Hörsingen l Julian Sprott ist ein aufgeweckter, aufgeschlossener Teenager, der den Sprung von der Grundschule ins Gymnasium geschafft hat. Der Zehnjährige hat Vorlieben und Dinge, die er nicht mag - wie alle Teenager in seinem Alter. Doch Julian hat es schwerer als andere Kinder in seinem Alter, denn der Junge leidet seit seiner Geburt an Spina bifida, einer angeborenen Fehlbildung der knöchernen Wirbelsäule und des Rückenmarks. Die Auswirkungen dieser Erkrankung sind höchst unterschiedlich, bei Julian ist unter anderem der Bewegungsapparat betroffen, er ist auf den Rollstuhl und Gehhilfen angewiesen.

Für die Schule kann sich Julian begeistern, vor allem Geschichte zählt zu seinen Lieblingsfächern. Mit Mathematik hat er allerdings einige Probleme.

Doch Julian kämpft an vielen Fronten, derzeit vor allem beim Treppensteigen. Denn um in seine Schule, das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Weferlingen, zu gelangen, muss er mindestens eine Treppe am Eingang überwinden. Seine Klasse und sein Klassenleiter stehen hinter dem Jungen, auch die Schulleitung. Der Unterricht der Klasse wurde in diesem Schuljahr so gelegt, dass er meistens im ersten Obergeschoss stattfindet, so dass Julian nur die Eingangs-treppe überwinden muss.

„Herr Grießbach hat soviel möglich gemacht, dass Julian das Gymnasium besuchen kann“, sagt seine Mutter Yvonne Sprott und dankt dem Schulleiter für sein Engagement. Er wäre sogar bereit, entsprechend Umbauarbeiten in der Schule voranzutreiben, um die Inklusion dauerhaft zu ermöglichen. Allerdings trifft auch er im Dschungel der deutschen Bürokratie immer wieder auf Hürden, die kaum zu überwinden sind.

Dabei erhält die Familie Sprott schon Unterstützung von Adrian Maerevoet, seit 2005 Beauftragter der Landesregierung von Sachsen-Anhalt für die Belange behinderter Menschen. „Vieles steht auf dem Papier, aber in der Praxis lässt es sich einfach nicht umsetzen“, weiß Yvonne Sprott. Inklusion sei gewollt, aber es passiere einfach nichts. Deshalb sei sie dem Behindertenbeauftragten sehr dankbar für die viele Zeit und Unterstützung, die er für die Hörsinger investiert.

Betreuer für Julian

Julian steht während der Unterrichtszeit ein Betreuer zu, den aber muss die Familie selbst suchen. „Ich soll einen Mann suchen, der Julian besser an der Treppe unterstützen kann als eine Frau. Aber woher soll ich jemanden nehmen, der solch eine Tätigkeit kann und dazu bereit ist“, nennt Yvonne Sprott ein Beispiel.

Ihre Arbeit musste sie aufgeben, fährt zwischendurch von Hörsingen nach Weferlingen zur Schule, wenn Not am Mann ist und seine Betreuerin wie kürzlich ausfällt.

Für Physiotherapien, Rehabilitationsmaßnahmen, Arztbesuche und Begutachtungen für neue Hilfsmittel ist sie mit Julian ständig zwischen Berlin und Bonn unterwegs.

Gut, dass sie seit mittlerweile fünf Jahren Klaus-Dieter und Kornelia Gummert an ihrer Seite weiß. Das Erxleber Unternehmerehepaar hilft alljährlich mit Spendensammlungen an ihren Ständen zwischen Magdeburg und Wolfsburg, wo saisonal bedingt Erdbeeren und Erdbeerprodukte verkauft werden.

Inzwischen hat sich aus der anfangs als Hilfe für Julian gedachten Initiative eine echte Freundschaft entwickelt. Sprotts sind auf den Erdbeerfeldern ebenso gern gesehen wie in diesem Jahr zum 25. Betriebsjubiläum von Erdbeer-Gummert.

Seine offene Art hat Julian und seiner Familie in diesem Jahr schon ganz tolle Momente beschert. Bei zwei Konzerten der südafrikanischen Rock-, Pop- und Indie-Band „The Parlotones“ in Hannover und Hamburg durfte er den Musikern ganz nah sein. Dank eines „Meet & greet“-Aufrufes auf Facebook gewann Julian mit einem eingereichten Foto, auf dem er sich eindeutig als Fan der Band outete, das Treffen mit den Paralotones. Fans hatten zugunsten Julians auf ihre eigenen Bemühungen verzichtet, um den Konzertbesuch zu ermöglichen. Die Fanartikel der Johannesburger Band, die er auf dem Foto zeigen konnte, hatte die Familie von einem Benefizkonzert 2011 in Magdeburg mitgebracht.