Erinnerungen

Wie die Bücher von Berliner Juden nach Halberstadt kamen

Ein Anruf vor gut drei Jahren mündet jetzt in ein Forschungsprojekt der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt. Es geht um einen besonderen Buchbestand.

Von Sabine Scholz 10.08.2021, 10:16
In alten Munitionskisten verwahrt wurden die Bücher, die nun Forschungsgegenstand werden.
In alten Munitionskisten verwahrt wurden die Bücher, die nun Forschungsgegenstand werden. Foto: Cornelia Mänz

Halberstadt - Sie war auf dem Weg zu einer Tagung, als sie den Anruf erhielt, erinnert sich Jutta Dick. Manfred Wolff rief die Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie an. Er habe ein paar Bücherkisten, ob die in der Akademie untergestellt werden könnten. „Ich habe Ja gesagt und an ein paar Pappkartons gedacht“, sagt Jutta Dick und muss schmunzeln. Was sie bei ihrer Rückkehr vorfand, hatte wenig zu tun mit „ein paar Pappkartons“. Es waren 20 Munitionskisten der Wehrmacht und einige Umzugskarton. Alle randvoll mit Büchern.

„Wir haben dann angefangen zu überlegen, wie wir mit diesem Geschenk umgehen“, sagt Jutta Dick. Schließlich sind es besondere Bücher, wie sich bei einer ersten Sichtung zeigte. Nicht, dass in den grauen, alten und etwas übel riechenden Kisten wertvollste Erstausgaben lagerten. Nein, wie sich zeigte, war darin über Jahrzehnte aufbewahrt, was von den Nazis aus den Wohnungen deportierter und ermordeter Juden geplündert worden war.

Belege für Existenz der ermordeten Verwandten

3500 Bücher und rund 8000 lose Blätter umfasst die Sammlung, die der Unternehmer Manfred Wolff geerbt hat. Wolff hatte die Akademie in Halberstadt mitbegründet. Während eines Praktikums an der Moses-Mendelssohn-Akademie sichtete eine Geschichtsstudentin den Inhalt. Und fand Berührendes.

„Wir haben uns dann mit der Historikerin Irena Strelow in Verbindung gesetzt“, berichtet Jutta Dick. Die begleitete die erste Sichtung, war sofort elektrisiert. „Es ist ein einzigartiger Bestand“, so Strelow. Es sind Romane, Schulbücher, Fachliteratur, Nachschlagewerke, Wörterbücher, Fotoalben, Notenblätter, ein paar Zeitschriften. Es sind vermutlich Bücher, die zu den letzten Gegenständen gehörten, die jüdische Berliner Bürger aus ihren Wohnungen mitnehmen konnten, bevor sie in die von den Nazis als „Judenhäuser“ benannten Wohngebäude zwangsumgesiedelt wurden, erklärt Irena Strelow.

Das, was diesen Bestand so besonders macht, findet sich in den Büchern. Gepresste Blumen, Bilder, Briefe, kunstvoll gestaltete Exlibris, handschriftlich eingetragene Daten, Namen, Jahreszahlen oder Widmungen. Eintragungen, die es ermöglichen könnten, Nachfahren der einstigen Besitzer zu finden. Für Nachkommen von Holocaust-Opfern hätten solche persönlichen Gegenstände einen unschätzbaren, identitätsstiftenden Wert, erklärt Irena Strelow. Denn diese Gegenstände seien oftmals der einzige überlieferte Beleg für die Existenz ihrer ermordeten Verwandten.

Berliner Geschichte(n)

Doch wie kommen Bücher Berliner Juden nach Halberstadt? „Das ist ganz einfach“, sagt Jutta Dick, „über Manfred Wolff.“

Der 1935 in Berlin-Kreuzberg Geborene wuchs als Halbwaise auf, sein Vater zog 1939 in den Krieg, aus dem er nicht zurückkehrte. Seine katholisch getaufte Mutter schlug sich durch, indem sie Lebensmittel aus Schlesien in Berlin verkaufte. Es reichte zum Überleben.

Irgendwann lernte sie Ernst Wolff kennen, einen jüdischen Kaufmann. Der umtriebige Geschäftsmann schaffte es immer wieder, den NS-Behörden und der Gestapo zu entwischen. Doch 1943 musste er untertauchen, Manfred Wolffs Mutter versteckte ihn.

Prägung in einem christlich-jüdischen Haushalt

Nach dem Krieg heirateten die beiden, Ernst Wolff adoptierte den inzwischen neunjährigen Manfred. Der wuchs in einem christlich-jüdischen Haushalt auf, was ihn, wie er berichtet, bis heute präge.

Eine Freundschaft, die Ernst Wolff mit einem jüdischen US-Offizier schloss, führte letztlich zu dem Bücher-Erbe. Die beiden Männer beschlossen Ende 1945, einen Seitenflügel der ehemaligen Synagoge am Kreuzberger Thielsch-Ufer wieder herzurichten. Die Synagoge war bei den Novemberpogromen 1938 schwer beschädigt worden und diente ab Ende 1941 als Lager für geraubte jüdische Besitztümer.

