Haldensleben l Ehsan Yavary ist mit Angst und Gewalt groß geworden. Er ist aufgewachsen in Afghanistan in der Provinz Daikondi im kleinen Dorf Mirgholam. Eine Fehde bestimmt das Leben im Dorf. Der Kampf um das Wasser wird mit Waffen ausgetragen, und dieser Kampf geht von einer Generation auf die nächste über.

Und Ehsan Yavary ist ein Hazara. Die Hazara sind zwar mit rund neun Prozent der Bevölkerung die drittgrößte Bevölkerungsgruppe in Afghanistan, doch sie werden diskriminiert und verfolgt, auch getötet. An ihrem Aussehen sind die Hazara leicht zu erkennen, die Augenform lässt auf die mongolische Abstammung schließen.

Mit elf Jahren in den Iran

Ehsans Mutter hat sich viel Sorgen um ihn gemacht, als ältester Sohn hätte er die Familienehre verteidigen müssen, hätte zur Waffe greifen müssen. Dazu kam die Diskriminierung. Deshalb hat ihn sein Vater als Elfjährigen zu einem Onkel in den Iran gebracht. Dort würde er zwar illegal leben, aber zumindest vor diesen Gewaltauseinandersetzungen sicher sein.

Doch im Iran sollte Ehsan jeden Morgen mit seinem Onkel zur Baustelle gehen und arbeiten. „Aber ich wollte nicht arbeiten, ich wollte zur Schule gehen“, erinnert er sich. Das aber war für ihn unmöglich. Die illegalen Afghanen werden im Iran zwar geduldet, zur Schule gehen dürfen sie aber nicht.

Irgendwann begriff Ehsan, dass er nicht weiter lernen konnte. Er fügte sich und ging mit seinem Onkel arbeiten, vor allem Fliesen legen. Und er hat geträumt von einem besseren Leben, geträumt von Europa.

Mit 14 Jahren Richtung Europa

Ehsan war fast 15, als er mit einem anderen Jungen zusammen nach Europa aufgebrochen ist. Vater und Onkel haben ihm etwas Geld dafür gegeben. Er hat auch unterwegs gearbeitet, um wieder Geld zu haben. Auf dem Weg hat er andere Flüchtende kennengelernt. „An der Grenze vom Iran zur Türkei haben die Iraner geschossen, wir sind einfach nur gelaufen. Dann kamen türkische Soldaten mit einem Hund“, erzählt Ehsan. „Ich dachte, mein Freund war hinter mir, aber er war auf einmal weg.“

Später haben sie sich wieder getroffen. Und irgendwann wieder verloren auf dem langen Weg. Von der Türkei ging es weiter nach Griechenland - mit 70 Personen auf einem Schlauchboot. „Wasser ist ins Boot eingedrungen, aber ich hatte keine Angst. Ich dachte, das ist normal“, sagt der junge Mann. „Als das Wasser hoch kam, haben wir es mit Plastetüten rausgeschöpft. Ältere haben geweint.“ Mit viel Glück sind die Flüchtlinge in Europa angekommen, auf Lesbos gelandet.

70 Leute in einem Schlauchboot

Gemeinsam mit anderen hat sich Ehsan dann entschieden, nach Deutschland aufzubrechen. Im Flüchtlingslager hätte man den Jungen zu verstehen gegeben, dass sie weiterziehen sollten. Sie waren noch Kinder, man hätte sie in ein anderes Lager bringen müssen. Sein Onkel hat Geld auf irgendein Konto überwiesen, er hat Schleuser bezahlt, sagt Ehsan. Er habe ihm immer wieder geholfen auf dieser Flucht, „er hat mir Gutes getan“, stellt er fest.

Die genaue Route weiß er nicht mehr, er kann sich nicht an alle die fremden Städte und Orte erinnern. Von Lesbos nach Athen mit dem Schiff, nach Mazedonien mit einem Bus, durch Serbien und Kroatien mit dem Zug, weiter nach Österreich, zwischendurch immer wieder Strecken zu Fuß. Eigentlich habe es überall Menschen gegeben, die den Flüchtlingen weiter geholfen haben, blickt er zurück. Die ihnen auch mal was zu essen gegeben haben. Er erinnert sich auch daran, dass er sich mit einem anderen Jungen vor Übergriffen schützen musste, und an schlimme Fußschmerzen. Sein Vater hatte ihm Mohn mitgegeben gegen die Schmerzen. „Ich habe manchmal heimlich geweint“, gesteht er. Zurück aber konnte er auch nicht.

