Schlanstedt l „Mein Eltern hatten ein Kolonialwarengeschäft in Aderstedt“, erzählt Marlies Becker. In jedem April erinnert sich die heute 85-Jährige, die seit 1955 in Schlanstedt lebt, aufs Neue an die Ereignisse des 11. April 1945, als die Amerikaner in Aderstedt einmarschierten.

„Es tut sich was, man hört von Pabstorf Panzergeräusche“, hatte Elsbeth, die Hausangestellte morgens berichtet. „Uns war klar, wie ernst die Lage war“, berichtet Marlies Becker heute. Sie könne sich noch genau erinnern. Sie habe in der kleinen Stube den Ofen angemacht, um das Hitler-Bild zu verbrennen. Weil jedoch die Sonne auf den Schornstein drückte, wollte das Feuer nicht brennen. Auch die verdächtigen Bücher „Mein Kampf“ und „Hitlers Familie“ sollten verschwinden. Die Fahne hatte die Zehnjährige schon einige Tage zuvor im Garten vergraben.

Spieß will noch Kuchen backen

Inzwischen hatten die amerikanischen Panzer Aderstedt umringt. „Ich brachte Mamas Wintermantel, die Geldkassette und Federbetten vorsorglich in unseren Luftschutzkeller.“ Der Laden der Eltern war noch offen und die junge Marlies bediente die Kundschaft. Darunter war der Spieß (Kompaniefeldwebel) der Wehrmachtseinheit, die seit einigen Tagen in Aderstedt lag. Er wollte Backzutatenkaufen, um noch Kuchen zu backen, bevor die Einheit weiterzog. Er habe gemeint, das noch gut zu schaffen, weil die Amerikaner erst in Braunschweig seien. „Ich schaute in diesem Moment von der Kasse aus durchs Schaufenster auf die Straße und sah einen Amerikaner in voller Montur mit Gewehr in der Tür von Möhrings Hof stehen“, sagt Marlies Becker. Sie habe dem Spieß entgegnet, dass der Amerikaner doch schon da sei.

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Einige der offensichtlich völlig überraschten deutschen Soldaten hätten die Flucht in verschiedene Richtungen ergriffen, andere das Feuer eröffnet. Die Bewohner des Gebäudes – im Haus lebten nur Frauen und Kinder, der Vater war schon seit 1939 im Krieg – sowie einige Kunden hatten sich in den Luftschutzkeller begeben. „Unser Haus bekam einige gezielte Brandbomben ab und viele kleine Geschosse. Es hat sich angehört, als fällt über uns alles zusammen.“

Weiße Fahne aus Kopfkissen

In einer kleinen Feuerpause sei die Mutter rasch in die Stube gelaufen, um eine weiße Fahne zu hissen, sie benutzte dafür einen Krückstock und ein Kopfkissen. Der kleinen Marlies fielen die Bücher ein, die immer noch nicht verbrannt waren und sie malte sich schon aus, wie sie abgeführt wird ...

„Die Brandbombe war in Frau Wolffs Speisekammer gelandet, die meisten Einweckgläser waren kaputt und Braunkohl, Erbsen, Bohnen und Kirschen hingen an den Wänden und der Decke. Fast alle Fensterscheiben waren kaputt, auch die drei Schaufenster und alle Auslagen. Möbel und Federbetten waren zerschossen, die Federn stoben herum und alles war mit einer dicken Schicht rosa Staub überzogen.“ Einige Wände wackelten. Immerhin: „Meine Bücher waren verschwunden“, hatte die Zehnjährige erleichtert registriert.

Das Feuer im Haus wurde gelöscht. Mit Holzbrettern aus der Zuckerfabrik wurde alles notdürftig repariert. Ehemalige Kriegsgefangen haben der Familie sofort geholfen, das Hausdach zu reparieren und zudem verhindert, dass das Haus geplündert wird. „Sie hatten offensichtlich nicht vergessen, dass meine Mutter ihnen öfter geholfen hat.“

Insgesamt vier Soldaten sind bei den Kampfhandlungen erschossen worden. Noch viele Jahre lang konnte das Mädchen vor Angst nicht einschlafen und noch heute, als Seniorin, sorgt jede Sirene dafür, dass für Marlies Becker die Ereignisse vom 11. April 1945 wieder gegenwärtig sind.

16-jähriger Soldat

Aus anderer Perspektive hat Alfons Wilmers den Einmarsch der Amerikaner am 11. April 1945 erlebt. Der damals 16-Jährige war Flakhelfer und gehörte zu genau dieser Wehrmachtseinheit, die von den Amerikanern überrascht worden war. Die Deutschen befanden sich auf dem Weg nach Osten und hatten in Aderstedt einen Zwischenstopp eingelegt.

„Wir waren insgesamt elf gleichaltrige Kameraden und haben uns auf dem Dachboden des Möhring-Hofes versteckt und vorsorglich sogar die Leiter hochgezogen“, berichtet Wilmers. An Flucht sei nicht zu denken gewesen. Erst am Abend haben sich die Jungen ergeben, sind einzeln und ganz langsam die Treppe heruntergestiegen. „Das Mündungsfeuer des Amerikanischen Panzers war die ganze Zeit auf uns gerichtet.“

Für den jungen Alfons Wilmers war an diesem Tag der Krieg zu Ende, er kam in Gefangenschaft. 2017 ist Wilmers, der in Coesfeld lebt, mit seiner ganzen Familie nach Aderstedt zurückgekehrt, an den Ort, an dem am 11. April die Amerikaner einmarschiert waren.

„Wir haben von diesen jungen Soldaten nichts gewusst“, bedauert Marlies Becker. Sofort, nachdem sie 2017 vom Schicksal der Flakhelfer erfahren habe, habe sie Kontakt zu Alfons Wilmers gesucht, der bis heute nicht abgerissen sei.