Wenn Juden in die Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden, mussten sie ihren verbliebenen Besitz zurücklassen. Dieser kam dann in die Vermögensverwertung. So auch in Berlin. Zu der Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidiums unterhielt der Berliner Antiquitäten- und Kunsthändler Rudolf Sobczyk enge Beziehungen.

Der hatte den Seitenflügel der Synagoge angemietet, in dem das Oberfinanzpräsidium Hausrat, Möbel und ähnliches einlagerte, die aus den Wohnungen der deportierten Juden beschlagnahmt worden waren. Sobczyk konnte Textilien, Alltagsgegenstände, Möbel und Kunstwerke billig erwerben, berichtet Irena Strelow, die die Rolle des Unternehmers in der NS-Zeit erforscht hat.

Gebetbuch des Vaters gefunden

Nach dem Krieg stießen Wolff und der US-Captain Harry Nowalsky bei Aufräumarbeiten im Synagogenseitenflügel auf einen Raum voll mit Büchern. Diese ließ Ernst Wolff erstmal in Munitionskisten packen. Woher sie kamen, wusste er nicht. Ahnte es aber vielleicht, berichtet Manfred Wolff.

Denn zufällig fand Ernst Wolff auch ein kleines, unscheinbares Buch, ein Gebetbuch. Das Siddur hatte auf der Innenseite des Einbandes eine Inschrift: Adolf Wolff, Stromstraße 20. Es war der Vater von Ernst Wolff. Seine Eltern waren im Januar 1945 im Ghetto Lodz ums Leben gekommen.

Es war wohl dieser Fund, der seinen Vater dazu bewegt hatte, die in den Kisten verpackten Bücher aufzubewahren, mutmaßt Manfred Wolff. Vielleicht in der Hoffnung, auch andere könnten so Familienstücke wiederfinden.

Verbindung nach Halberstadt

Nur ließ der Alltag keine Zeit für Nachforschungen, die Bücher blieben in den Kisten, zogen immer mit um. Auch, als Manfred Wolff das Erbe seines 1963 verstorbenen Vaters antrat.

Die Verbindung nach Halberstadt bekam Manfred Wolff über seine Freundschaft zu Raphael Nussbaum. Ernst Wolff war einer der Beter in der Privatsynagoge der Unternehmerfamilie Nussbaum, die 1934 von Halberstadt nach Berlin gezogen war, „um mehr Ruhe vor den antisemitischen Attacken zu haben“, wie Jutta Dick berichtet. Nussbaums schafften es nach vielen Schwierigkeiten, nach Palästina zu emigrieren. Bei einer Begegnung in Berlin fragte Ernst Wolff Raphael Nussbaum, „ob er der Kleene sei, der immer in der Synagoge herumgerannt sei“, zitiert Jutta Dick aus Gesprächen mit Manfred Wolff.

Der half Raphael Nussbaum nach der Wende, das von den Nazis konfiszierte Eigentum in Halberstadt zurückzubekommen. Beide engagierten sich auch bei der Stiftungsgründung der Moses-Mendelssohn-Akademie. Von daher der Anruf, ob die Bücherkisten in der Akademie einen Platz bekommen könnten. Die Schenkung soll nun endlich wissenschaftlich aufgearbeitet werden.

Reinigung erforderlich

„Wir haben einen Antrag auf Förderung beim Deutschen Zentrum für Kulturgutverlust gestellt“, berichtet Jutta Dick. Das Forschungsprojekt unterstützen zudem Stifter Manfred Wolff, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Moses-Mendelssohn-Stiftung Erlangen und das Land Sachsen-Anhalt.

Immerhin 280.000 Euro sind für das auf zwei Jahre angelegte Projekt erforderlich. Darin enthalten sind die Kosten für die Reinigung und Entsäuerung der Bücher, um sie langfristig zu erhalten.

Für die Reinigung sei eine Ausschreibung erfolgt, der Zuschlag soll in diesen Tagen erteilt werden. Dann können die Munitionskisten auf die Reise gehen. „In dem Unternehmen muss jedes Buch noch einmal in die Hand genommen und auf darin liegende Fotos und ähnliches untersucht werden. Alles, was darin gefunden wird, wird gesondert erfasst und eingetütet, um es später dem Buch wieder zuzuordnen“, erklärt Jutta Dick. Erst dann kann die eigentliche Reinigung beginnen.

Pläne für eine Bibliothek

Sind die Bücher zurück, geht es an die Forschung. In fast jedem zehnten Buch finden sich Einträge. Über Adressbücher und ähnliches soll dann die Suche nach den Besitzern und möglichen Vorfahren erfolgen.

Bleibt die Suche erfolglos, können die Bücher also nicht zurückgegeben werden, sollen die Bände in einer noch zu errichtenden Bibliothek an der Mendelssohn-Akademie aufbewahrt werden.