Stadt Osterwieck

Wer wird neuer Chef im Rathaus?

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Der Landtagswahl ist entschieden, Ende September geht es außer dem Bundestag in Osterwieck auch um einen neuen Bürgermeister.

Von Mario Heinicke
Osterwiecker Rathaus
Osterwiecker Rathaus Foto: Mario Heinicke

Osterwieck - Die Ankündigung von Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko) zum vorzeitigen Rücktritt Ende August hat alle überrascht. Bis Januar 2024 wäre ihre Wahlzeit noch gelaufen. Nach elfeinhalb Jahren hat sich die 65-Jährige zum Ausstieg entschlossen. Dieser darf auch als Indiz dafür gewertet werden, wie kräftezehrend solch ein Job ist.

Nun wird ein Nachfolger gesucht. Die Weichen sind offiziell noch nicht gestellt. Der Stadtrat will auf seiner Sitzung am 8. Juli die notwendigen Beschlüsse zur Ausschreibung der hauptamtlichen Stelle für die nachfolgende Wahl durch die Bürgerschaft fassen. Für eine Wahlfunktion, die hohe Anforderungen stellt, für die aber keine fachlichen Voraussetzungen zu erfüllen sind. Nur: Mindestens 21 Jahre alt muss der Bewerber sein, EU-Bürger und nicht vorbestraft.

Klar, dass nach der Ankündigung des überraschenden Ausstiegs von Ingeborg Wagenführ hinter den Kulissen in den Parteien und Ratsfraktionen Bewegung entstanden ist. Mittlerweile haben aus der Mitte des Stadtrates erste Kandidaten bildlich gesprochen ihren Hut in den Ring geworfen.

Keine Überraschung ist es, dass dazu Dirk Heinemann gehört. Man darf sogar sagen, dass Ratskollegen aller Fraktionen zuallererst auf ihn schauten und schauen.

Der Wülperöder Sozialdemokrat ist 47 Jahre alt, verfügt aber schon über 25 Jahre kommunalpolitische Erfahrungen. 2001 wurde er zum Bürgermeister von Wülperode gewählt. Bei der erstmaligen Bürgermeisterwahl für die Osterwiecker Einheitsgemeinde gehörte er zu den acht Kandidaten und kam auf Rang vier ein. Sieben Jahre später kandidierte er aus Loyalität zu Ingeborg Wagenführ nicht.

Einen guten Ruf hat sich Dirk Heinemann vor allem in seiner Funktion seit 2010 als Vorsitzender des Stadtrates erworben. Darüber hinaus gilt er als ausgesprochener Verwaltungsfachmann. Lange in der niedersächsischen Finanzverwaltung tätig, ist er Anfang dieses Jahres beruflich nach Elbingerode gewechselt und dort Hauptamtsleiter der Stadt Oberharz am Brocken.

Seinen Bürgermeister habe Heinemann bereits informiert, dass er beabsichtige, in Osterwieck zu kandidieren, berichtete er. Doch vorige Woche wurde ihm plötzlich eine Information aus der Harzer Kommunalaufsicht zugetragen, dass es im Falle einer Bürgermeistertätigkeit für ihn beamtenrechtliche Probleme könnte. Diese muss er nun klären. Mit anderen Worten: Es ist doch noch nicht sicher, ob Dirk Heinemann kandidiert.

Für diese Entscheidung hat der Wülperöder aber noch Zeit. Mitte Juli etwa dürfte der Bewerbungszeitraum beginnen und sich bis in den August erstrecken. Für eine Tätigkeit, die es in sich hat.

Als Rathauschef ist der Bürgermeister quasi Chef eines etwa 170-köpfigen Unternehmens. Dienstschluss heißt nicht Feierabend. Ein höherer Verwaltungsbeamter umschrieb das mal so: „Was nach Feierabend kommt, muss man mögen.“ Wenn nämlich die Versammlungen der Stadträte, Ausschüsse, Ortschaftsräte, Feuerwehren und Vereine folgen. Und nicht zuletzt die Feste, auf denen ein Bürgermeister repräsentiert.

Überraschung nur aufden ersten Blick

Mit Lars Kohn hat sich ein weiterer Bewerber offenbart. Eine Überraschung nur auf den ersten Blick. Beobachter des Stadtrates hatten ihn gleich mit auf dem Zettel.

Lars Kohn gehört wie Ingeborg Wagenführ zur Wählergemeinschaft Buko (Bürger unseres Kreises ohne Parteibuch), sitzt seit 2014 im Stadtrat und ist seit 2019 Vorsitzender der 14er Fraktion. Diese ist so benannt, weil sie 14 Abgeordnete vereint von CDU, SPD, Buko sowie weiteren Wählergemeinschaften aus Berßel, Bühne und Osterwieck.

