Haldensleben l Ein „Feierabend-Bierchen“, ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, ein Schnaps nach dem Essen im Restaurant: Dass erwachsene Menschen Alkohol trinken, ist in unserer Gesellschaft ziemlich verbreitet und wird als normal angesehen. Es gibt aber Personen, bei denen wird der Alkoholkonsum früher oder später zum großen Problem. Meistens merken sie selbst das erst, wenn sie die Kontrolle über das Wann, das Wieviel und das Warum des Alkoholtrinkens längst verloren haben.

„Familienangehörige, Freunde oder Kollegen kriegen das Problem oft schon viel eher mit“, sagt Reinhard Bürger. Seit vielen Jahren leitet er nun bereits die Haldensleber Gruppe des „Blauen Rings“ – eine christliche Selbsthilfegruppe, die sich an alkoholkranke Menschen richtet und die schon seit 1983 besteht. Als Reinhard Bürger davon spricht, dass oft auch die Familie – die Partner und Kinder – unter einem Alkoholiker leiden, nicken die übrigen Mitglieder zustimmend. Derzeit ist es ein Stamm von rund 30 Personen, die zu den wöchentlichen Treffen der Selbsthilfegruppe kommen. Dazu gibt es noch jene, die sich unregelmäßiger blicken lassen. Eigentlich jeder der Teilnehmer war schon „ganz unten“ angekommen, bevor er freiwillig den Weg aus der Sucht wählte.

Ohne eigenen Willen geht es nicht

„Ich hatte einen Motorradunfall, weil ich betrunken war“, erzählt ein Mitglied. Ein anderer Mann berichtet davon, dass er vom vielen Alkohol das Bewusstsein verlor – seine Frau fand ihn und alarmierte den Rettungsdienst. Als der Alkoholkranke im Krankenwagen wach wurde, wusste er: „So kann es nicht weitergehen“. Umgangssprachlich gesagt sei er Quartalstrinker gewesen, berichtet das Gruppenmitglied. Wochenlang sei er abstinent gewesen, dann habe er plötzlich wieder tagelang getrunken. Beim Alkoholismus gibt es die verschiedensten Typen. Einschneidende Erlebnisse hatten viele der Gruppen-Mitglieder. Bis die Selbsterkenntnis zutage trete, dass man krank ist und Hilfe braucht, könnten Reinhard Bürger zufolge Jahre vergehen. „Aber ohne den eigenen Willen, aus der Abhängigkeit herauszukommen, geht es nicht“, sagt er.

Gemeinsam mit Gründungsmitglied Siegmund Heyme, der früher Gruppenleiter war, eröffnet Bürger jede der wöchentlichen Sitzungen. Meist gibt es zur Einstimmung Worte der Andacht. Die Gruppe ist christlich geprägt und trifft sich immer donnerstagabends im Haus der evangelischen St. Marien-Gemeinde, Gärhof 7. „Aber man muss nicht kirchlich sein, um hierher zu kommen“, sagt Siegmund Heyme. Ob jemand das Vater-Unser mit bete oder nicht, sei jedem selbst überlassen.

Suchtgruppe hilft

Die Selbsthilfegruppe richtet sich ausschließlich an Alkoholiker. „Aber wir schicken natürlich niemanden weg, der eine andere Sucht hat“, stellt Reinhard Bürger klar. So kamen schon mehrfach Drogensüchtige oder auch Spielsüchtige zu den Treffen der Gemeinschaft. „Wir haben sie dann an besser geeignete Ansprechpartner vermittelt“, sagt der Gruppenleiter. Denn auch wenn alle Süchte nach ähnlichen Schemata ablaufen, seien sie sehr unterschiedlich. Trotzdem gibt es in der Suchtgruppe ein Mitglied, das keine Alkoholprobleme hatte, sondern süchtig nach anderen Drogen war. Die Frau hat sich in der Gemeinschaft so gut aufgehoben und angenommen gefühlt, dass sie dort geblieben ist und regelmäßig zu den Treffen kommt.

„Es geht bei uns sehr familiär zu“, sagt Reinhard Bürger. Dazu gehöre nicht nur, dass die Mitglieder sich untereinander mit Vornamen ansprechen, sondern auch, dass niemand für seine Geschichte verurteilt werde. Das gelte auch bei einem Rückfall. „Ganz geheilt ist man von einer Alkoholsucht nie. Bestimmte Ereignisse im Leben können immer dazu führen, dass man rückfällig wird, egal wie lange man trocken ist“, weiß Reinhard Bürger. In der Selbsthilfegruppe kommen Menschen zusammen, von denen einige seit über 25 Jahren keinen Alkohol mehr angerührt haben, andere sind erst seit dem vergangenen Jahr abstinent.

Was sie eint: Sie wollen ihr Leben alle ohne den Alkohol meistern, der bereits viel Unheil über sie gebracht hat. Jedes der Gruppenmitglieder hat eine Telefonliste mit den Nummern der anderen – in brenzligen Situationen können die Worte der anderen helfen, durchzuhalten.

Die christliche Suchtgruppe des „Blauen Rings“ ist auch unter Haldensleber Ärzten sowie bei Drogen- und Suchtberatungsstellen bekannt. Sie vermitteln häufiger Patienten in die Selbtshilfegruppe. Denn die Fachleute wissen, dass es Betroffenen vor allem hilft, wenn sie mit Leidensgenossen sprechen können.