Althaldensleben l Ganz nah steht sie vor dem kleinen Altar, um die feinen Risse der Farbe zu sehen. Ihre Nase berührt fast die Holzmaserung – aber eben nur fast. Denn berühren darf Diplom-Restauratorin Angela Günther das 500 Jahre alte Relikt nur selten. Zu groß ist die Gefahr, dass es dabei verletzt wird. Derzeit kontrolliert Angela Günther den Flügelaltar in der Althaldensleber Simultankirche. Manche Ecken erkennt sie nicht wieder, obwohl sie den Nebenaltar im Jahr 2015 umfangreich restaurierte.

„Die Schäden sind doch größer, als ich dachte“, sagt sie. Für den Laien sind diese Schäden kaum zu erkennen. Erst mit der richtigen Beleuchtung und dem perfekten Winkel sieht man kleine Schatten, die sich über das Werk legen. Dort hat die Farbe dachförmige Blasen geworfen – sie droht, abzublättern. Für die Restauratorin kommt das einem Erdbeben gleich.

Jahrzehntelang auf Reisen

Doch die Schäden sind Alterserscheinungen – immerhin war der kleine Altar jahrzehntelang auf Reisen. Er war in Obhut der Bülstringer Kirchgemeinde, zu Besuch in der St.-Marienkirche in Haldensleben, hat es sich im Jahr 2015 schließlich in der Simultankirche in Althaldensleben gemütlich gemacht.

Die Familie von Nathusius hatte angestoßen, dass der Altar gefestigt, gereinigt, retuschiert und umgesetzt wird. Vermutet wird, dass er aus dem früheren Kloster in Althaldensleben stammt. Eindeutig belegt werden kann das nicht. „Trotzdem ist der Flügelaltar nun ein bisschen mehr Zuhause“, sagt Pfarrer Jens Schmiedchen. Über die Geschichte des Altars ist wenig bekannt. Entstanden ist er auf alle Fälle vor der Reformation um 1500.

Vier Jahre lang hat Restauratorin Angela Günther den Altar nicht mehr gesehen. Denn auch bei der Restaurierung war die Expertin aus Dessau am Werk. Nun, vier Jahre später, musste das mittelalterliche Relikt erneut auf Herz und Nieren geprüft werden. Die Finanzierung für die Wartung hat das Haldensleber Unternehmen Ifa übernommen.

Viele Werkzeuge im Einsatz

Dabei sieht der Arbeitsplatz der Restauratorin auch aus wie der eines Chirurgen. Zahlreiche kleine und kleinste Werkzeuge nutzt sie, um dem Werk nahe zu kommen, es zu entstauben und zu untersuchen, ohne es zu beschädigen. Die neuen Schäden an dem Werk kommen ihrer Meinung nach von der Hitzeperiode im vergangenen Jahr.

Das ist das Wichtigste bei ihrer Arbeit: Das jeweilige Werk soll nicht erneuert, sondern möglichst originalgetreu erhalten bleiben. „Einige Stellen bessern wir farblich nach, andere bleiben abgeplatzt oder verformt“, erklärt Angela Günther. Denn: Dem Werk soll sein Alter auch angesehen werden. Er soll konserviert werden, aber nicht verändert. Es soll altern – aber eben mit Würde.

Als die Fotos der Schäden im Außenbereich des Altars fertig sind, öffnet die Restauratorin die beiden Flügel langsam. Im Inneren finden sich Figuren von 13 Heiligen. Damit wird es auch für die Restauratorin aufwendiger, denn sie muss in die kleinsten Ecken des Werks schauen – die Schäden können überall lauern. Auch von Staub und Dreck befreit sie den Altar. Dabei ist nur eine leichte Oberflächenreinigung möglich. „Ich arbeite mit einem Staubsauger mit geringer Staubleistung und sanften Pinseln“, sagt Angela Günther. Dabei berührt sie das Werk so gut wie gar nicht.

Das alte Werk soll mit Würde altern

Der Flügelaltar war bereits in seiner ursprünglichen Form ein Nebenaltar. „Das sieht man daran, dass die größte Figur in der Mitte einen Bischof zeigt“, erklärt Pfarrer Schmiedchen. Bei einem Hauptaltar werde grundsätzlich Jesus abgebildet. Um den Bischof herum sind Gestalten aus der Bibel und heilige Figuren gezeigt. Klappt man den Altar zu, ist dort die Weihnachtsgeschichte in Gemälden dargestellt. Zugeklappt ist der Altar immer in den Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern sowie vom ersten Advent bis zum Weihnachtsfest. „Es ist wie Fasten für die Augen“, erklärt Pfarrer Schmiedchen.

Höchstarbeit für die Augen

Für die Restauratorin bedeutet die Wartung Höchstarbeit für ihre Augen. Hat sie die Schwachstellen herausgefiltert, wird die Stelle gefestigt. Dafür mischt sie einen speziellen Leim mit genau festgelegtem Mischungsverhältnis – auch das ist eine Sisyphusarbeit. Anschließend wird die jeweilige Stelle mit dem Leim gefestigt, mit besonderer Kreide von der Insel Rügen und Leim bedeckt und geschliffen – erst dann darf die Farbe für die Retusche auf das Werk. Den jeweiligen Farbton muss die Restauratorin eigenhändig zusammenmischen.

Trotzdem schwärmt sie von der filigranen Arbeit, die diesen Flügelaltar ausmacht. „Es ist ein ganz wertvolles, unersetzbares Stück“, sagt die Expertin nahezu ehrfürchtig. Und nun, da sie mit ihrer Arbeit fertig ist, glänzt der Altar wieder.