Gemeindezentrum

Das neue „Wohnzimmer“ in Rätzlingen ist für alle offen

Es ist vollbracht. Aus der alten Pfarrscheune in Rätzlingen ist ein Gemeindezentrum entstanden. Immer wieder hat es in den vergangenen fünf Jahren aus unterschiedlichsten Gründen Bauverzögerungen gegeben. Die Gemeindekirchenräte und ihre Unterstützer haben nun die Einweihung des neuen Domizils gefeiert.

Von Anett Roisch
Pfarrerin Rabea M. Reinhold und Norbert Sierig, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Rätzlingen, zeigen historische Fotos von der Kirche und von Max Ebeling, dem Namensgeber des neuen Gemeinde- und Kulturzentrums in Rätzlingen.
Pfarrerin Rabea M. Reinhold und Norbert Sierig, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Rätzlingen, zeigen historische Fotos von der Kirche und von Max Ebeling, dem Namensgeber des neuen Gemeinde- und Kulturzentrums in Rätzlingen. Foto: Anett Roisch

Rätzlingen - „Wir sind sehr froh, dass dieses große Bauvorhaben nun doch ein glückliches Ende gefunden hat und wir uns dann wieder anderen Sachen zuwenden können“, sagte Norbert Sierig, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Rätzlingen. Der Rätzlinger begrüßte die Runde aus Vertretern des Kirchengemeindeverbandes Rätzlingen mit Kathendorf, Bösdorf, Lockstedt, Everingen und Seggerde sowie der Kirchengemeinden Flechtingen, Wegenstedt und Etingen im Haus der Begegnung „Max Ebeling“.

Pfarrerin Rabea M. Reinhold bedauerte, dass die zuvor groß geplanten Einweihungsfeiern mit Kindern, Vereinen und Vertretern aus der politischen Gemeinde, immer wieder verschoben werden mussten. „Jetzt haben wir eine kleinere Variante, zu der wir die altgedienten gemeindlichen Räte, die das Vorhaben auf den Weg gebracht hatten, und die jetzigen Räte aus dem gesamten Pfarrbereich willkommen heißen“, sagte die Pfarrerin. Sie bezeichnete das neue Haus sinnbildlich als Gottes neues Wohnzimmer.

„Fünf Jahre ist es her, dass wir den Beschluss gefasst haben, dieses Gemeindezentrum zu bauen“, sagte Jörg Lauenroth-Mago, der im kirchlichen Beirat das Vorhaben begleitete. Der Rätzlinger zeigte den Gästen an der Kaffeetafel Fotos vom Baugeschehen. Seiner Ansicht nach war es damals eine sehr kluge Entscheidung, das alte Pfarrhaus zu verkaufen. Das Pfarrhaus sei ein Fass ohne Boden. Die Sanierung des alten Backsteinhauses sei nur gelungen, weil es sich eine Familie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht habe. 

Allein mit eigenen Mitteln hätte die Kirchengemeinde das Projekt, die Scheune in ein Gemeindezentrum zu verwandeln, nie umsetzen können. Öffentliche Fördermittel mussten her. So kam die Idee, das Gebäude für alle Menschen der Region zu öffnen und so das Dorfleben zu bereichern. 2018 kam der Zuwendungsbescheid für Leader-Fördermittel in Höhe von 240.000 Euro. Das Leader-Geld und die Eigenmittel reichten nicht. Vom Kreiskirchenamt aus Magdeburg habe es grünes Licht und finanzielle Unterstützung gegeben.

Kirchenkreis hat geholfen

„Bei so einem Bau gibt es nicht nur schöne Erlebnisse . Anfang 2019 bekamen wir die Botschaft, dass wir 100 000 Euro Mehrkosten haben. Da lagen wir ziemlich am Boden“, erinnerte sich Lauenroth-Mago. Dann kam Hilfe von Dieter Kerntopf, Pfarrer im Ruhestand und Mitglied im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Kerntopf habe nicht nur Erfahrungen bei Bauvorhaben, sondern gab den Akteuren Zuversicht. Und auch Gemeindepädagoge Karl-Michael Schmidt sowie Karl Baumann und Eberhard Krull vom Kirchenrat kümmerten sich bei Baubesprechungen um das Vorhaben. 2019 habe es noch eine weitere Horrormeldung gegeben. Anders als es geplant war, musste viel erneuert werden. Nur ein Balken konnte erhalten werden. Ein Feiertag sei es gewesen, als Leader die Fördersumme auf 270.000 Euro erhöhte.

