Calvörde/Wegenstedt l „Unsere Kinder fahren jeden Morgen mit einem überfüllten Bus zur Schule. Auch die Erstklässler müssen im Bus stehen. Das geht gar nicht“, sagt die Calvörderin Anna Voigt, deren Tochter Lea zu den Erstklässlern der Grundschule in Wegenstedt gehört. Im Namen einiger besorgter Eltern hatte sich Anna Voigt mit ihrer Kritik an der Schülerbeförderung an die Volksstimme gewandt.

Kinder aus Orten der Mitgliedsgemeinde Calvörde besuchen die Grundschule „Am Wald“ in Wegenstedt. Der Landkreis Börde ist für den Transport der Kinder zuständig. Während einige Eltern ihre Kinder mit Pkw zur Schule fahren, sind die meisten täglich auf den Schulbus angewiesen. Immer wieder ist der Schülertransport bei Elternversammlungen ein heiß diskutiertes Thema. Seit Jahren ist der Zustand unverändert. Kinder, die keinen Platz im Bus abbekommen, müssen stehen. Möglichkeiten, sich mit einem Gurt anzuschnallen, gibt es nicht.

Schon oft mit Instanzen in Verbindung gesetzt

Sabine Keiner-Brestrich, kommissarische Leiterin der Grundschule, kennt die Ängste der Eltern. „Schon oft habe ich mich – auch vor ein paar Tagen wieder – mit dem Landkreis und auch mit der Busgesellschaft in Verbindung gesetzt. Aber gesetzlich stehen den Kindern leider im Bus keine Sitzplätze zu. Wir können nichts tun“, sagt die Schulchefin.

Gemeinsam mit anderen Müttern und Vätern steht Anna Voigt morgens an der Haltestelle an der Velsdorfer Straße in Calvörde und wartet auf den Bus, der die Kinder über Velsdorf und Mannhausen nach Wegenstedt fährt.

„Wichtig ist nicht nur, dass mein Kind sitzen kann, sondern, dass alle Schüler einen Sitzplatz haben. Wenn der Bus wirklich mal scharf bremsen muss und ein Kind fliegt durch den Bus, dann kann das böse enden“, weiß Sarah Alwast, deren Sohn Lionel die zweite Klasse besucht.

Ganz normaler Linienbus statt Schulbus

Auf der Strecke fährt ein ganz normaler Linienbus. „Es geht auf huckeligen Straßen über Land. Manche Kinder müssen stehen und auch die, die einen Sitzplatz bekommen, sind nicht angeschnallt“, kritisiert auch Stefanie Günther. Ihre Tochter Lotta besucht ebenfalls die erste Klasse.

Erstklässlerin Lea erzählt: „Meistens lassen uns die älteren Kinder sitzen, aber nicht immer.“ Erik betont, dass er Rücksicht auf die Jüngeren nimmt. Sein Vater David Barkmann erinnert sich an einen Unfall vor über zwei Jahren: „Damals hatte ein Traktor dem Bus die Vorfahrt genommen. So schnell geht das.“ Erik erzählt: „Der Junge, der damals verletzt wurde, ist mein Freund. Er stand im Bus in der Mitte.Als der Busfahrer ganz stark bremste, ist er hingefallen.“

Immer müssen einige Kinder stehen

Dann kommt der Bus. Wieder müssen an diesem Morgen vier bis fünf Kinder stehen. In Velsdorf und Mannhausen kommen noch etwa zehn dazu. „Viele Eltern fahren ihre Kinder ja selbst schon, weil der Zustand so katastrophal ist. Ich kann nicht verstehen, warum der Landkreis das zulässt“, ärgert sich David Barkmann. „Ein normaler Schulbus, in dem alle Kinder sitzen können, würde uns schon reichen“, sagt Anna Voigt, die ihrem Kind von draußen zuwinkt.

Die Anfrage der Volksstimme zur Situation nimmt der Landkreis Börde zum Anlass, die Kapazitäten im Bus zu überprüfen. Dazu fährt der Verkehrsmeister der Börde-Bus-Verkehrsgesellschaft in Vahldorf auf der Linie 644 von Calvörde Markt nach Wegenstedt mit.

Unternehmen agiert kostensparend

Der Verkehrsmeister stellte bei dieser Fahrt fest, dass alle Sitzplätze besetzt waren. 15 Schüler mussten auf dieser Tour stehen. „Damit entspricht die Anzahl der zu befördernden Personen der möglichen Kapazität des Busses. Unhaltbare Zustände konnten nicht festgestellt werden“, heißt es im Bericht des Verkehrsmeisters.

„Einen rechtlichen Anspruch auf einen Sitzplatz im Bereich der Linienverkehre gibt es nicht“, erklärt Friederike Hecht, Amtsleiterin für Bildung und Kultur im Landkreis. Einen Sitzplatz könnten die Eltern daher auch nicht einfordern.

Mit dieser Aussage ist Anna Voigt nicht einverstanden. „Die stehenden Kinder können sich im Bus nicht richtig festhalten und haben auch noch ihre schweren Ranzen und Sporttaschen dabei“, schildert die Mutter.

Kein Handlungsbedarf des Landkreises

Die Mitnahme von Schulranzen und Sporttaschen werde dahingehend berücksichtigt, dass lediglich 80 Prozent der Stehplätze ausgelastet werden dürfen, heißt es von der Amtsleiterin. Die eingesetzten Busse würden den gesetzlichen, technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen, insbesondere auch im Bereich der Haltesysteme, entsprechen. Auch die geringe Körpergröße der Grundschüler, im Vergleich zu Jugendlichen beziehungsweise Erwachsenen sei berücksichtigt worden. „Sobald Personen stehend befördert werden, gilt als durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit 60 Kilometer pro Stunde, anderenfalls gelten 80 Kilometer für die Busse“, so die Amtsleiterin. Vor diesem Hintergrund bestehe rechtlich seitens des Landkreises kein Handlungsbedarf.

Anna Voigt möchte wissen, ob nicht morgens ein zweiter oder ein größerer Bus fahren könnte. „Wir haben einen Bus, dessen Kapazität ausreicht. Es ist auch eine Sache der Wirtschaftlichkeit und der Ressourcen, die man hat“, erklärt Monique Michl, Sachgebietsleiterin Schulische Bildung im Landkreis. Friederike Hecht schlägt vor, dass die Eltern der Viertklässler mit ihren Kindern sprechen, damit diese den jüngeren Mitschülern ihre Sitzplätze überlassen.

Mit den Antworten ist Anna Voigt unzufrieden und fragt: „Muss denn erst etwas Schlimmes passieren, damit die Gesetze geändert werden und jedes Kind einen Sitzplatz und die Möglichkeit bekommt, sich anzuschnallen?“