Rhoden l Vom Plattenweg zwischen Rhoden und Osterode kann man weit in Richtung Niedersachsen sehen. Hornburg mit seiner Burg liegt vor Augen, hinter dem Großen Bruch Seinstedt. Die Landesgrenze liegt in Spuckweite neben dem Weg – erkennbar heute als Ackergrenze.

Vor 50 Jahren war das anders. Damals befand sich der Grenzzaun direkt neben dem Weg, der Plattenweg für die Grenztruppen befestigt – alles bestens bewacht. Dennoch durften auch Einwohner aus Rhoden und Osterode diesen Weg benutzen, allerdings nur im Hellen. Ansonsten hätten die Bewohner für gegenseitige Besuche ja einen Riesenumweg östlich um den Fallstein herum zurücklegen müssen. Fast 30 statt drei Kilometer. Hier an diesem Plattenweg endete die so hoffnungsvoll begonnene Sportkarriere von Uwe Kawitzke (68). Vor 50 Jahren, Ende August 1969.

Talent

Der Rhodener Junge war eine Sportskanone. Sein Talent hatte der heimische Sportlehrer Dietrich Stegemann früh erkannt. Bei Crossläufen lief Kawitzke voraus. Bei Kreisspartakiaden in Halberstadt lag die Spannung nicht darin, ob er eine Medaille gewinnt, sondern wie viele. Was natürlich auch den bei diesen Meisterschaften nach Talenten Ausschau haltenden Trainern auffiel.

Nach der achten Schulklasse in Bühne ging der Rhodener noch kurz in Osterwieck zur Schule, dann wurde er zur Kinder- und Jugendsportschule (KJS) nach Halberstadt delegiert. Eine Kaderschmiede, aus der aus seinem Schuljahrgang zum Beispiel Annelie Ehrhardt hervorging, Olympiasiegerin 1972 im Hürdensprint.

Werfer statt Läufer

Obwohl bis zur KJS seine Stärken eher im Laufen zu liegen schienen, wurde Kawitzke von den Trainern zu den Werfern gesteckt. Sie wussten, dass er sich noch zum Hünen entwickeln würde. „Schon mein Vater und mein Onkel waren über zwei Meter groß.“ Hammer, Diskus, auch Kugelstoßen waren nun seine Disziplinen. „Alles außer Speerwerfen. Dazu war meine Schulter nicht beweglich genug.“

Nach der zehnten Klasse an der KJS wurde Uwe Kawitzke 1967 zum Sportclub Magdeburg delegiert. Parallel begann er eine Lehre zum Rohrleitungsmonteur im SKET, dem größten Schwermaschinenbaubetrieb. Allerdings mit weniger täglichen Arbeitsstunden als ein normaler Lehrling. Denn er musste trainieren. Wie in Halberstadt, wohnte der Jugendliche auch in Magdeburg im Internat. Musste sich praktisch um nichts kümmern außer seinen Sport. Der war anstrengend genug. „25 Tonnen Eisen in zwei Stunden haben wir im Krafttraining gestemmt. Viele sind daran auch kaputt gegangen.“

Potenzial

Mit 18 Jahren stand seine Bestleistung im Hammerwerfen bei 57,80 Meter, erreicht in Leipzig und noch heute in der ewigen Bestenliste von Sachsen-Anhalt nachzulesen. Sechs Wochen nach seiner Bestweite, am 22. Juli 1969, wurde Uwe Kawitzke in den Kreis der Olympiakader des Bezirks Magdeburg zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1972 in München berufen.

Seine Bestweite liest sich aus heutiger Sicht vielleicht nicht überragend. Aber der Rhodener war zu dem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt, die Entwicklung wäre noch gekommen. Wie zum Beispiel bei Joachim Wendt, einem gleichaltrigen Osterwiecker, der ebenfalls Hammerwerfer beim SC Magdeburg war. Er warf 1969 einen Meter weniger als Kawitzke, schaffte später fast 68 Meter.

