Haldensleben l Um 6 Uhr begann gestern an sämtlichem Ameos-Standorten ein unbefristeter Streik. Damit wollen die Mitarbeiter Druck auf den Arbeitgeber ausüben, sich für Tarifverhandlungen zu öffnen. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Vergütung, sondern auch um die medizinische Versorgung. Denn die Geschäftsführung drohte immer wieder mit Schließungen von Kliniken.

Noch während der ersten Streikstunden erreichte die Ameos-Mitarbeiter die Neuigkeit, dass Lars Timm, Regionalgeschäftsführer Ost von Ameos, den privaten Klinikbetreiber verlässt. Für Gewerkschaft und Betriebsräte ist das ein erstes Zeichen zur Hoffnung. „Wir haben heute Morgen gejubelt“, sagt André Franz, Betriebsratsvorsitzender für die Haldensleber Mitarbeiter. „Es ist ein erster Schritt. Wir werden sehen, was nun folgt.“ Auch für Verdi kam die Meldung überraschend. „Wir hoffen auf die Gesprächsbereitsschaft der Arbeitnehmer“, sagt Falk Ludwig, Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Gesundheit, Wohlfahrt, Kirche und Soziales.

Morgens marschierten die Streikenden von der Klinik in der Kiefholzstraße zu den Räumlichkeiten des Haldensleber Sportclubs, die sie als Streiklokal nutzten. Am Mittag liefen die etwa 70 Streikenden – in ganz Sachsen-Anhalt waren es 600 – zu einer Kundgebung auf dem Markt. „Es ist unbeschreiblich, unter welchen Zuständen ihr hier arbeitet“, sagte Philipp Motzke, Gewerkschaftssekretär von Verdi Thüringen. „Mit eurer Arbeit sollte kein Gewinn mehr gemacht werden.“

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Auch Sabine Wendler, Haldenslebens stellvertretende Bürgermeisterin, griff zum Mikrofon. „Ich kann Ihnen meine Sympathie versichern und Mut machen, sich für Ihre Rechte einzusetzen. Halten Sie durch“, sagte sie und erhielt Applaus. Der Stadtratsvorsitzende Guido Henke sprach für die Partei „Die Linke“ im Stadtrat, dem Kreistag und dem Landtag: „Wir stehen hinter Ihnen und wollen uns solidarisch zeigen – auf allen Ebenen.“ Katharina Zacharias, Haldensleber Stadträtin und stellvertretende SPD-Landesvorsitzende, wies auf einen Antrag zur Krankenhauslandschaft vom Wochenende hin, wonach es keine Privatisierungen von Krankenhäusern mehr geben dürfte.

Notfallversorgung steht

Während der unbefristeten Streiks wird die Notfallversorgung im Haldensleber Klinikum aufrecht erhalten. „Wir setzten die Notdienstvereinbarung um, die Geschäftsführung hat sich dagegen gewehrt“, sagt Falk Ludwig. Das bedeutet, dass die Kliniken derzeit wie an Sonn- und Feiertagen besetzt sind. Die Patienten werden weiterhin umsorgt. Die Mitarbeiter sorgen eigenverantwortlich für den Ablauf in der medizinischen Einrichtung.

Noch bevor Lars Timm seinen Posten verlor, drohte er mit 800 Kündigungen – 200 davon am Standort in Haldensleben. Das würde verheerende Folgen haben. „Am Standort arbeiten etwa 450 Mitarbeiter. Wir würden knapp die Hälfte der Belegschaft verlieren“, sagt André Franz. Damit müsste einer der beiden Bereiche des Klinikums – die Psychiatrie oder die Somatik – geschlossen werden.

Indes ist das geplante Gespräch zwischen Betriebsräten und dem ehemaligen Regionalgeschäftsführer Lars Timm, zu dem Landrat Martin Stichnoth (CDU) geladen hat, ungewiss. Dieses sollte am heutigen Dienstag stattfinden. Die Betriebsräte ließen bereits im Vorfeld verlauten, dass sie ohne die Gewerkschaft Verdi nicht an dem Gespräch teilnehmen werden. Lars Timm ist ausgeschieden. „Wir gehen weiter davon aus, dass das Gespräch stattfindet“, sagt Uwe Baumgart, Pressesprecher des Landkreises, gestern auf Volksstimme-Nachfrage.

Der Streik könnte durchaus einen längeren Zeitraum andauern. Auf rund 15 Wochen Streik sei die Gewerkschaft vorbereitet. Erst wenn sich Ameos mit Verdi an einen Tisch setzt, würden die Angestellten wieder ihre Arbeit aufnehmen.

Auch heute werden die Klinik-Mitarbeiter streiken. Um 6 Uhr treffen sie sich an der Klinik, um 12 Uhr ist eine Kundgebung geplant.