktionsleiter für das Musiktheater der Schwetzinger SWR-Festspiele.