Hohe Börde l „Was der Ölbaum für den Süden, soll Holunder für die Börde sein“ – unter dieser Überschrift berichtete die Volksstimme am 24. Januar 2006 erstmals über eine Idee, in der Hohen Börde den Holunder in den Mittelpunkt zu rücken. Vor dem Hintergrund des neuen EU-Förderprogramms ILEK (Integriertes Ländliches Entwicklungskonzept) wollte der Heimat- und Kulturverein Niederndodeleben-Schnarsleben damals unter dem Motto „Die schwarze Perle der Hohen Börde“ ein Projekt entwickeln.

„Früher wurde eigentlich alles, was der Holunder hergab, verarbeitet. Aus der Rinde wurde Wundsalbe hergestellt, den Beeren sagt man blutreinigende Wirkung nach. Früher galt der Holunderbaum mit seinen vitamin- und mineralhaltigen Früchten als wahre Bauernapotheke. Wein, Saft, Sekt, Schnaps, Tee und Kuchen entstanden aus den dunklen Früchten des Holunderbuschs, der auch als Flieder- oder Keitschbaum bekannt ist“, wusste Ursula E. Duchrow-Buhr schon damals beim Auftakt zu berichten. Und dennoch war der Anfang damals nicht ganz einfach, denn für viele galt der Holunder gerade in der Börde mit seinen hochwertigen Böden als Unkraut. Heute jedoch können alle, die vor zehn Jahren daran geglaubt haben, mit Stolz behaupten, dass es gelungen ist, den Holunder zu einer Marke zu entwickeln.

Identitätsfaktor für gesamte Hohe Börde

„Uns war es damals wichtig, einen Identitätsfaktor für die gesamte Hohe Börde zu finden. Da die Orte sich kaum kannten, brauchten wir ein Thema, das verbindet und auch Jung und Alt anspricht“, blickt Ursula E. Duchrow-Buhr zurück. Zu der Identitätsstiftung entwickelte sich nach und nach auch die Strahlkraft eines kulturellen und touristischen Markenzeichens nach außen. „Inzwischen kennt nahezu jeder den Holunder“, weiß Rathaussprecher Maik Schulz.

Nachdem der Holunder im Jahr 2006 erstmals beim Tag der Regionen eine besondere Rolle spielte, ist es mit vielen kleinen Meilensteinen gelungen, den Holunder in der Hohen Börde Jahr für Jahr ein bisschen mehr in den Fokus zu rücken. So wurde zum Beispiel gleich die erste Publikation „Holunder aus Feld und Flur“ nachgeschoben.

Das Jahr 2007 stand dann im Zeichen der Eröffnung des Holunder-Kontors in Niederndodeleben und der Premiere des Holunderblütenfestes. „Damals haben wir auch eine Backshow der Frauen aus den Dörfern der Hohen Börde veranstaltet“, erinnert sich Ursula E. Duchrow-Buhr. Ein Jahr später gründete sich dann die Landfrauengruppe der Hohen Börde, die den Namen „Holli-Holler“ trägt. Seit 2009 stehen 100 Holunderbüsche in der Holunderplantage „Elfenwiese“ in Brumby. Das Niederndodeleber Holunder-Kontor wurde stetig erweitert, beispielsweise durch eine Schauküche und die Hofgalerie. Die Holunderblütenfest werden kontinuierlich fortgeführt und auch in der Süßen Tour haben die Köstlichkeiten aus Holunder inzwischen einen festen Platz.

„Selbst in Vals in der Schweiz, wo wir im September 2014 zur Verleihung des Europäischen Dorferneuerungspreises waren, haben sich alle unsere Holunderhäppchen schmecken lassen“, sagt Maik Schulz und vergisst auch nicht, dass inzwischen das Holundersymbol auch Radfahrer an den Holunderradwegen durch die Hohe Börde leitet. „Der Holunder spricht Magen und Herz an und das hilft uns bei der Vermarktung.“

Falsche Verarbeitung

Den Initiatoren ist es gelungen, die Aufmerksamkeit für die Natur zu wecken und zu vermitteln, dass die Börde mehr ist als nur Acker. Das Projekt „Holunder“ hat sowohl eine pädagogische, als auch eine geschichtliche Wirkung. „Wenn sich die Leute um die Natur sorgen, kümmern sie sich auch um ein altes Kulturgut“, erklärte Gemeindebürgermeisterin und Landfrau Steffi Trittel, die auch genau weiß, dass die Vorurteile bezüglich des Holunders ihren Ursprung in der falschen Verarbeitungsweise haben. Die Blüten und Früchte müsste eben zur richtigen Zeit geerntet werden. Die Holunderblütenerntezeit ist Ende Mai bis in den Juni hinein, die Beeren werden von Mitte September bis Mitte Oktober geerntet.

Wollten die Ideengeber anfangs alte Traditionen bewahren und den alten Wissensschatz bekannt machen, so können sie heute auch auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse bauen. Und sie wollen sich keinesfalls künftig auf den Lorbeeren ausruhen und auf der Stelle treten. „Wir machen immer neue Erfahrungen in unserem Holunder-Kontor und beschäftigen uns intensiv weiter mit der Thematik“, berichtet Ursula E. Duchrow-Buhr nicht ohne Stolz, die Idee damals trotz einiger Widerstände weiterverfolgt zu haben.

Es gibt Bestrebungen, den Holundergedanken überregional in Europa und vielleicht darüber hinaus auszubauen. Als transnationales Projekt. So hat Steffi Trittel jüngst auf der Grünen Woche in Berlin die Gelegenheit genutzt, Kontakte nach Senegal zu knüpfen. „Wir wollen Holunder dort als Entwicklungspflanze etablieren und als Landfrauen Hilfe zur Selbsthilfe leisten“, so Steffi Trittel. Regional ist noch für dieses Jahr der Bau des Holunder-Verlobungsweges zwischen Wellen und Irxleben angedacht. Der Name passt, schließlich hatte in der Literatur der Holunder immer etwas mit der Liebe zu tun. Ursula E. Duchrow-Buhr hat außerdem eine neue Broschüre in der Vorbereitung, in der es um Köstlichkeiten aus Holunder geht. Sie beleuchtet ebenfalls eine soziale Komponente, denn das gute Selbstgemachte aus Holunder regt auch zum Beisammensein an.

Im Fazit sind sich Ursula E. Duchrow-Buhr, Steffi Trittel und Maik Schulz einig, dass das Holunder-Projekt ein gutes Beispiel dafür ist, dass ehrenamtliche Akteure und Politik gemeinsam etwas vorantreiben können, wenn sie es akribisch verfolgen. „Fällt das Wort Holunder, denkt man an die Hohe Börde“, fasst Ursula E. Duchrow-Buhr zusammen.