Ja, auch die SPD gehört zur von Kohn geleiteten Fraktion. Was aber keinesfalls auf internen Zoff im Hintergrund schließen lässt. Heinemann und Kohn sind gemeinsam nicht nur Geburtsjahrgang 1973, sondern schätzen sich auch gegenseitig.

Lars Kohn genießt in Osterwieck eine hohe Popularität. Er betreibt hier ein Fitnessstudio, hat sich auf vielen kleinen und großen Veranstaltungen und Festen engagiert – vor allem mit den Tanzgruppen aus seinem Studio und als Moderator.

Die Bürgermeisterei hat eher nicht auf seinem Lebensplan gestanden. Nach dem Wagenführ-Rücktritt sei er auf eine Kandidatur angesprochen worden, berichtete er. Über Pfingsten habe er mit seiner Familie das Für und Wider abgewogen und geht seitdem öffentlich mit seiner Kandidatur um.

Größter Ansporn für ihn sei es, etwas für Osterwieck zu tun, unterstrich er. Durch die Coronakrise war er mit seinem Unternehmen und seinem Tatendrang viele Monate mehr oder weniger zum Nichtstun verurteilt gewesen. Dabei sieht sich Kohn als kreativer Typ, der Ideen hat, der aktiv ist, etwas bewegen möchte. Er möchte also kandidieren. „Irgendwann würde ich mich sonst ärgern, wenn ich es nicht getan hätte.“

Zur Beruhigung für die Sportler: Sollte Lars Kohn Bürgermeister werden, wird es das Fitnessstudio, das er dann freilich nicht mehr leiten kann, weiterhin geben.

Die CDU hat bei der jüngsten Landtagswahl einen überaus deutlichen Sieg errungen. Osterwieck gilt zudem seit 30 Jahren als CDU-Hochburg. Und auch wenn die Partei nicht jedes Mal seit 1990 den Bürgermeister stellte, so gab es doch immer einen Kandidaten. Auch diesmal?

Ortsvorsitzender Alexander Räuscher wäre dafür sicher erste Wahl gewesen - wenn es sich um einen anderen Zeitpunkt gehandelt hätte. Erst vor zehn Tagen ist der Osterwiecker zum Landtagsabgeordneten gewählt worden. Das Mandat hat er angenommen. Wobei er danach auf der Straße schon gefragt wurde, ob er denn für das Rathaus kandidiere. Das habe ihn einerseits gefreut, aber er schließt es angesichts seines Wahlerfolgs aus.

Ernst wird es erstab Juli

Vergangenen Freitag waren die Osterwiecker CDU-Mitglieder zusammengekommen, um über eine Kandidatur zu sprechen. „Stellen wir jemanden auf oder unterstützen wir jemanden?“, warf Räuscher die Frage auf. Eine Entscheidung ist nicht gefallen. Die Parteimitglieder sollen darüber nun nachdenken. Bis zur Stadtratssitzung am 8. Juli sollte diese Frage entschieden sein.

Doch wie sieht es in den anderen Fraktionen aus? Werden die „Aue-Fallsteiner“ einen eigenen Kandidaten haben? Sämtliche Rivalitäten zwischen Alt-Osterwieckern und Ex-Aue-Fallsteinern sind noch nicht abgelegt, wenngleich es heute weit harmonischer im Stadtrat zugeht als früher.

In der Freien Fraktion unter der Leitung von Ralf Voigt (Förderverein Dardesheim) wurde bisher noch nicht über die Bürgermeister-Wahl gesprochen. „Wir werden das Thema sicher noch ansprechen und schauen, ob jemand seinen Hut in den Ring werfen möchte“, sagte er. „Ich werde es auf keinen Fall sein.“ Letztendlich müsse jeder für sich solch eine Entscheidung treffen. Die Fraktion sei dabei nicht entscheidend. Zur Freien Fraktion gehören sieben Abgeordnete aus der Partei Die Linke sowie von Wählergemeinschaften aus Dardesheim, Hessen, Rhoden und Zilly.

Ähnlich ist die Ausgangslage in der vierköpfigen Fallstein-Fraktion mit Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen sowie Wählergemeinschaften aus Deersheim und Veltheim. „Wir haben in der Fraktion noch nicht drüber gesprochen“, sagte Fraktionschef Jens Kiebjieß (Bündnisgrüne). Ob jemand aus der Fraktion kandidieren wird? Kiebjieß: „Ich will erstmal nichts ausschließen.“

Ob noch Kandidaten aus der Deckung kommen? Noch ist Zeit, darüber nachzudenken. Ein Kandidat muss keinesfalls schon in der Politik, einer Wählergemeinschaft oder einer Partei sein. Auch Einzelbewerbungen sind möglich.

Gewählt werden soll am 26. September. Ist im Ergebnis eine Stichwahl notwendig, dürfte diese am 17. Oktober stattfinden.