Wedringen l Zusammengekauert in Embryonalhaltung wirken die menschlichen Überreste beinahe schon mitleiderregend. Nur wenige Meter von der B71 entfernt hat das Skelett vermutlich Jahrtausende unter der Erde gelegen, bis es nun durch archäologische Ausgrabungen im Zuge der Bauarbeiten zur Ortsumgehung B71n ans Tageslicht gekommen ist. Fest steht, dass der Fund aus vorchristlicher Zeit stammt, worauf laut Grabungsleiterin Judith Blödorn die Nord-Süd-Ausrichtung hinweist, entgegen späterer christlicher Ost-West-Bestattungen.

Auf das hohe Alter lässt auch eine sogenannte Störung schließen, wie die Archäologin erklärt: „Das Grab wird von einer darüberliegenden Grube geschnitten, in der wir viele verzierte Keramikscherben gefunden haben. Diese lassen sich der Trichterbecherkultur (Jungsteinzeit; etwa 4200 bis 2800 v. Chr. – Anm. d. Red.) zuordnen.“ Durch die sogenannte „relative Datierung“ lässt sich folgern, dass das Skelett älter als die Keramik-Funde sein muss. Eine genauere Altersbestimmung können jedoch erst Radiokarbon-Analysen liefern.

Angst vor Raubgräbern

Bezüglich der Haltung des Skeletts erklärt die Grabungsleiterin: „Wir haben es hier mit einem sogenannten Extremhocker zu tun. Das lässt vermuten, dass der Leichnam zusammengeschnürt wurde, da die Extremitäten nach der Leichenstarre sonst wieder auseinander gefallen wären.“

Bilder

Auch eine mögliche Deutung dieser, zumindest für heutige Verhältnisse martialisch anmutenden Bestattungsweise hat die Grabungsleiterin parat: „Vielleicht hatte man Angst davor, dass dieser Mensch nach seinem Tod wiederkommt. Womöglich hat man ihn für Ernteausfälle oder andere Umwelteinflüsse verantwortlich gemacht und ihn für einen Hexer gehalten.“ Ähnliche, auf einem solchen Aberglauben basierende Bestattungsrituale finden sich auch heute noch bei einigen Naturvölkern. Blödorn fügt jedoch umgehend hinzu: „Da es keine schriftlichen Aufzeichnungen aus dieser Zeit gibt, bleiben das nur Spekulationen.“ Grabbeigaben wurden indes nicht entdeckt. Wohl aber vereinzelte Knochen von drei bis vier weiteren Menschen. Diese sind in einem schlechten Zustand. „Der Boden hier konserviert sehr schlecht. Es ist ein saures Milieu, welches die kalkhaltigen Knochen stark zersetzt“, beschreibt Blödorn das Problem.

Nachdem die Knochen freigelegt, fotografiert und das Umfeld genau beschrieben wurde, beeilen sich die Grabungsmitarbeiter mit der Bergung, denn die Angst vor möglichen Raubgräbern ist hoch: „Da ist extreme Vorsicht geboten. Hier hatten wir dieses Problem zwar noch nicht, aber der Diebstahl von archäologischen Fundsachen geschieht leider häufig. Ich habe es selbst schon an anderen Ausgrabungsstellen erleben müssen. Dadurch gehen unwiderruflich wertvolle Informationen verloren“, bedauert Blödorn.