Vahldorf l Vor rund 7000 bis 7500 Jahren erfährt Mitteleuropa einen Umbruch. Auch auf dem Gebiet des heutigen Mitteldeutschlands geschieht für die damalige Zeit Revolutionäres. Die Menschen, die hier leben, sind Jäger und Sammler. Sie ringen sich das fürs Überleben Notwendige von der Natur ab, leben in ledernen Zelten und ziehen dem Wild hinterher, ihrer Lebensgrundlage.

Doch dann tauchen Stämme auf, die für die damalige Zeit die neue Sesshaftigkeit mit dem Bau großer Langhäuser manifestieren. Dafür müssen sie Wälder roden, den Boden benötigen sie jetzt für Ackerbau und Viehzucht. Einhergehend mit einer Bevölkerungsexplosion kommt es zu einer Reihe von technischen und wirtschaftlichen Neuerungen, die es bis dato so nicht gegeben hat. So sind die Menschen beispielsweise in der Lage, Becher oder Schüsseln aus Tonerde zu brennen. Ihre keramischen Gefäße verzieren sie mit Bandmustern aus eckigen, spiral- oder wellenförmigen Linien. Deshalb bezeichnen Historiker und Archäologen diese Hochkultur als Linienbandkultur.

Nachweis der Hochkultur bis Raum Magdeburg

„Dabei handelt es sich um die älteste bäuerliche Kultur des Neolithikums, also der Jungsteinzeit“, erläutert Melanie Weber-Walpuski. Die Archäologin vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle hat in den vergangenen Monaten Ausgrabungen entlang der künftigen Trasse der Ortsumfahrung Wedringen nördlich von Vahldorf geleitet. Dabei ist sie mit ihrem Team auf „eine rege Siedlungstätigkeit verschiedener Epochen“ gestoßen. Und in Sachen Linienbandkeramik machten die Archäologen eine sensationelle Entdeckung: „Bisher wurde diese Kultur viel weiter südlich verortet. Gefundene Siedlungsspuren aus dieser Zeit reichen bis in den Magdeburger Raum und seltener bis etwas weiter nördlich ins breite Tal der Elbe“ sagt Weber-Walpuski und fügt hinzu: „Nun konnten wir die Linienbandkeramiker aber auch hier nachweisen. Soweit nördlich, das ist neu und etwas verwunderlich.“

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Denn die Menschen im fünften Jahrtausend vor Christus siedelten dort, wo möglichst lößhaltiger Boden beste Voraussetzungen für Ackerbau und Viehzucht bot. Doch hier, im heute nördlichsten Zipfel der Einheitsgemeinde Niedere Börde, ist der Boden eher sandig. „Das sind nicht die besten Voraussetzungen, sich hier nieder zulassen. Vielleicht hielten die Bewohner von hier aus Kontakt nach Norden“, meint die Grabungsleiterin. Warum genau die Menschen sich trauten, trotz des schlechteren Bodens hier sesshaft zu werden, gelte es in den kommenden Monaten zu klären.

Vermutlich entsprang die Kultur einst aus dem Karpatenbecken, einer ausgedehnten Tiefebene im südlichen Ostmitteleuropa. Die Ahnen der „neolithischen Revolution“ sind jedoch im Vorderen Orient zu suchen.

Dabei ist laut Weber-Walpuski nicht eindeutig geklärt, wie die Linienbandkultur einst Mitteldeutschland eroberte, ob durch tatsächliche Einwanderung von Gruppen aus dem nahen Osten, die Träger der bandkeramischen Kultur waren, oder durch Technik- und Wissenstransfer. Demnach hätten sich die Menschen die Kulturtechniken sozusagen durch Abschauen angeeignet. „Darüber besteht gerade ein wissenschaftlicher Disput. Ich denke, es wird Beides stattgefunden haben. Doch vielleicht ergeben sich anhand der Auswertungen unserer Funde ja weitere Anhaltspunkte“, hofft die Archäologin.

Rund 50.000 Objekte habe ihr Team dem Boden abgerungen – aus ganz unterschiedlichen Epochen. So erzählt die Fachfrau auch von Nachweisen aus der Zeit der Völkerwanderung. Doch der Wissenschaftlerin hätten es vor allem eben jene aus der Zeit des Neolitikums angetan. „Die Fundsituationen der Bandkeramischen Kultur haben wir in diesem Maße tatsächlich so nicht erwartet“, berichtet die Wissenschaftlerin. So seien beispielsweise die bis zu 36 Meter langen und für diese Hochkultur typischen Häuser mit vierschiffigem Grundriss nachgewiesen worden. Die Nordwest-Südost-Orientierung und die hausumgebenden Gräben seien ganz typisch für Gebäude jener Epoche.

Auch auf unzählige Gefäße sind die Ausgräber gestoßen, und zwar auf jene, die wegen ihrer Gestaltung der Kultur ihren Namen gibt. So zeigt Melanie Weber-Walpuski mehrere zusammengefügte Keramikscherben. Obwohl nur noch rudimentär vorhanden, ist sofort erkennbar, dass diese einmal Becher gewesen sein müssen. Sehr gut sind die typischen Linien zu erkennen – hergestellt von Menschenhand vor mehr als 7000 Jahren!

Außerdem zeigt die Archäologin mehrere Werkzeuge wie ein Beil aus fast schwarzem Stein sowie dutzende Feuersteinklingen. Bei genauem Hinsehen sind Bearbeitungsspuren zu erkennen, als wenn erst gestern Hand angelegt worden wäre.

Außerdem haben die Ausgräber außergewöhnlich runde Steine gefunden, sehr handlich und mit einer ebenen Fläche. „Diese wurden zum Klopfen beispielsweise bei der Werkzeugherstellung benutzt “, ist sich Weber-Walpuski sicher.

Dann bringt sie einen mächtigen Brocken zum Vorschein, aus hellem, halbmondförmigem Gestein. Wegen seines Äußeren erinnert er an eine Bake, jenes Schiffchen auf der weltberühmten Himmelsscheibe von Nebra. Doch die soll erst tausende Jahre später entstehen. „Tatsächlich handelt es sich hierbei nicht um einen rituellen Stein, sondern um eine Art Malstein“, erklärt die Fachfrau. Dabei habe das Fundstück als Unterlage gedient, auf der Getreide gemahlen wurde.

50.000 Objekte werden noch ausgewertet

Und dass die Linienbandkeramiker nicht mit Fellen wie die bekannten Zeichentrickfiguren aus den „Flintstones“ herumliefen, beweisen kleine flache Scheiben aus Stein. In der Mitte sind sie jeweils mit einem Loch versehen. Laut der Wissenschaftlerin handelt es sich dabei um Webgewichte und sogenannte Wirtel, also Steine als Schwungmasse für kleine Handspindeln.

„Wir haben so viele Funde gemacht, dass noch längst keine endgültigen Ergebnisse unserer Grabungen vorliegen“, betont Melanie Weber-Walpuski. So seien die Arbeiten unter freiem Himmel zwar beendet, aber der Großteil der Auswertungen steht ihr und ihrem Team erst noch bevor.

Hierfür haben sie sich ein Grabungsbüro in Althaldensleben eingerichtet. Hier lagern die Funde zunächst, um katalogisiert und genau bestimmt zu werden. „Das macht tatsächlich richtig Spaß“, sagt die Forscherin nicht ohne Stolz, und ergänzt: „Vor allem, wenn wir immer wieder feststellen, dass es sich bei diesem Platz um die bisher nördlichste Siedlung der Linienbandkeramik-Kultur handelt, die bisher nachgewiesen wurde.“