Haldensleben l Selten war das Interesse an einer Ausschusssitzung im Landratsamt so groß: Mehrere Dutzend Gäste waren zur Sitzung nach Haldensleben gekommen, mehrheitlich Schulsozialarbeiter und Eltern. Grund für ihre Präsenz war das seit Wochen schwelende Thema der Schulsozialarbeit an den Grundschulen im Landkreis Börde. Zum Ende des Schuljahres laufen die Verträge der neun Schulsozialarbeiter aus. Und bis heute ist deren Zukunft unklar. Bisher wurden ihre Stellen aus dem Bundesprogramm Bildung und Teilhabe finanziert. Dieser Topf ist inzwischen allerdings leer.

Da der Ausschuss den Gästen das Rederecht zusprach, kam es zu flammenden Plädoyers. Mirko Günther, Geschäftsbereichsleiter des Paritätischen Sozialwerkes, das Träger für einen Großteil der Schulsozialarbeiter ist, verwies auf die Bedeutung der Arbeit. Schulsozialarbeit sei vor allem Beziehungsarbeit, Beziehungsarbeit zu den Schülern, zu den Eltern und zu den Lehrern. „Das sorgt für ein gutes Schulklima, um Kindern die besten Möglichkeiten zu geben, sich erfolgreich Wissen und Können anzueignen“, so Günther. Diese Beziehungsarbeit basiere aber auf einem Grundpfeiler: Vertrauen. Und dieses Vertrauen sei an den Schulstandorten gewachsen. „Wenn wir jetzt die sozialpädagogische Arbeit an den betroffenen Schulen beenden, dann brechen wir diese Beziehungsarbeit entzwei, dann geht Vertrauen unwiederbringlich verloren. Verlieren werden nicht nur die Kinder ihre Vertrauensperson, verlieren werden wir als Träger auch wunderbare, engagierte Mitarbeiter“, schloss Mirko Günther.

Neun Stellen sind vakant

Seiner Rechnung nach müssten in den laufenden Haushalt 244.000 Euro eingestellt werden, um die Schulsozialarbeit bis Ende des Jahres so weiterzuführen wie bisher. Hinzu würden für das erste Halbjahr 2020 336.000 Euro kommen. Ab dem Schuljahr 2020/21 baut Günther dann auf das Landesförderprogramm für die Schulsozialarbeit, das vom Landtag in Aussicht gestellt wird. Damit sollen 100 Prozent der Kosten übernommen werden.

Damit würden auch die weiteren 31 Schulsozialarbeiter finanziert werden, deren Verträge im Sommer 2020 auslaufen. Denn die neun jetzt auslaufenden Verträge sind nur die Spitze des Eisbergs. Die über das EU-Förderprogramm EFRE finanzierten 31 Stellen an den weiterführenden Schulen sind bis dahin befristet.

Emotional wandte sich Rätzlingens Ortsbürgermeister Wilhelm Behrens an den Ausschuss. Er machte aus seinem Herz keine Mördergrube und schwärmte von der Arbeit, die von der Schulsozialarbeiterin an „seiner“ Grundschule und im Hort geleistet wird. „Bitte unternehmen Sie etwas, damit das nicht kaputtgeht. Versucht irgendetwas!“, bat er die Ausschussmitglieder.

Antrag für den Kreistag

Eine Botschaft, die ankam. Landrat Martin Stichnoth (CDU) versprach erneut, sich für den Fortbestand der Schulsozialarbeit einzusetzen. Er betonte allerdings auch, dass man das Land nicht aus der Pflicht nehmen dürfe. „Damit würden wir ein falsches Signal setzen“, so Stichnoth. Eigentlich sei die Finanzierung der Stellen schließlich eine Landesaufgabe, aber er warte noch immer auf eine Antwort aus dem zuständigen Sozialministerium.

Außerdem sieht er die Kommunen und deren Bürgermeister als Schulträger der Grundschulen in der Pflicht. „Wir als Landkreis sind in erster Linie für die 31 Stellen an den kreisgetragenen weiterführenden Schulen verantwortlich“, so der Landrat. Zu dem Thema würde er gerne mal eine Stimme aus dem Städte- und Gemeindebund hören, prangerte Stichnoth an. „Aber wir haben den Auftrag erkannt und werden als Kreisverwaltung eine Vorlage erarbeiten, die die notwendigen Gelder bis zum Sommer 2020 sicherstellt.“ Diese Vorlage soll dann am 15. Mai 2019 zur letzten Kreistagsitzung vor der Neuwahl zur Abstimmung gestellt werden.

Dieses Versprechen sorgte für ungewohnten Applaus während der Sitzung, nicht nur von den Gästen, sondern auch von den Ausschussmitgliedern. Gudrun Tiedge (Die Linke), zeigte sich hocherfreut über die Entscheidung des Landrates. „Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass eine solche Vorlage Zustimmung im Kreistag finden wird“, so Tiedge. Daran, dass im kommenden Jahr eine 100prozentige Landesförderung komme, glaube sie aber noch nicht.

Am Ende zeichnete sich ab, dass Konsens darüber herrschte, die jetzt auslaufenden Stellen zunächst ein weiteres Jahr zu erhalten. Entweder mit kreiseigenen Mitteln, oder mit einer Mischkalkulation, an der sich auch die Kommunen beteiligen.