Über Österreich, München, Magdeburg

Von Österreich kam er nach München, von dort nach Magdeburg. Er fand Zuflucht in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Asylbewerber beim Cornelius-Werk in Burg. Doch er kam nicht zur Ruhe. Er kam in der Schule nicht klar.

„Wir waren die ersten Flüchtlinge dort in der Schule“, sieht er zurück. Er fühlte sich nicht willkommen. Dann ist bei einem Schulausflug sein Freund, ein Flüchtling wie er, im Parchauer See ertrunken. „Der Schmerz hat mich runtergedrückt“, sagt er. Die psychischen Probleme nahmen zu. „Ich konnte mich nicht konzentrieren.“ Ehsan hat aggressiv reagiert, er hat Gegenstände kaputt gemacht, sogar sein Handy. Und es kam auch zu Schlägereien.

Hilfe durch das Cornelius-Werk

Im November 2017 ist er deshalb nach Königshütte in eine andere Wohngruppe vom Cornelius-Werk gekommen. Aber es ging ihm nicht besser. Praktisch über Nacht kam er dann nach Althaldensleben, wo es seit einem guten Jahr ebenfalls ein Wohngruppe des Cornelius-Werks gibt. „Wir haben einfach zugesagt, als der Hilferuf aus Königshütte kam“, erzählt Teamleiterin Djamila Odris. Eigentlich sollte Ehsan hier nur erst mal zur Ruhe kommen. Doch es schien, als ob der junge Mann jetzt endlich ankam. Dass er zu sich selber fand. Deshalb ist er auch geblieben. Vor ein paar Monaten ist er 18 geworden.

„Er hat vom ersten Tag an seine Chance genutzt“, erinnert sich die Teamleiterin. Ehsan war erschöpft. Er hatte viel Kopfschmerzen und hat in der ersten Zeit besonders viel geschlafen. Die Mitarbeiter haben viel mit ihm gesprochen, er hat sogar gemalt. Die Gruppe auch mit den jüngeren Jungen, die alle in Deutschland aufgewachsen sind, wurde ihm zum Zuhause. Die Jungen haben ihn akzeptiert wie einen großen Bruder.

Integration durch Sport

Ehsan begann auch, beim HSC Fußball zu spielen, in der A-Jugend. Hier fühlte er sich wohl und willkommen. Er bekam sogar einen Spitznamen nach einem Top-Spieler von Dortmund. Sein Trainer Mirko Duda hat ihm sehr viel geholfen. Inzwischen hat sich Ehsan aber schweren Herzens abgemeldet, weil er nicht weiter zum Training gehen kann, wenn er eine Ausbildung in Magdeburg beginnt. Und das ist jetzt sein großes Ziel.

An der BBS in Althaldensleben hat er jetzt den Hauptschulabschluss gemacht. Er ist Klassenbester, keine Note sei schlechter als 3, freut sich Djamila Odris mit ihm.

Klassenbester an der BBS

Zwei mal hat er ein Praktikum absolviert. Zum einen war er im Seniorenheim Josefinum in Althaldensleben. Dort war er sehr beliebt. Und es hat sich dort auch ergeben, dass er ein bisschen Gitarrespielen gelernt hat. Im Heim hätte man ihn gern behalten, sagt er. Aber er könne nicht ständig die älteren Menschen dort ohne Familie sehen, das hält er nicht aus, das kennt er von Zuhause nicht.

Gern hätte er ein Praktikum in einer Tischlerei gemacht. „Doch wir haben trotz großer Suche keinen Platz gefunden“, bedauert Djamila Odris. Gut geklappt hat es dagegen mit einer Fliesenlegerfirma in Magdeburg. Es fiel schon auf, dass diese Arbeit für Ehsan nicht völlig neu war. Ein Mitarbeiter aus Haldensleben hat ihn für die Praktikumszeit sogar täglich mitgenommen zur Baustelle. Und die Firma hat ihm eine Ausbildung angeboten.

Dafür braucht er jetzt noch die Zustimmung von der Ausländerbehörde. Ehsan hat immer noch Heimweh nach seiner Familie, doch jetzt möchte er in Deutschland bleiben und einen Beruf lernen. Dafür wird er sich eine eigene Wohnung suchen müssen. Aber er weiß, wenn er Hilfe braucht, ist er in der Wohngruppe in Althaldensleben immer willkommen. Dort gibt es dann wie in einer Familie auch ein Gästebett für ihn.