Abriss

Abschied von der alten Hortbaracke

Für die Hortbaracke in Süplingen hat jetzt das letzte Stündlein geschlagen: Am 4. Juni 2019 soll sie abgerissen werden.

Von Julia Schneider

Süplingen l Für den Außenstehenden ist es nur ein winziges Häuschen, das ein bisschen in die Jahre gekommen ist – eine Baracke eben. Für die Süplinger ist ihre Hortbaracke aber so viel mehr. Generationen von Dorfbewohnern sind hier zur Schule gegangen, hatten Chemieunterricht, wurden im Hort betreut oder haben hier ihre Jugendweihe gefeiert. Wie wichtig die Hortbaracke vielen Süplingern war, wurde am gestrigen Freitag sichtbar.

Denn der Hort hatte eine Zusammenkunft veranstaltet, zu der jeder kommen konnte, der die Hortbaracke noch einmal sehen wollte. Das Haus wird nämlich am 4. Juni 2019 abgerissen. Damit entsteht Baufreiheit für eine neue Kindertagesstätte, die auf dem Gelände der alten Kita gebaut werden soll. Dass das Ende der Hortbaracke nicht gleichzeitig auch das Ende eines Hortes in Süplingen bedeutet, dafür hatten die Süplinger lange gekämpft. Zunächst hatte es nicht so ausgesehen, doch letztlich wurde nach monatelangem Hin und Her eine Übergangslösung gefunden: Solange die Stadt Haldensleben noch prüft, ob der Hort in das alte Kitagebäude einziehen kann sobald die Kita in ihr neues Haus zieht, werden die Kinder im Büro der Bürgermeisterin sowie im Haus der Vereine betreut.

Dorthin sind die Hortkinder auch schon umgezogen. Seit vergangenem Montag werden sie in den beiden Gebäuden betreut, die mit kleinen Arbeiten für die Mädchen und Jungen hergerichtet worden waren. Der Umzug sei von den Mitarbeiterinnen innerhalb weniger Tage vollzogen worden, berichtet Hort- und Kita-Leiterin Evelyn Clare. Das neue Domizil sei in Ordnung – es sei auch gemütlich und die Kinder hätten es dort gut.

„Trotzdem hängen an unserer Hortbaracke natürlich viele Erinnerungen. Viele Süplinger sind hier noch zur Schule gegangen oder haben selbst als Lehrer oder Erzieher hier gearbeitet“, sagt Evelyn Clare. „Deshalb wollten wir den Leuten im Ort die Möglichkeit geben, noch ein letztes Mal in die Räume zu gucken, bevor sie nicht mehr da sind.“ Die Süplinger machten von dieser Möglichkeit auch Gebrauch und kamen bei einer Tasse Kaffee sehr schnell ins Gespräch.

So wusste eine Einwohnerin zu berichten, dass ihr Ehemann 1955 als Fünftklässler mitgeholfen hatte, die Baracke an ihrem alten Standort in Steinbruchnähe abzubauen, bevor sie zum heutigen Standort gebracht wurde. Denn ursprünglich diente die Baracke als Aufenthaltsort für Aufseher des Gefangenenlagers, das zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges in Süplingen existierte.

Nach 1945 war die Schülerzahl in Süplingen auf 176 gestiegen – viele der Kinder waren Flüchtlingskinder. Die Schüler wurden in zwei verschiedenen Räumen im Ort unterrichtet, erst 1950 kam durch den Bau des Kindergartens ein dritter Schulraum hinzu, der sich im Dachgeschoss des Hauses befand. 1955 wurde die Baracke umgesetzt und am 13. März in Betrieb genommen – so wurden zwei neue Schulräume und ein Lehrerzimmer geschaffen.

1970 fing beispielsweise Inge Ulrich als junge Lehrerin in Süplingen an. Sie war damals 19 Jahre alt, Ingolf Butge war 8 Jahre alt und kann sich noch gut erinnern, denn er war Schüler in Inge Ulrichs erster eigenen Klasse. Von einem Chemieraum in der Baracke erzählen die ehemaligen Schüler, die sich am gestrigen Freitag treffen, von einem Plumpsklo, Sportunterricht auf dem Hof, Mäusen im Lehrerzimmer und Klassenfotos auf der Kita-Treppe. Als schließlich immer mehr Zentralschulen gebildet wurden, wurden auch immer mehr Schüler aus Süplingen abgezogen und in Haldensleben beschult. 1979 wurde der Schulbetrieb im Ort schließlich ganz eingestellt.

Der Hort blieb aber und hielt sich bis heute. Wenn am 4. Juni die Hortbaracke abgerissen wird, geht eine Ära zuende. Immerhin haben die Süplinger sich noch einmal gebührend verabschiedet – ihre Erinnerungen an das Haus und die Zeit darin leben sowieso fort.