Doch dann war plötzlich Baustopp. Alles musste dokumentiert werden. Als es auf der Baustelle weiter gehen sollte, kam die Corona-Pandemie, die weitere Bauverzögerungen zur Folge hatte. Am Ende wurde doch alles gut. Etwa 430.000 Euro wurden insgesamt mit Inventar investiert. Die noch fehlende Kaffeemaschine und die Vasen für den Altar gab es als Geschenk von den Kirchengemeinden, Etingen, Wegenstedt und Flechtingen.

Auch die Einheitsgemeinde habe Geld zugesteuert. Es konnte sogar noch ein gemeinsamer Weg gepflastert werden, damit auch die älteren Herrschaften mit Rollator freie Fahrt zum Ort der Begegnungen haben.  

Ursprünglich sollte das Gemeindezentrum bereits Pfingsten 2020 eingeweiht werden. Doch wieder musste wegen dem Corona-Virus umgeplant werden. Ende 2020 war das Vorhaben vollendet. Schmidt erzählte von dem Moment im Juni diesen Jahres, an dem Kinder aus dem Pfarrbereich staunend ins neue Domizil traten und die bunten Fenster bewunderten. „Es ist ein sehr schöner Raum, um mit Kindern zu arbeiten. Leider nutzen momentan nur Kinder aus Etingen unser Angebot“, bedauert der Pädagoge und motivierte die Kirchenältesten, die Familien anzusprechen. Es bestehe noch die Chance, sich für das neue Schuljahr bei der Kinderkirche anzumelden.

Bunte Fenster sorgen für das besondere Etwas

Auch die Pfarrerin kommt beim Anblick der Fenster, die dem Haus das besondere Etwas verleihen, ins Schwärmen: „Die Fenster sind eine Spende und wurden extra für dieses Haus angefertigt.“ Das Geld für die Fenster spendete Jens Bolle, der Sohn von Brigitte Dobbelmann. „Mein Sohn weiß, dass mir sehr viel an unserer Kirchengemeinde liegt“, sagt die Rätzlingerin und berichtete, dass Henriette Mewes und sie selbst begeistert vom gestalterischen Entwurf der Künstlerin Inka Schubert waren. Im Besonderen die Interpretation der Motive der jungen Leipzigerin habe den Rat letztendlich überzeugt.

„Das Haus soll auch für den Konfirmandenunterricht und für andere Anlässe genutzt werden. Die Wintergottesdienste finden hier statt. Aber auch privat kann im neuen Haus gefeiert werden“, sagte Sierig. Er erklärte, warum das Haus den Namen Max Ebeling trägt. „Ebeling war in Rätzlingen von 1882 bis 1895 Pfarrer. Er hat sich in der Region sehr verdient gemacht, weil er ein Buch mit dem Titel ,Blick in vergessene Winkel' geschrieben hat“, erklärte der Kirchenratsvorsitzende. Ebeling habe in seinem Buch die Dörfer beschrieben und damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl gestiftet. „Weil das neue Haus der Begegnung ein Symbol des Zusammenhaltens für die Gemeinden sein soll, passt der Name am besten“, schilderte Sierig.

Superintendent Uwe Jauch bedankte sich bei allen, die mit Herz und Verstand, mit Geld und Gebet dafür gesorgt hatten, dass der Bau zustande kommen konnte. Wie kein anderes Bauwerk im Kirchenkreis sei - nach Jauchs Grußworten - dieses Gebäude mit der Corona-Pandemie verbunden. „Man sollte nicht nur Dornen und Disteln jäten müssen, sondern auch mal eine Traube keltern dürfen. Wenn Sie miteinander feiern, denken Sie daran, dass der liebe Gott schmunzelnd dabei ist. Ich freue mich jetzt schon, wenn sie mich gelegentlich dazu einladen“, sagte der Superintendent mit einem Augenzwinkern.