Fete

An den Wochenenden durften die Magdeburger Athleten nach Hause zu fahren. „Einen Trainingsplan haben wir mitbekommen.“ Ende August 1969 aber gab es daheim am Fallstein unter den Rhodener Jugendlichen etwas zu feiern. „Es ist auch Alkohol geflossen.“ Als es schon dunkel war, meinte ein Freund, in Osterode könne man noch weiterfeiern.

Ins Nachbardorf führte aber nur der zu nächtlicher Stunde „verbotene Weg“. Auf halber Strecke wurden die Beiden von zwei Grenzsoldaten, die neben dem Weg im Gebüsch lagen, erwischt und festgenommen. „Es kam ein Barkas, wir wurden eingeladen, in der Osteröder Kompanie verhört und in den Strafvollzug nach Halberstadt gebracht.“

Unglück

Für die beiden jungen Rhodener waren die Umstände doppelt unglücklich. „Wie ich später gehört habe, waren die in Rhoden stationierten Soldaten, die sonst dort standen, an dem Tag auswärts zum Schießen. Die hätten uns gekannt und wieder gehen lassen.“ So aber blieben die jungen Männer im Gefängnis. Nach einem Vierteljahr wurde Uwe Kawitzke in Halberstadt zu 14 Monaten Haft wegen versuchter Republikflucht verurteilt. „Ich kam dann aber zwei Monate früher auf Bewährung raus.“

An Sport war im Knast nicht zu denken. „Ich konnte nicht abtrainieren.“ Schäden habe er aber nicht davongetragen. „Es gab eine Stunde Freigang am Tag.“ Uwe Kawitzke sieht es als Glück im Unglück an, dass er seine Zeit in Halberstadt absitzen konnte. „Es gab keine Schikane. Tagsüber haben wir in einer Werkstatt gearbeitet.“

Beschränkung

Die Beschränkungen waren nach seiner Haft aber noch nicht vorbei. „Ich durfte mich drei Jahre nicht in einem Grenzkreis aufhalten.“ Also nicht in Halberstadt, Wernigerode oder Oschersleben, auch nicht in Berlin. Als 1971 in Osterwieck seine Tochter geboren wurde, musste er dafür extra einen Passierschein beantragen.

Nach der Zeit im Gefängnis zog Uwe Kawitzke nach Magdeburg, konnte hier auch seine Lehrausbildung beenden. Mit dem Leistungssport aber war es vorbei. „Ich durfte nur noch national starten.“ Sich dafür zu schinden, fehlte ihm die Motivation.

Aufenthaltssperren

Er musste auch noch seine Armeezeit leisten. In den eineinhalb Jahren bei den Pionieren in Eggesin blitzte sein sportliches Talent noch einmal auf. Er qualifizierte sich 1975 für das DDR-Finale beim leichtathletischen Fernwettkampf der Armeesportvereinigung.

Nach den Aufenthaltssperren zog Uwe Kawitzke nach Osterwieck, wo er sportlich noch etwas Handball spielte, beruflich im Gleitlagerwerk und beim Kohlehandel arbeitete. „Da habe ich 15 Tonnen am Tag geschleppt.“ Danach ging er nach Berlin zum Autobahnbau. Erst seit zwölf Jahren lebt Uwe Kawitzke mit seiner Frau wieder in Rhoden, wo er aus einer großen Familie mit sechs Geschwistern stammt.

Und die Geschichte will es so, dass er heute ausgerechnet am Beginn jenes verhängnisvollen Plattenweges nach Osterode wohnt. Uwe Kawitzke hat damit längst abgeschlossen. „Die DDR hat mir später keine Steine mehr in den Weg gelegt.“ Auch deshalb ist er heute nicht verbittert, sondern hat seinen Humor behalten. Ob er es zu den Olympischen Spielen geschafft hätte? „Vielleicht. Ich werde es nie wissen.“